Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Mario Montis Vordenker

Von Michael Scheerer, Handelsblatt
Lars-Hendrik Röller soll als erster Chefökonom künftig Niederlagen des EU-Wettbewerbskommissars verhindern. Der Berufung des Berliner Wissenschaftlers ging eine Serie von Niederlagen der Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof voraus.
BRÜSSEL. Röller kam Anfang September nach Brüssel, als erster ?Chefökonom? von EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti. Sein Büro im sechsten Stock der Generaldirektion Wettbewerb mag so schmucklos sein wie der Wartesaal eines deutschen Arbeitsamtes. Aber die Fahne steht. Willkommen im Club.Kaum ist das Gespräch eröffnet, finden sich weitere Indizien für den ausgeprägten Integrationswillen des 45-Jährigen. Wenn der Professor für Volkswirtschaftslehre über seinen Arbeitgeber spricht, dann redet er gern in der ersten Person Plural. ?Wir als Regulator? müssten die Interessen des Verbrauchers im Auge haben, sagt er zum Beispiel. Das signalisiert: Ich bin jetzt ein Teil der großen Kommissionsfamilie.

Die besten Jobs von allen

Wie steht?s mit Heimweh nach Berlin und der Humboldt-Universität, wo Röller Industrieökonomie lehrte? Für solche Gefühle bleibt keine Zeit. Der Mann mit dem gemütlichen Vollbart hat schnell gelernt, dass man sich im Umfeld von Mario Monti den Ruf eines Aktenfressers zulegen muss. Zwölf Stunden pro Tag sind das Minimum. Götz Drautz, oberster Fusionsprüfer, und der Ex-Generaldirektor der Monti-Behörde, Alexander Schaub, erzählen gern, dass sie als Letzte das Licht ausmachen. Röller versichert, er nehme oft Dossiers mit nach Hause. Da sage noch einer, deutsche Tugenden seien nichts mehr wert bei den Brüsseler Kartellwächtern.Der Berufung des Berliner Wissenschaftlers ging eine Serie von Niederlagen der Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof voraus. Gleich dreimal schrieben die Richter der Wettbewerbsbehörde ins Stammbuch, sie habe Fusionsverbote nicht ausreichend begründet oder falsche Schlussfolgerungen gezogen. Für die zuständige Abteilung, die sich eitel ?Task Force? nannte und bis dahin den Ruf einer Elitetruppe genossen hatte, brach eine Welt zusammen. Es war die Welt unangreifbarer Entscheidungen, in denen Sachbearbeiter auftraten wie Konzernchefs. Selbst Jack Welch, Ex-Herrscher über General Electric, musste in Brüssel um einen Termin bitten wie der Patient beim Zahnarzt. Monti löste die Spezialeinheit auf und stellte Röller ein. Er soll dafür sorgen, dass peinliche Patzer nicht mehr vorkommen. Ökonomische Theorie als Mittel gegen Fehlleistungen übereifriger Beamter ? dafür scheint er wie kaum ein zweiter seiner Zunft geeignet zu sein.In einer Studie seines Berliner Instituts werden 164 Fusionsentscheidungen der Kommission geprüft und mit den Reaktionen der Börse verglichen. Ergebnis: Vier von 14 verbotenen Zusammenschlüssen seien unzutreffend gewesen, weil die positiven Markteffekte dieser Fusionen nicht erkannt wurden. Umgekehrt hätten aber 37 von Brüssel genehmigte Fusionen dem Wettbewerb eher geschadet. Die Fehlerhäufigkeit sei ?während der Amtszeit von Kommissar Monti gestiegen?.Wer Röllers Arbeit für eine bessere Wettbewerbskontrolle studieren will, muss nur einen Blick auf die Wandtafel hinter seinem Besuchertisch werfen. Rechts eine rote Nachfragekurve, darunter in Blau ein ?Rate-of-Return?-Modell für Aktienmärkte, links die ökonometrische Darstellung einer Vertriebskette. Dem Laien könnte schwindelig werden von den Kurven und Zahlen, mit denen der Wissenschaftler operiert. ?Das sind alles laufende Fälle?, erzählt Röller. Aber reden darf er nicht darüber. Die Generaldirektion Wettbewerb lässt sich ungern in die Karten gucken.Doch wenn Röller ? ganz generell ? über seine Thesen spricht, klingt alles ganz einfach. ?Oligopole, ja selbst Monopole sind nicht von vornherein schlecht?, meint er. So ähnlich steht es in einem Gutachten, das er in Berlin für Microsoft geschrieben hat. Gerade im Softwarebereich könne Konzentration sehr wohl von volkswirtschaftlichem Nutzen sein, erläutert er. ?Sozial unerwünschte Preiskriege zwischen Anbietern inkompatibler Produkte werden so verhindert.?Wegen seiner Expertise für Microsoft wurde er vom Kartellverfahren gegen das Bill-Gates-Imperium ausgeschlossen. Ein Skandälchen wegen Befangenheit eines führenden Mitarbeiters kann Monti nicht gebrauchen. Aber die Microsoft-Anwälte haben es sich bei einem Hearing in Brüssel nicht nehmen lassen, aus dem Röller-Gutachten zu zitieren. Fazit: Regulierer dieser Welt, lasst Microsoft in Ruhe.Der Mann, der in den USA studiert hat, gilt als Anhänger offener Märkte. Röller verlangt, bei Fusionsentscheidungen nicht nur die negativen Konzentrationseffekte zu berücksichtigen, sondern die ?positiven Synergien? stärker zu bewerten. Manche in seiner Umgebung sagen gar, er sei Anhänger von Milton Friedman und dessen ultraliberaler ?Chicagoer Schule?.Kenner der Wettbewerbspolitik erwarten, dass es zwischen Röller und den Hardlinern in Montis Dienststellen zum Krach kommt. ?Entweder Röller wagt den Kampf und setzt sich durch, oder er wird zum Feigenblatt?, prophezeit ein Insider. Die Ära Monti wird der Deutsche aber überleben. Dessen Amtszeit endet nächsten Herbst ? Röller hat einen Dreijahresvertrag.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.01.2004