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Manager mit Ambitionen

Christoph Mohr
Einen MBA macht man, um eine lukrative Karriere als Berater oder Banker zu starten. Oder um Gutes zu tun. Der jüngste Trend in den Business Schools heißt Social Entrepreneurship. Der MBA für Gutmenschen sozusagen.<
Einen MBA macht man, um eine lukrative Karriere als Berater oder Banker zu starten. Oder um Gutes zu tun. Der jüngste Trend in den Business Schools heißt Social Entrepreneurship. Der MBA für Gutmenschen sozusagen

John Wood hat wenig Zeit, er muss gerade Gutes tun. Als karriere ihn auf dem World Economic Forum, dem jährlichen Aufmarsch der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik im schweizerischen Davos, erwischt, hilft er US-Investorlegende George Soros beim Aufladen seines Handys. Ansonsten tut der 39-Jährige, was hier alle machen: smalltalken, Kontakte knüpfen, Visitenkarten tauschen, Geschäfte einfädeln.
Doch der MBA-Absolvent von der Kellogg School of Business ist kein Vertreter des Big Business - jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. John Wood ist als Social Entrepreneur in Davos - jemand, der seine eigene Non-Profit-Organisation ins Leben rief, um die Welt etwas besser zu machen, als sie ist

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Kinderhilfe statt Karriere
Ein Angebot von Microsoft, das ihn wohl zum Top-Mann in China gemacht hätte, schlug er aus, um sich seiner eigenen Vision zu widmen: "Es gibt fast eine Milliarde Analphabeten auf der Welt", sagt Wood. "Mein Ziel ist es, bis zum Jahre 2010 zehn Millionen Kindern zu helfen, lesen und schreiben zu lernen."
Keine leeren Versprechungen. Room to Read, die Organisation, die Wood gründete und leitet, hat in fünf Jahren über hundert kleine Schulen, 1.500 Büchereien und Lesestuben, 440.000 Bücher und 900 Langzeitstipendien für Mädchen finanziert. Gestartet in Nepal, ist Room to Read heute auch in Vietnam, Kambodscha und Indien aktiv; Laos soll in diesem Jahr dazukommen. 25 Mitarbeiter beschäftigt die in San Francisco beheimatete Organisation und bewegt 2,3 Millionen US-Dollar Jahresbudget

John Wood steht für einen Trend. Hochklassig ausgebildet, fit für jeden Managementjob, gehen immer mehr MBA-Absolventen statt zu McKinsey oder Goldman Sachs in einen Bereich, wo nicht das große Geld lockt und man hierzulande eher Sozialpädagogen trifft als smarte BWLer.
Und die Business Schools fördern diese Entwicklung tatkräftig. Tatsächlich gibt es heute keine Spitzenschule in den USA, die nicht zumindest ein paar Kurse und Aktivitäten in Social Entrepreneurship anzubieten hätte. Einige haben hier sogar mehr im Angebot, als manche deutsche Wirtschaftsfakultät insgesamt an Lehre und Forschung auf die Beine stellt.

Einige Beispiele:

Harvard: Change the world
Was an der Harvard Business School vor zehn Jahren mit einem einzigen Kurs und einer Hand voll interessierter Dozenten als "Social Enterprise Initiative" (SEI) begann, ist zwischenzeitlich zu einem Aktivitätsfeld beeindruckender Größe herangewachsen. Mittlerweile enthält das MBA-Programm neben einem Pflichtkurs sieben Wahlpflichtkurse (Elective), die jährlich von über 350 Studenten belegt werden. Dazu bietet die HBS neun verschiedene Fortbildungsprogramme (Executive Education) mit jährlich fast tausend Teilnehmern.

Bereits zum sechsten Mal findet am 5. März die von Studenten organisierte Social Enterprise Conference statt, die in diesem Jahr unter dem Motto "Charting Your Path" steht. 900 Teilnehmer werden erwartet, und eine kleine Jobmesse mit 30 Unternehmen gibt es gleich dazu. Denn in den USA sind Non-Profit-Organisationen zu einem handfesten Wirtschaftsfaktor geworden. Nach einer aktuellen SEI-Studie beschäftigt der Sektor mehr als eine Million Menschen, mobilisiert sieben Millionen und steht für sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und wenn es ums Geld geht, sind die Business Schools nie weit. So ist Management-Guru Michael Porter, Leiter des Institute for Strategy and Competitiveness in Harvard, zugleich auch Mitbegründer des Center for Effective Philanthropy. Die langjährige Sozialtradition der Business School färbt auf die Absolventen ab. Über 80 Prozent engagieren sich neben ihrem Job bei Non-Profit-Organisationen, 57 Prozent sitzen bei einer solchen Organisation im Board. Als die SEI kürzlich ihr zehnjähriges Bestehen feierte, skizzierte ein Teilnehmer den Weg so: "Think big and change the way the world works.

