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Manager im Ausland leben gefährlich

Von Lars Reppesgaard, Handelsblatt
In wie vielen Wohnzimmern Mark Harris mit den Angehörigen hochrangiger Manager angstvolle Nächte durchlebt hat, weiß er nicht mehr. "Aber gelohnt hat es sich immer", erzählt der groß gewachsene Brite mit dem grau melierten Haar. Dann schweigt er fast eine Minute lang und blickt mit seinen wachen braunen Augen nicht mehr das Gegenüber an, sondern starrt ins Leere.
Solche Blößen gibt sich der 42-Jährige selten. Emotionen bedeuten Unaufmerksamkeit und Schwäche, und das hat in seiner Branche viel zu ernste Folgen. Head of Crisis Management - übersetzt: Kopf der Abteilung Krisenmanagement - lautet der Jobtitel auf der Visitenkarte seines Arbeitgebers, dem Sicherheitsberatungsunternehmen Control Risks aus London.

Harris wichtigste Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Opfer unbeschadet wieder frei kommen, wenn Kidnapper ausländische Geschäftsleute irgendwo auf der Welt in ihre Gewalt gebracht haben. Das ist seine Stärke. In 70 Entführungsfällen wurde Harris bislang von Unternehmen zur Hilfe gerufen. Und alle 70 Manager hat er auch unbeschadet wieder frei bekommen - egal, ob kolumbianische Guerilleros oder mexikanische Banditen sie gekidnappt hatten.

Die besten Jobs von allen


Seine Fähigkeit, auch unter extremem Stress kühl alle Optionen abzuwägen, seine Zähigkeit und sein Verhandlungsgeschick haben ihm den Ruf eingetragen, der schlimmste Feind der "Kidnapping-Industrie" zu sein. "In vielen armen Ländern hat sich das Entführen - vorzugsweise von europäischen und US-amerikanischen Managern - zu einem regelrechten Wirtschaftszweig entwickelt", erklärt er den Begriff. Es ist eine schmutzige Branche, in der allein in Kolumbien zwischen jährlich 500 und 600 Millionen Dollar umgesetzt werden. Mit 15 000 Geiselnahmen in den letzten sechs Jahre ist das Land trauriger Spitzenreiter in Sachen Kidnapping.

Doch auch in Mexiko, Indonesien oder Algerien sind Touristen und Expatriats nicht sicher. Auf zwei bis sechs Millionen Dollar schätzen Experten den Marktwert eines entführten US-Amerikanischen oder europäischen Geschäftsmanns. Das ist sieben bis zehn Mal mehr, als sich für ein einheimisches Entführungsopfer heraus schlagen lässt. Für den deutschen Hotelbesitzer Lothar Hinze, der sich derzeit in der Gewalt von kolumbianischen Kidnappern befindet, sollen seine Angehörigen dreieinhalb Millionen Dollar aufbringen.

In Kolumbien liegt auch der Ursprung der Kidnapping-Industrie. 1984 kaufte Mannesmann mit Hilfe des umstrittenen Unterhändlers Werner Maus drei Manager frei, die die bis dahin bedeutungslose Guerilla-Truppe ELN entführt hatte. Die selbst ernannten Freiheitskämpfer wollten das Geld, um Waffen zu kaufen.

Die Verhandlungsbereitschaft der Konzerns und die rasche, hohe Lösegeldzahlung waren die Initialzündung dafür, dass aus vereinzelten Verbrechen ein Industriezweig wurde, urteilt die Menschenrechtsorganisation Pax Christi in einer Studie über die Entführungsbranche. Das Beispiel Mannesmann machte weltweit Schule. Doch die wenigsten Namen, die wenigsten Fälle gelangen in die Zeitung. Diskretion gehört für Unterhändler wie Harris zum Geschäft.

