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Peter Glotz
Die bildungspolitische Debatte in Deutschland ist von eintöniger Vorhersehbarkeit. Ein milder Etatismus streitet seit langem mit einem scheinradikalen, in Wirklichkeit aber innerlich unsicheren Liberalismus. Der Elitebegriff ist für diese unentschlossene Konfrontation ein gutes Beispiel. Die milden Etatisten wissen natürlich, dass es Machteliten gibt und dass man Biotope zur Förderung von Exzellenz braucht.
Die bildungspolitische Debatte in Deutschland ist von eintöniger Vorhersehbarkeit. Ein milder Etatismus streitet seit langem mit einem scheinradikalen, in Wirklichkeit aber innerlich unsicheren Liberalismus. Der Elitebegriff ist für diese unentschlossene Konfrontation ein gutes Beispiel. Die milden Etatisten (der Staat sorgt für Chancengleichheit) wissen natürlich, dass es Machteliten gibt und dass man Biotope zur Förderung von Exzellenz braucht; sie wollen es aber nicht laut sagen, weil ihnen sonst der eigene Mittelbau und die "studentischen Massen" übers Maul fahren. Und die Liberalkonservativen, denen der Elitebegriff leicht von den Lippen geht, haben ihre Machtbasis in den Ländern und Regionen. Sowohl Ministerpräsidenten als auch Hochschulrektoren sind eher theoretisch als praktisch für Elite: Weiß man, ob man unter den Glücklichen sein wird, wenn drei oder fünf Universitäten aus einem Kreis von 97 eine besondere Förderung erfahren?

Das Anliegen der Bundesregierung ist relativ simpel und relativ einleuchtend. Man will erreichen, dass eine Hand voll deutscher Universitäten so gut werden und einen so attraktiven Markennamen bekommen wie Berkeley, Penn-State oder die ETH Zürich. Harvard und Stanford, immer wieder genannt, sind unerreichbar. Der jährliche Etat von Stanford ist zehnmal so groß wie der der Humboldt-Universität. Harvard verfügt über ein (allerdings verzweigtes) Endowment von 19 Milliarden Dollar. Aber es wäre ja durchaus ein sinnvolles Ziel, die Qualität und den Ruf der University of California, Campus Berkeley, zu erreichen. Dann würde ein Teil der derzeit nach Amerika wegflippenden "Eliten" bei uns bleiben und von unserem Wertesystem geprägt werden. Bringen wir es mal auf die einfachst mögliche Formel: Soziale Marktwirtschaft statt Shareholder-Value-Orientierung. Eucken statt Rappaport

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Den "Elitebegriff" braucht man für diese Übung eigentlich nicht. Den brauchte nur der inzwischen abgelöste SPD-Generalsekretär Olaf Scholz zur Verblüffung der Öffentlichkeit und zur Ablenkung von der mühevollen Sozialpolitik. Es würde genügen, von Research-Universities oder Spitzenuniversitäten zu sprechen. Man muss den Elitebegriff aber auch nicht meiden, nur weil die Nazis ihn missbraucht haben. Es gibt einen unverdächtigen Begriff der "Powerelite" (von C. Wright Mills), der ohne Missdeutbarkeit auf die Inhaber der wichtigen Funktionen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur angewendet werden kann. Diese Leute wollen wir doch (selbst) ausbilden, wenn es geht, und zwar gut, oder? Es gibt auch einen schon komplizierteren Begriff der "Wertelite", den man allerdings Ausbildungsinstitutionen nur schwer zuordnen kann. Zur Wertelite kann auch der Landpfarrer aus einem kleinen Priesterseminar gehören, und der kaufmännische Angestellte, der sich zum SPD-Vorsitzenden durchgeschlagen hat. Allerdings bemühen sich die besten Undergraduate-Colleges der Welt, ob in Oxbridge oder Philadelphia, beide Begriffe zu verbinden - also Machtträger mit Wertesystem hervorzubringen. Wir Deutschen sind von solchen Möglichkeiten weit entfernt

Wer das Thema Spitzenuniversität ernst nimmt, darf allerdings nicht nur vom Geld reden. Was das Geld betrifft, hat die Bundesbildungsministerin im zweiten Zug ein sinnvolles Konzept entwickelt: 250 Millionen Euro pro Jahr für fünf Jahre an fünf Universitäten zu verteilen, die in einem zweistufigen Prozess aus allen 97 Universitäten ausgewählt werden. Das ist finanziell karg, aber besser als alles, was seit Jahrzehnten in Aussicht gestellt wurde

Es geht aber nicht nur ums Geld. Spitzenuniversitäten müssen ihre Studenten selbst aussuchen dürfen, müssen bestimmen können, wie viele Studierende sie aufnehmen wollen, sollten in der Bezahlung ihrer Professoren frei sein, brauchen eine aggressive internationale Orientierung und müssen ein festes Netzwerk von Professoren, Förderern, Alumni und gegenwärtigen Studierenden bilden. Es muss sich "auszahlen", an solch einer Universität hohe Gebühren zu zahlen oder ein teures Stipendium zu verbrauchen - auszahlen im geistigen und materiellen Sinn. Diese Ludwig-Maximilians-, Georg-August- oder Humboldt-Universität muss in einem jahrzehntelangen Prozess zu einem weltweit bekannten Markennamen gemacht werden. Wollen wir das?

Wir sollten es wollen. Noch immer ist es eine der deutschen Stärken, dass der durchschnittliche Ingenieur, Physiker oder Jurist, den wir ausbilden, besser ist als der aus den USA, Italien oder Frankreich. Das sollte er bleiben. Deshalb darf die Regelfinanzierung (der Länder) für das Hochschulsystem nicht unter einem Förderungsprogramm für "Elite" leiden. Aber ein, zwei, drei internationale Brutstätten, Wissensknotenpunkte, Elitenbiotope, in denen sich Deutsche und Leute aus aller Welt aneinander abarbeiten und aneinander gewöhnen, hätte viele Vorteile. So lange wir glauben, dass bei uns Ideen, Konzepte, Produkte und Prozesse entwickelt werden, die in der ganzen Welt angewendet werden können, so lange sollten wir Plattformen für diese (geistigen) Erzeugnisse schaffen. Der Verzicht auf "Eliteuniversitäten" ist der Verzicht auf das "made in Germany".
Dieser Artikel ist erschienen am 04.05.2004