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Marathon der guten Wünsche

Von H. Alich, C. Nesshöver; Handelsblatt
Die Opulenz der Neujahrsempfänge spiegelt Ansehen und Macht von Frankreichs Elite wider.
PARIS. Nicht jeder hat die nötige Ausdauer, um in Paris das Jahr standesgemäß zu begrüßen. Beim Neujahrsempfang von Präsident Jacques Chirac unter den vergoldeten Decken des Elysée-Palastes tat es einen dumpfen Knall. Ein Kameramann war ohnmächtig geworden und fiel von seinem Podest. Unbeeindruckt beendete Chirac seine Rede. Dann gab es Champagner Marke Moët & Chandon.Jahraus, jahrein ist es dasselbe Marathon, dem sich Frankreichs Elite aus Politik und Wirtschaft in den ersten Januarwochen stellen muss. Es gilt, ?les v?ux? zu entrichten und zu empfangen, die guten Wünsche für das neue Jahr: an Untertanen und Kollegen, Alliierte und Gegner, Kunden und Lieferanten. Klar, dass es dabei kulinarisch sehr fein zugeht: Zum Champagner erquicken sich die stehenden Gäste an ?petits fours? und ?amuse gueule?. Doch wie üppig Politiker oder Konzernchefs ihre Empfänge gestalten und wo, das ist auch ein Indiz für ihr Ansehen, ihre Macht oder die wirtschaftliche Lage ihrer Unternehmen.

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Aber eine Regel des neujährlichen Protokolls ist unumstößlich: Niemand darf den Seinen vor dem Staatschef zuprosten. Chirac gehört die ganze erste Januarwoche allein. Er empfängt diplomatisches Korps, Sozialpartner, Streitkräfte, Medien. Das Procedere ist immer gleich: Zunächst stehend auf den Präsidenten warten und mit den Augen (nur damit!) die Köstlichkeiten auf den Büfetts liebkosen, dann Auftritt und Rede Chiracs, schließlich ? endlich ? Gaumenschmaus.Nach Chirac darf der Premierminister einladen. Sein Büfetts ist das opulenteste, seit Linkspremier Lionel Jospin (1997 bis 2002) mächtig auftischte, um die Empfänge des ungeliebten Konkurrenten Chirac noch zu toppen. Auch der momentane Amtsinhaber Jean-Pierre Raffarin (Champagner: Taittinger) ließ sich nicht lumpen: Eine schier endlose Reihe von befrackten Kellnern brachte stets neue Körbchen mit frischen Austern.Dass sich das Plastikdach, mit dem Raffarin seinen beengten Amtssitz, das Hôtel Matignon, in den Garten verlängern ließ, unter Regenmassen kritisch dehnte, ließ die Schlemmenden ungerührt. Der Premier, wohlgebräunt nach seinem Urlaub am Bodensee, gab sich bestens gelaunt ? ein Spiegel der seit Wochen wieder besseren Ergebnisse in den Meinungsumfragen.Auch bei den Unternehmern ist der Neujahrsempfang nicht selten ein Zeichen für die wirtschaftliche Situation der Firma. Eindeutiger Neujahrskönig der Unternehmer ist EADS-Co-Chef Philippe Camus. Der Jazzfan lädt stets in den Salle Wagram ein, eine der traditionsreichsten Konzerthallen der französischen Hauptstadt.?Setzen Sie sich lieber schnell hin, meine Rede dauert drei Stunden?, begrüßte er seine Gäste launig im unteren Teil der Saal-Anlage ? als Champagner gab es die Hausmarke des Edel-Caterers Le Nôtre. Tatsächlich beschränkte sich sein obligatorischer Jahresrück- und Ausblick nur auf zwanzig Minuten, bevor Camus stolz die Höhepunkte des Abends ankündigte: Das Jazz-Trio Joachim Kühn und als Haupt-Act keine Geringere als Grammy-Gewinnerin Dianne Reeves.Nicht alle Anwesenden teilten die Musik-Begeisterung ihres Gastgebers. Im Festsaal herrschte ein Geräuschpegel wie in einer Bahnhofshalle. Aber die Tatsache, dass die EADS-Tochter Airbus im vergangenen Jahr den Erzrivalen Boeing beim Flugzeugabsatz überholt hatte, heizte die Tischgespräche an.Mit einem besonderen Clou überraschte auch Thales-Boss Denis Ranque seine Neujahrswunschempfänger. Ihnen ließ der Chef des Rüstungskonzerns, der in Europa der zweitgrößte der Branche ist, den Rat von Olivier Poussier angedeihen, einem der besten Sommeliers der Welt. In der Tat stellten der rote Château Haut-Marbuzet (1996) und der weiße La Magendia de Lapeyre (2001) den Champagner der Marke Duval-Leroy in den Schatten. Versüßt wurde der Start ins neue Jahr durch den Ausblick aus dem siebten Stock der neuen Firmenzentrale in Neuilly-sur-Seine auf den zur vollen Stunde glitzernden Eiffelturm.Bei Postchef Jean-Paul Bailly war dagegen zu spüren, dass sein Unternehmen vor schwierigen Zeiten steht. Das Büfett (Champagner: Jacquart) stand quantitativ in keinem Verhältnis zur Anzahl der Gäste, und das Jazzquintett blies ?All of you? auch eher unmotiviert daher. Dafür mussten sich die zahlreich eingeladenen Mitarbeiter mit Fotoautomaten trösten, aus denen sie Schnappschüsse von sich und ihren Kollegen ziehen konnten. Sponsored by: La Poste.Ob bescheidene Büfetts oder kulinarische Höhepunkte, Kurz-Statements oder lange Reden: Der Sogwirkung der Neujahrs-Tradition konnte sich selbst der Amerikaner und Alcan-Chef Travis Engen nicht entziehen, der erst Ende Dezember den französischen Konzern Pechiney übernommen hatte. Im Nobelrestaurant ?La Maison Blanche? ließ er Manager und Gäste anstoßen. Er beglückte die noch leicht geknickten Pechiney-Leute mit dem Gruß: ?Bonne année!? Dann räumte er ein: ?Mehr Französisch kann ich noch nicht? ? feiern à la française schon.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.01.2004