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Mangel gefährdet Wettbewerbsfähigkeit

Von Petra Schwarz, Handelsblatt
Arbeitsmarktexperten warnen: Die Qualifikation der Arbeitnehmer sinkt, und die Innovationsoffensive der Bundesregierung dürfte den Mangel an Fachkräften ironischer Weise sogar noch verschärfen. Vor allem Ingenieure und Informatiker sind gesucht.
DÜSSELDORF. Derzeit ist das Problem lediglich überdeckt ? drei Jahre Stagnation haben ihre Spuren hinterlassen. Aber: ?Wenn das Wachstum zurück kommt, haben wir das Problem wieder?, sagt Hariolf Grupp, stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung, der den jährlichen Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands verantwortet.Auch wenn die Beschäftigung insgesamt der offiziellen Statistik zufolge weiter sinkt ? einige Personalberater spüren schon wieder eine anziehende Nachfrage nach Fachkräften. ?Seit Mitte 2003 beobachten wir eine Bodenbildung?, sagt Hans-Rudolf Ulrich, Leiter des Münchener Büros der Personal- und Unternehmensberatung Kienbaum.

Die besten Jobs von allen

Die Innovationsoffensive der Bundesregierung dürfte den Mangel ironischer Weise sogar noch verschärfen. Bis zum Jahr 2010 will die Regierung den Etat für Forschung und Innovation von derzeit 2,5 % des Bruttoinlandsprodukts auf 3 % anheben ? womit das Niveau von 1988 wieder erreicht wäre, sagt Grupp. Für die somit neu entstehenden Stellen würden nochmal 100 000 Fachkräfte mehr benötigt, schätzt er.Grundsätzlich sind es zwei Trends, die den Mangel an gut ausgebildeten Kräften in Deutschland verstärken: die Überalterung der Bevölkerung und die unzureichende Qualifizierung des Arbeitskräftenachwuchses. Denn derzeit seien nicht etwa die jüngeren Arbeitnehmer am besten qualifiziert, sondern die mittleren Alters, sagt IAB-Forscher Reinberg. Diese Altersgruppe gehört den geburtenstarken Jahrgängen an. Wenn sie in Rente gehen, könnten die nachwachsenden geburtenschwachen Generationen die Lücke nur füllen, wenn sie sich deutlich besser qualifizieren würden als die demnächst ausscheidenden Älteren, warnt Reinberg. ?Das Bildungsniveau stagniert schon jetzt?, sagt Reinberg. ?Die Auswirkungen werden bereits in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren zu spüren sein. Dann verstärkt sich der Mangel an Fachkräften.?Gleichzeitig führt der Strukturwandel zu einem immer höheren Bedarf an Hochqualifizierten. ?Die Nachfrage nach Hochqualifizierten ist auch während der Wirtschaftsflaute kaum gesunken?, sagt Armin Schmidt, Geschäftsführer der Personalberatungsagentur Korn Ferry. Der Anteil hochqualifizierter Tätigkeiten werde von 20,2 % im Jahr 1995 auf 24,1 % im Jahr 2010 steigen, hat das IAB Mitte 1999 geschätzt ? neuere Untersuchungen gibt es nicht. Dabei setzt sich der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft fort. Bis zum Jahr 2015 werden im verarbeitenden Gewerbe über eine Million Arbeitsplätze wegfallen, heißt es in einer IAB-Projektion aus dem Jahr 2002 von Peter Schnur und Gerd Zika. Dafür werden zwei Millionen Jobs im Bereich der unternehmensbezogenen Dienstleistungen ? dazu zählen beispielsweise Softwarehäuser sowie Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatungen ? neu entstehen.Aktuell fehlen in Deutschland vor allem Ingenieure und Informatiker, meint Grupp. Zusätzlich mangele es in der Pharma-Industrie und in der Biotechnologie an Experten, sagt Headhunter Schmidt. Durch alle Branchen hinweg seien Mitarbeiter besonders gefragt, die Erfahrungen mit Restrukturierungen und Kostensenkungen haben, berichtet Kienbaum-Berater Ulrich. Exakte Zahlen und Prognosen gibt es nicht. Das wäre auch wissenschaftlich nicht seriös, meint Holger Hinte, Pressechef beim Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn.Einen Ausweg aus der Misere sehen Experten in der gesteuerten Zuwanderung: ?Am Zuwanderungsgesetz führt kein Weg vorbei?, sagt Ilka Houben, Arbeitsmarktexpertin beim Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände. Umgekehrt müssen die Arbeitsbedingungen für Fachkräfte in Deutschland verbessert werden. Denn ?die besten Deutschen werden aus dem Ausland abgeworben?, sagt Schmidt.Zudem müsse über Wege nachgedacht werden, ältere Arbeitnehmer länger im Berufsleben zu halten und weiter zu qualifizieren, fordert IAB- Forscher Reinberg. Auch Frauen sollten verstärkt mobilisiert werden. Schließlich müsse die Effizienz des Bildungssystems gesteigert werden: ?Noch leisten wir uns, dass 15 bis 20 % eines Jahrgangs keine Berufsausbildung haben und knapp 10 % das Bildungssystem ohne Schulabschluss verlassen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 30.03.2004