Die Arbeit von Spezialisten wie Harris und dem Unternehmen Control Risks bewerten Mitarbeiter von Pax Christi nicht nur positiv. Denn natürlich muss seine Hilfe teuer bezahlt werden. Nur Wohlhabende und Angestellte weltweit operierender Unternehmen können sich die Dienste der Profivermittler leisten. Nicht aber die ganz einfachen Leute, die nach wie vor die Mehrzahl der Entführungsopfer stellen. Die Verhandelnden ermutigten die Entführer zu ihrem Geschäft, weil sie die Abwicklung erleichtern, kritisiert die christliche Organisation. "Aber erklären sie mal einer Ehefrau, dass es ethisch fragwürdig ist, Lösegeld zu zahlen", erklärt Harris. Er betont: "Wir haben keine harten Jungs, die jemanden mit Gewalt raus hauen. Und wir raten nichts Illegales. Niemals. Dieser Job ist nichts für Leute, die den Helden spielen wollen und ein zu großes Ego haben."

Was aber kann ein Sicherheitsexperte überhaupt tun, wenn ein Manager irgendwo auf der Welt entführt wurde und seine Familie und seine Kollegen um sein Leben bangen? Wenn mitten in der Nacht das Notfall-Handy klingelt, rast Harris zum Flughafen. Manchmal erfährt er erst dort, wohin er fliegt. Mal geht es in den Jemen, mal nach Ecuador. Unterwegs liest er, was Control Risks an Erkenntnissen über das Land und die Situation, die er vorfinden wird, gesammelt hat. Vor Ort beginnt dann die eigentliche Arbeit: "Wenn jemand gekidnappt wurde, ist das eine katastrophale Belastung für alle", erklärt Harris. "In so einem Zustand kann man nur schwer entscheiden, was die beste Lösung ist. Meine Kollegen und ich haben den Vorteil, dass wir die Situation stets ohne Emotionen betrachten. Wir stellen dar, welche Handlungsoptionen existieren - und wir haben genug Erfahrung, um sagen zu können, welchen Ausweg es gibt."

Wie viele Sicherheitsprofis war er beim Militär. Er diente in seiner Heimat und auf Zypern der britischen Armee. Einen kühlen Kopf zu bewahren, hat er dort gelernt. "Wichtig ist aber, dass wir bei der Arbeit nicht allein sind. Wir sind ein Unternehmen, das weltweit über Kontakte verfügt", sagt Harris. "Wir verfügen über eine großartige Datenbank und bekommen laufend aktualisierte, ausgezeichnete Informationen, auf deren Grundlage wir entscheiden können." Dazu trainiert Control Risks seine Mitarbeiter intensiv: Ehemalige Entführungsopfer beraten die Berater, Psychologen bewerten das Selbstbewusstsein der Bewerber und vor allem ihre Fähigkeit, unter Stress Probleme zu lösen.

Harris musste schon oft sein Verhandlungstalent erproben - sogar in eigener Sache: Noch zu seiner Militärzeit musste er einen kühlen Kopf bewahren, um seine eigeneHaut zu retten. Im Auftrag der Vereinten Nationen nahm der Brite mit der UN-Friedenstruppe an einer Blauhelm-Mission in Kambodscha teil - und wurde dort zusammen mit anderen UN-Beobachtern von den Roten Khmer entführt. "Der Anführer der Truppe hieß Moun", erinnert sich Harris. "Ziemlich schnell war klar, dass seine Männer uns exekutieren wollten. Wir haben sie die gesamte Zeit über in Gespräche verwickelt, darüber, was die UN tut, und wie sich ihr eigenes Leben durch den Friedensprozess verändern könnte. Nach sechs Stunden kam Moun selbst zurück in das Dorf und wollte wissen, warum wir noch nicht erschossen worden waren." Nach einer weiteren einstündigen Diskussion zwischen Harris und Moun wurden alle schließlich freigelassen.

Dabei gibt es mindestens einen Gesprächspartner, bei dem selbst Harris trotz seines Verhandlungsgeschicks immer wieder auf Granit beißt: "Meine Frau und meine beiden Kinder waren noch nie begeistert, wenn ich plötzlich nachts irgendwo hin verreisen muss. Sie wissen zwar, dass es wichtige Aufgaben sind, für die ich verreise. Aber dass sie es deswegen gut finden, ist wohl auch zu viel verlangt."
Dieser Artikel ist erschienen am 04.11.2003