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Manager vernachlässigen Heimarbeitsplätze

Von Bettina Blass, Handelsblatt
Führungskräfte arbeiten oft zu Hause weiter ? und ziehen sich Gesundheitsschäden zu, weil daheim funktionsgerechte Möbel fehlen.
Olaf Rautner, Unternehmer aus Geisenfeld bei Ingolstadt, und Uwe Zimmer, Mitgründer und Mehrheitsaktionär der Vermögensverwaltung Meridio in Köln, haben eines gemeinsam: Sie arbeiten viel zu Hause. Das ist bei Führungskräften nicht ungewöhnlich. Der Bund Deutscher Unternehmensberater schätzt, dass bei einer 60-Stunden-Woche etwa 20 Prozent der Zeit, also zwölf Stunden, in der Wohnung und nicht im Büro gearbeitet wird.Rautner und Zimmer sitzen daheim aber nicht an einem herkömmlichen Arbeitsplatz: ?Wenn ich schon zu Hause arbeiten muss, dann nicht am Schreibtisch.? Uwe Zimmer setzt sich darum mit dem Laptop an den Esszimmertisch. Ähnlich Olaf Rautner. Er bevorzugt das Sofa mit Wohnzimmertisch. Die Folge für beide: Rückenschmerzen.

Die besten Jobs von allen

?Typisch?, sagt André Rose, Orthopäde in Köln: ?Langfristig ergibt sich daraus oft ein Bandscheibenvorfall.? Wer schlecht sitzt beim Arbeiten, provoziert außerdem Kopfschmerzen durch Muskelverspannungen oder Sehnenscheidenentzündungen.Kein Wunder, dass sich Rautner und Zimmer ein Sofa wünschen, auf dem man gemütlich sitzt und trotzdem arbeiten kann. Jürgen Müller, Leiter Direktvertrieb beim Pay-TV-Sender Premiere in München, verdeutlicht den Haken an der Sache: ?So ein Möbel sollte natürlich schön und modern sein. Es steht schließlich in meinem Wohnzimmer!?Das hat auch die Möbelindustrie erkannt. Auf der Internationalen Möbelmesse in Köln gab es 2004 einen ganz klaren Trend. Helmut Lübke, Präsident des Verbands der deutschen Möbelindustrie: ?Möbel müssen schön und ökologisch, ergonomisch und funktionell sein.?Unter funktionellen Möbeln versteht man Möbel, die sich leicht verändern lassen. Bekanntes Beispiel: der PC-Schrank.In die gleiche Richtung geht zum Beispiel die Erweiterung des Stuhlprogramms Lipse von Designer Wolfgang C. R. Mezger: An den Schalensessel lässt sich ein schwenkbares Ablagebrett für den Laptop anbringen.Die österreichischen Joka-Werke zeigten auf der Messe ihre Internetcouch. Untertitel: schöner surfen. Das Sofa hat hohe Seitenlehnen, so dass man bequem angelehnt und mit erhöhten Beinen arbeiten kann. Zum Sofa gehört ein Wägelchen mit schwenkbarem Brett für den Laptop und Platz für den Drucker.Und auch für das Kabelgewirr gibt es schon eine Lösung: Die Firma Trüggelmann bietet ein Regalsystem, das an einer Stelle an die Steckdose angeschlossen wird. Danach kann die Technik mit Strom aus dem Regal versorgt und mit der Fernbedienung vom Sofa aus bedient werden.Ganz billig sind diese Mehrzweckmöbel aber nicht. Die Internetliege etwa kostet je nach Bezug zwischen 2 700 und 3 600 Euro, der Schalensessel ab 1 762 Euro.Auch Orthopäde Rose hat für die Heimarbeiter noch einen Tipp parat: ?Ein gutes Sitz-Möbel erkennt man daran, dass es höhenverstellbar ist und sich an den Nutzer anpassen lässt. Eine hohe Rückenlehne und Armstützen sind von Vorteil. Und es sollte nicht zu weich gepolstert sein.? Erfüllen die neuen funktionellen Wohnzimmermöbel neben dem optischen Anspruch auch noch diese Anforderungen, dann müssen Zimmer und Rautner in Zukunft vielleicht nicht mehr über Rückenschmerzen klagen ? und Manager arbeiten noch lieber zu Hause.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.02.2004