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Manager erhalten viel Geld ? fürs Falsche

Von Lars Reppesgaard, Handelsblatt
Deutsche Wertarbeit? Papperlappapp. Langfristige Ziele? Ach was. Auf Sand bauen heißt die Devise. Gerade deutsche Unternehmen geben ihren Managern die verkehrten Ziele vor. Damit verfehlen sie die Ziele des Corporate Governance jedoch um Längen. Ganz im Gegensatz zu den Briten, den Amerikanern oder den Franzosen.
Deutsche Wertarbeit? Papperlappapp. Langfristige Ziele? Ach was. Auf Sand bauen heißt die Devise. Gerade deutsche Unternehmen geben ihren Managern die verkehrten Ziele vor. Damit verfehlen sie die Ziele des Corporate Governance jedoch um Längen. Ganz im Gegensatz zu den Briten, den Amerikanern oder den Franzosen.

Das ist das Ergebnis einer europaweiten Studie der internationalen Personalmanagementberatung Hay Group in Frankfurt über die Entscheider in 375 großen Aktiengesellschaften in Europa und den USA. Wie viel in den Topetagen tatsächlich verdient wird, ist in Deutschland noch immer ein gut gehütetes Geheimnis. Debattiert wird bislang nur auf der Basis von Schätzungen und Ableitungen aus dem, was die Unternehmen an Zahlen veröffentlichen: Als Cocktail ? eben nur ohne das Rezept. Die Hay-Studie bezeichnet sich als die erste europaweit, die statt auf Schätzung auf individueller Befragung beruht.

Die besten Jobs von allen


Die Ergebnisse sind aufschlussreich: Auf den ersten Blick scheint die derzeitige Vergütungspraxis für deutsche Vorstände auf Grund ihres großen variablen Anteils sehr performance-getrieben. Das Grundgehalt ist für die Vorstände deutscher Unternehmen niedriger als im Europa-Durchschnitt und liegt zwischen 200 000 und einer Million Euro. Mindestens 60, meist sogar 70 und mehr Prozent der Gesamtbezüge der deutschen Vorstände sind variabel.

Eine detaillierte Analyse zeigt jedoch, dass ? im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern ? deutsche Unternehmen rund zwei Drittel ihrer variablen Bezüge auf Jahresbasis und somit kurzfristiger Erfolgs- Basis vergüten. Die kurzfristigen Boni, die deutsche Vorstände beziehen, sind laut Hay Group mit Abstand die größten im internationalen Vergleich. ?Das Erreichen kurzfristiger Ziele wird im Bonus stärker honoriert als die Realisierung langfristiger strategischer Ziele?, ist das Fazit von Christine Abel von Hay Group. ?Demnach wird ? zumindest in der Vergütung ? der kurzfristige Erfolg stärker gewichtet als die Realisierung mittel- bis langfristiger, strategischer Ziele?, urteilt sie.

In der Praxis sorgt das für Frust, zum Beispiel bei der Infineon-Hauptversammlung vor wenigen Tagen: Milliardenverluste in der Bilanz, aber dafür für den Vorstand ein stattliches Zubrot mittels eines erheblich aufgestockten Aktienoptionsprogramms ? so sah das schwer verdauliche Menü aus, das die Anleger schlucken sollten. Abgesegnet wurde es diesmal nicht. ?Das Programm hat sich bei Infineon zu einem Instrument entwickelt, um Geld aus den Taschen der Aktionäre in die Taschen der Vorstände umzulenken?, kritisiert Willi Bender, Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre. Institutionelle Anleger hatten dies schon im vergangenen Jahr beanstandet.

Im Schatten des Mannesmann-Prozesses und der Diskussion über die Saläre der Top-Entscheider in den Unternehmen ist der Streit auf der Infineon-Hauptversammlung kaum mehr als eine Randnotiz im Wirtschaftsteil der Tageszeitungen. Doch die Diskussion, wie Entlohnungsmodelle für Vorstände aussehen können, um ein nachhaltiges, transparentes Wirtschaften in Sinne der Corporate Governance zu ermöglichen, ist in vollem Gange ? auch in den Top-Etagen der deutschen Unternehmen.

Die Studie des weiteren: Deutsche Manager verdienen auch im internationalen Vergleich gut und räumt dabei mit einem Vorurteil auf. Europaweit gehören die Saläre, die sich aus der Summe von Grundgehalt und Boni zusammen setzen, zu den höchsten und liegen teilweise sogar über US-Durchschnitt.

Allerdings ist die Spannbreite zwischen den Manager-Einkommen innerhalb der Deutschland AG groß: Die Summe aus Grundgehalt und kurzfristigen Komponenten reichte in dem von der Hay Group untersuchten Zeitraum 2003 von 350 000 Euro bis ca. 2,0 Millionen Euro und spiegelt zugleich erhebliche Unterschiede in der Unternehmensgröße wieder. ?Vor diesem Hintergrund können absolute Vergütungszahlen, die ohne Zweifel stark variieren, nicht direkt miteinander in Beziehung gesetzt werden? , warnt Abel. ?In der Debatte werden oft Äpfel mit Birnen verglichen.? Aber AG ist nicht AG, so Abel. Die Aufgaben eines Vorstandsvorsitzenden eines Unternehmens mit drei Milliarden Euro Umsatz und einem Hauptanteilseigner nicht dieselbe wie die eines Vorsitzenden, der eine diversifizierte und globale Gesellschaft lenkt, die 25 Milliarden Euro umsetzt und im Streubesitz ist.

Zwar fordert der Deutsche? Corporate?Governance Kodex, dass die Vergütung der Vorstandsmitglieder vom Aufsichtsrat "in angemessener Höhe auf der Grundlage einer Leistungsbeurteilung" festgelegt wird. Doch die Verschiedenheit der Vorstandsjobs macht es schwierig, allgemein gültig Kriterien über Art und Höhe der Vorstandsvergütung zu entwickeln. Das ist mit ein Grund, warum die Top-Manager ihre Bezüge nicht offen legen wollen ? bis auf sechs Dax-30-Unternehmen wie Thyssen-Krupp oder Schering. In den USA und Großbritannien ist die individualisierte Offenlegung der Bezüge in Aktiengesellschaften längst Pflicht.

Lange galten Aktienoptionen als ein Weg, um die Entlohnung der Unternehmenslenker langfristig an den Unternehmenserfolg zu koppeln. Doch auch in den Vorstandsetagen selbst werden die Optionsmodelle diskutiert, ermittelte die Hay Group. Viele Programme greifen in der Realität nicht, weil der Kursverfall sie entwertet hat. Zudem ist der Aktienkurs als Kennzahl für den Unternehmenserfolg mittlerweile umstritten. ?Die Aktienkurse hängen nicht nur von der objektiven Unternehmensperformance, sondern auch von anderen Dingen ab?, gibt Abel zu bedenken. ?Als harte Kennzahl für den Unternehmenserfolg sind sie damit allein nicht geeignet.? Bleibt die Frage: Wie lange wollen die Unternehmen noch auf Sand bauen, statt auf Nachhaltiges Wirtschaften zu setzen?
Dieser Artikel ist erschienen am 10.02.2004