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Manchester

Anja Löbert
Leben und Arbeiten in Manchester: Anders als ihr Ruf als heruntergekommenes Industriezentrum ist die nord- englische Millionenstadt eine pulsierende Wachstumsinsel. Für Junge Karriere berichten zwei, die es wissen müssen.
Raus ins Grüne Dirk Demuth liebt an der englischen Großstadt vor allem die Nähe zur Natur. Mit dem Auto ist er in nur einer Stunde in der großartigen Landschaft des Lake District und in Wales.

Dass es ihn nach Manchester, in eine der alten Industriemetropolen Europas, verschlagen würde, hätte Dirk Demuth, 36, nicht gedacht. Ausländische Frauen hatten es ihm zwar schon von jeher angetan, aber dabei dachte er eher an französische Schönheiten. Und dann holte ihn eine Irin auf die britischen Inseln.

Nach vier Jahren im schottischen Glasgow und einem Jahreseinkommen von 21000 Pfund fand Demuth im Januar 2006 hier in Manchester eine Stelle, die ihm mit allen Zulagen und bei plangemäßen Verkaufszahlen den doppelten Verdienst einbringt. Dafür reist er als einer von 30 Außendienstmitarbeitern der Life-Science- und High-Tech-Firma Sigma-Aldrich mit dem Firmenwagen durch Nordengland und genießt - in der Woche leider nur hinter der Autoglasscheibe - die mal saftig-grüne, mal karg-sumpfige Landschaft von Yorkshire, Lancashire und Cheshire.

Die besten Jobs von allen


Als Life-Science-Sales-Spezialist berät Demuth Forschungsinstitutionen und Pharmafirmen und bringt die Erzeugnisse seines Unternehmens an den Mann. Dass er dabei einen hörbar deutschen Akzent hat, stört niemanden. Ein bisschen amüsiert ihn das. "Es ist wahrscheinlich in Deutschland nicht so leicht möglich, einen Job zu finden, in dem man Kundengespräche mit einem starken ausländischen Akzent führt. Auch an den englischen Umgangsformen findet er Gefallen. Diese seien wesentlich lockerer. Und außerhalb der Arbeitszeiten werde mit den Kollegen nicht mehr über die Arbeit geredet. "Da gibt es eine klare Trennung."

Gegen das englische Ideal vom Eigenheim sträubt sich Demuth noch und mietet zusammen mit seiner Freundin ein Häuschen südlich der Innenstadt in praktischer Nähe zum Flughafen. "Seit ich in Großbritannien bin, warte ich auf den Immobiliencrash. Dann schlage ich zu." Bis dahin gibt er sein Geld lieber für das Eintauchen in die Natur des englischen Nordwestens aus. "An den Wochenenden fahre ich raus ins Grüne, wandere und mache Aktivsport", schwärmt der ehemalige Biochemie-Student. "Von Manchester aus ist es ja nur ein Katzensprung nach Wales, zum Lake oder Peak District." Pubs im Vorort
Heike Sahacker profitiert von der Nähe zum Stadtzentrum, geht aber lieber in der Vorstadt aus, wo sie auch wohnt. Und pendelt jeden Tag 35 Kilometer zu ihrem Arbeitgeber.

Heike Sahacker liebt die Mischung. Wenn sie von der Innenstadt Manchesters in Richtung Südwesten spaziert und Meilen an multikulturellen Wohnvierteln durchquert hat, erreicht sie ein lebendiges Ambiente von Bars, Restaurants, Banken, Take Aways und Supermärkten: den Stadtteil Chorlton, eine gemütlichere Miniversion von Downtown Manchester. Hier wohnt die aus Niederbayern stammende 27-Jährige seit Juni 2005 und teilt sich ein Haus mit fünf Mitbewohnern. "Das ist ein bisschen wie Studentenleben, außer dass es ruhiger zugeht, weil wir alle arbeiten."

Jeden Morgen nimmt sie den 35 Kilometer weiten Weg zu ihrer Arbeitsstelle in Bolton auf sich. "Die Autobahn ist immer voll, aber da ich aus der City rausfahre, geht es einigermaßen." Für ihre Firma Krones UK, ein Maschinenbauunternehmen für Abfüllanlagen, arbeitet sie als Sales Engineer. Sehr technisch sei das, meint die BWL-Absolventin, aber das lerne man mit der Zeit.

Auch sei ihre Branche eine klare Männerdomäne, was für sie aber nicht ganz ohne Vorteile sei. Sie betreut die zwei größten Kunden der Firma im After-Sales-Geschäft. "Die ersten Telefonate mit Schotten waren ein Graus. Aber da hier alles mit viel Humor abläuft, ist das ständige Nachfragen halb so schlimm."

Ihr jetziger Chef fragte sie während eines Praktikums bei der Mutterfirma Krones AG im bayerischen Neutraubling, ob sie nicht nach Manchester kommen wolle. Zwei Wochen hatte sie Zeit, ihre Sachen zu packen.

Nach Bolton, dem Sitz ihrer Firma, wollte sie aber nicht ziehen. "Mir gefällt Chorlton, weil es nah an Manchester ist, man aber abends auch lokal weggehen kann." Auch an den im Nordwesten so beliebten Pubs Quiz und Comedy Nights hat sie Gefallen gefunden. Zwar ist Zapfenstreich in England immer noch um 23 Uhr, aber da die Abende in Manchester früher beginnen als in Deutschland, stört sie das nicht. Anja Löbert

Ins Geld gingen sie aber trotzdem: "Weil die Engländer in Runden zahlen, reichen 20 Pfund beim Weggehen eigentlich nie", klagt sie ein wenig. "Obwohl man als Frau von den charmanten ?Manchunians' oft eingeladen wird."
Dieser Artikel ist erschienen am 22.10.2007