Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

"Manchmal beiße ich vor Ärger in die Serviette."

Interview: Max Grün und Moritz-Marco Schröder
Finanzminister Peer Steinbrück über Arbeitsethos, seine größte Niederlage und das Gejammer über hohe Steuern: "Manchmal beiße ich vor Ärger in die Serviette."
Herr Steinbrück, eigentlich müssten Sie über beide Ohren strahlen, bei geschätzten Steuermehreinnahmen von 50,6 Milliarden Euro im Jahr 2007?

Nein, denn unser Land hat einen Rucksack mit 1 500 Milliarden Euro Schulden zu tragen. Und der wird derzeit noch von Jahr zu Jahr schwerer

Die besten Jobs von allen


Gibt es auch gute Nachrichten?

Deutschland ist heute sehr viel stärker aufgestellt als noch vor drei Jahren. Wir sind gut in einer immer stärker globalisierten Wirtschaft positioniert und profitieren von ihr. Mein Ziel ist es, die Neuverschuldung auf null zu bringen, damit der jungen Generation nicht ein unzumutbar hoher Kapitaldienst auf die Schultern geschoben wird.

Ob die Bürger Ihnen das zugute halten? Es stöhnen viele über steigende Preise.

Ich kann das Gejammer über die angeblich so hohen Steuern im Land nicht mehr hören. Unsere Steuer- und Abgabenquote steht im europäischen Vergleich im guten Mittelfeld. Wir brauchen Mittel, um unser Gemeinwesen voranzubringen. Kindergärten, Schulen, Universitäten, Verkehrsinfrastruktur - all das kostet Geld.

Es gibt sicher immer jemanden, der unzufrieden ist mit Ihrer Arbeit, oder?

Ja, so ist das in meinem Job. Und manchmal beiße ich auch vor Ärger in die Serviette. Aber damit muss ich leben.

Beneiden Sie da nicht den Arbeitsalltag Ihres Kollegen Steinmeier, der häufig auf Reisen ist und zu zahlreichen Empfängen eingeladen wird?

Nee! Und von dem ganzen Rumgejette hat man sehr schnell die Nase voll. Wenn man in so einer Tretmühle steckt wie wir Politiker, dann wirkt manches auf uns ganz anders als auf diejenigen, die uns beobachten. Also ständig nur unterwegs sein und mit dem Flugzeug von Termin zu Termin hetzen, das mag vielleicht von außen als schick wahrgenommen werden. Es ist aber am Ende nur Teil unserer Arbeit.

Sie sind kein Workaholic, der jeden Tag Akten als Gute-Nacht-Lektüre braucht?

In Wirklichkeit bin ich schlicht und ergreifend froh, wenn ich abends mal die Beine auf dem Sofa ausstrecken und mir einen Film ansehen oder ein Buch lesen kann.

Haben Sie nie darüber nachgedacht, den Job zu wechseln?

Doch, aber aus einem anderen Grund: Nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2005 hatte ich eigentlich vor, mich von der Politik zu verabschieden.

Und wie sind Sie mit dieser Niederlage umgegangen?

Ich habe versucht, positiv in die Zukunft zu blicken. Auf meine Niederlage folgten die vorgezogenen Bundestagswahlen, und da bin ich gefragt worden, ob ich in die Regierung einer Großen Koalition gehen würde. Ich habe Ja gesagt, weil ich es als Herausforderung und Pflicht empfand.

Frau Merkel soll ja ein großer SMS-Fan sein. Schreibt Sie Ihnen gelegentlich?

Ja, die Bundeskanzlerin informiert sehr schnell und persönlich, wenn es etwas zu informieren gibt. Nicht nur per SMS

Was braucht man, um ein erfolgreicher Politiker zu werden?

Arbeitsethos - man wird politisch nicht erfolgreich, wenn man immer nur an der Oberfläche herumsurft -, Augenmaß, Pflichtgefühl und Rhetorik.

Können Sie gut mit Geld umgehen?

Ja, ich bin nie in Verlegenheit geraten, was die eigene finanzielle Situation anbelangt. Klar gab es Zeiten in meiner Jugend, in denen ich knapp bei Kasse war. Dann habe ich als Parkwächter, Bauarbeiter oder Platzanweiser im Kino gearbeitet.

Wenn Sie drei Dinge im Land verändern könnten, welche wären das?

Dass wir mit mehr Zuversicht in die Zukunft blicken. Und dass wir die wichtigste Ressource unserer Gesellschaft fördern: die Köpfe unserer jungen Menschen. Jeder Euro, den wir in Bildung investieren, wird sich vielfach auszahlen.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.01.2008