Stanford: Bildung und Umwelt
Etwas anders gelagert, doch ebenso hoch, sind die Ambitionen des großen Harvard-Konkurrenten an der Westküste: Das Center for Social Innovation (CSI) der Stanford Graduate School of Business versteht sich als "Betreiber des sozialen Wandels" und "Investor in die Gesellschaft", umgreift aber nicht nur Non-Profit-Organisationen, sondern den öffentlichen Sektor inklusive Schulen. 25 Veranstaltungen enthält das MBA-Programm, vom Hardcore-Kurs Financial Management of Nonprofit Organizations über Ecotourism, Environmental Entrepreneurship, Emerging Business Opportunities in Education bis zum luftigeren Beyond Self-Interest Motivation

60 Fallstudien hat das CSI in den letzten Jahren produziert und verschiedene Fachzeitschriften gegründet, darunter den vierteljährlich erscheinenden Stanford Social Innovation Review (SSIR). Und im Stanford Project on Emerging Nonprofits werden derzeit die rund 9.000 Non-Profit-Organisationen im Großraum San Francisco erfasst und analysiert. Fast die Hälfte von ihnen wurde nach 1990 gegründet

Knallharte Kostenkontrolle - Wie Room to Read von John Wood
"Der Non-Profit-Sektor zieht nicht so viele ergebnisorientierte Top-Talente an wie die Unternehmen", bedauert der Sozialunternehmer. "Es gibt großartige Leute in diesem Bereich, aber man bräuchte Tausende davon, um gemeinnützige Organisationen effizient zu managen."
Management und Kostenkontrolle sind etwas, das Wood an der Kellogg School gelernt hat und worauf er stolz ist. Nur zehn Prozent des Spendenaufkommens seiner Non-Profit-Organisation geht für die Verwaltung drauf. "Mein Credo ist: Jeder Dollar für die Verwaltung ist ein Dollar weniger für die Projekte."

Doch das Studium brachte ihm noch mehr. "Ohne meinen MBA an der Kellogg School, die damit verbundene Glaubwürdigkeit und das erlangte Selbstvertrauen, könnte ich das nicht machen, was ich mache", sagt Wood. Und deutlich hört man seine Managementausbildung, wenn er sagt: "Es geht immer darum, eine große Marke aufzubauen, die eine Message hat und die beim Konsumenten etwas zum Schwingen bringt. Das gilt auch für Non-Profit-Unternehmen."

Trommeln auf amerikanisch
Amerika wäre nicht Amerika, gäbe es nicht Werbung und Wettbewerb. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis man auch im Non-Profit-Bereich die besten "Geschäftsideen" gegeneinander antreten lassen würde. Das ist seit dem Jahr 2001 der Fall, als sich die Haas School of Business der University of California at Berkeley, die Columbia Business School in New York und die Stiftung der Investmentbank Goldman Sachs zusammentaten, um die National Social Venture Competition ins Leben zu rufen. Der Wettbewerb zeichnet Unternehmen aus, die, wie es so schön auf Amerikanisch heißt, einen "quantifiable social return as well as a healthy financial bottom line" haben. Dafür legte die Goldman Sachs Foundation mal eben 1,5 Millionen US-Dollar auf den Tisch

Die Columbia Business School organisiert darüber hinaus die jährlich stattfindende Net Impact Conference für nicht Geringere als Business Leaders Building a Better World. Ein immenser Erfolg: Vergangenen November kamen dazu 1.200 Manager und MBA-Studenten nach New York.
Modethema oder nicht - Social Entrepreneurship und Corporate Social Responsability sind international in aller Munde. Die "good companies" und ihre Lenker schaffen es auf die Titelseiten der führenden Magazine von Fortune bis Economist. Und es waren einmal mehr die führenden US-Business Schools, die den neuen Trend nicht nur früh erkannt, sondern maßgeblich mit gesetzt haben

Europa rollt an
Wie so oft, brauchte es einige Zeit, bis das Thema Sozialmanagement auch Europas MBA-Schmieden erreichte. Noch etwas halbherzig ist man an der London Business School (LBS) auf den Zug aufgesprungen. 2003 immerhin trat die Schule der Social Venture Competition von Columbia und Haas bei - was auch dem Umstand zu verdanken ist, dass LBS-Chefin Laura D'Andrea Tyson zuvor Dean der Haas School gewesen war. Und jüngst erst wurde ein neues Analysetool geschaffen, das es ermöglichen soll, den Social Return on Investment zu messen und das - ganz im Sinne der Gemeinnützigkeit - im Internet frei zugänglich ist

Auch an der im französischen Fontainebleau beheimateten Top-Schule Insead macht man ein bisschen in Social Entrepreneurship. Das 1992 begründete Centre for the Management of Environmental and Social Responsability (CMER), ursprünglich mehr mit Umweltfragen beschäftigt, hat seit dem Jahr 2000 seine Aktivitäten in diese Richtung um ein bisschen Forschung und einen MBA-Kurs erweitert. Aber die Dinge kommen ins Rollen: Für kommenden April organisieren Insead, die spanische Top-Schule IESE und die Stern School of Business der New York University (NYU) eine zweitägige International Social Entrepreneurship Research Conference

Oxford schlägt den Takt
Wirklich groß steigt man hingegen an der Said Business School der Oxford University in das Thema ein. Eine 7,5-Millionen-Dollar Spende - eine der größten privaten Einzelspenden, die eine europäische Business School je erhalten hat - durch Jeff Skoll, dem "ersten Angestellten" von Ebay, machte den Aufbau des Skoll Centre for Social Entrepreneurship möglich. "Die Welt steckt voller Probleme", sagt der Mitgründer des erfolgreichsten Internet-Auktionshauses. "In ein paar Jahren wird man verstehen, dass Social Entrepreneurship eine wichtige Antwort auf diese Probleme darstellt.

Wichtiger noch als die Forschungsaktivitäten ist die Studentenförderung. Erstmalig seit diesem Jahr vergibt Said Stipendien, die angehenden Social Entrepreneurs die Teilnahme am regulären, 26.000 Pfund teuren MBA-Programm ermöglichen. Eine Bereicherung auch für die "normalen" MBA-Studenten, findet Anne Bornträger, die für karriere im Internet über ihre Oxford-Erfahrungen berichtet. "Meine Kommilitonen haben einen ganz anderen Blickwinkel als die übliche Berater- oder Finanzsicht. Und Nachhaltigkeit im Business wird ein immer wichtigeres Thema." Oxford will hoch hinaus: Im letzten Jahr fand hier erstmals das Skoll World Forum on Social Entrepreneurship statt - für Visionäre, die die Gesellschaft verändern wollen.

Angebote und Initiativen wie diese werden in den kommenden Jahren auch an europäischen Business Schools und Hochschulen zunehmen. Und das Zusammenspiel von Management-Know-how, Talent und Ambition dürfte auch diesseits des Atlantiks viel verändern helfen. Vielleicht werden dann noch mehr Beinahe-Topmanager wie John Wood sagen: "Ich habe noch nie in meinem Leben so wenig Geld verdient wie heute. Aber ich war auch noch nie so glücklich. Microsoft brauchte mich nicht wirklich. Die Kinder, für die wir arbeiten, schon.



Die besten Schulen für Social Entrepreneurship
2004 erstellten die gemeinnützigen US-Institute Aspen und World Resources Institute erstmals ein Ranking der besten Business Schools und MBA-Programme im Bereich Social Entrepreneurship. Die Topschulen des Jahres: www.beyondgreypinstripes.org

Die Vorreiter
George Washington, Washington, D.C.
Kenan-Flagler (Univ. of North Carolina),Chapel Hill
Michigan, Ann Arbor
Schulich (York University), Toronto
Stanford, Stanford
Yale, New Haven

Die Verfolger
Anderson (Univ. of New Mexico), Albuquerque
Cornell (Johnson), Ithaka
Darden (University of Virginia), Charlottesville
Haas (University of California at Berkeley)
Harvard, Cambridge
Haskayne (University of Calgary), Calgary
ITESM (EGADE), Monterrey (Mexiko)
Tuck (Dartmouth), Hannover
Wharton, Philadelphia
Dieser Artikel ist erschienen am 23.03.2005