Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Manager als Groupie-Magneten

Von Frank Sieren
Eigentlich wollten Tom Anderson und Chris DeWolfe eine originelle Werbeidee für ihre Band The Raveonettes entwickeln. Heraus kam Myspace: das größte Phänomen des Internets ? und die finanzielle Sorgenfreiheit für seine Gründer.
Screenshot von Myspace.com
SANTA MONICA. ?Myspace ist ein kulturelles Phänomen?, schreibt das Nachrichtenmagazin ?Newsweek?. Die Tageszeitung ?USA Today? ergänzt: ?Anderson und DeWolfe haben es geschafft, das Internetwunder zu wiederholen.? Was aber verbirgt sich hinter dieser Internetplattform, die monatlich zwölf Milliarden Visitors anzieht (also Besucher, darunter natürlich viele regelmäßige) und damit sogar Google hinter sich lässt? Und warum haben ausgerechnet Anderson und DeWolfe, die lieber Rockstars geworden wären, geschafft, was Tausende von hoch qualifizierten Webdesignern nach dem Platzen der Internetblase nicht einmal ansatzweise erreichten?Tom Anderson nippt an einer Tasse mit schwarzem Kaffee. Er sitzt in seinem Büro in Santa Monica, an der Tür gibt es kein Namensschild, die Firmenanschrift ist geheim. ?Sag einfach, dass es irgendwo in Santa Monica ist?, sagt der gebürtige Kalifornier mit BWL-Abschluss von der Top-Uni UCLA Los Angeles.

Die besten Jobs von allen

Hinter der Geheimnistuerei steckt keine arrogante Exzentrik eines Neureichen. Anderson und DeWolfe werden von ihren Fans ? die meisten sind im Teenageralter ? wie Superstars behandelt. In Restaurants oder Clubs kommen ?Myspaceler? auf sie zu, wollen Autogramme, haben jede Menge Anmerkungen und Vorschläge. ?Wir kommen schon virtuell mit den zahlreichen Anfragen nicht mehr nach, kaum vorstellbar, wenn unsere Anhänger auch noch die echte Firmenanschrift kennen würden?, sagt DeWolfe, der Schüchterne im Team.Dabei ist die Idee von Myspace nicht grundlegend neu. In den Hochzeiten der New Economy gab es etwas Ähnliches namens Geocities: eine Plattform, auf der die Nutzer ohne viel Arbeit eine eigene Homepage basteln konnten. Neu ist bei Myspace die Möglichkeit, Videos einzustellen und ein Weblog, eine Art Tagebuch im Internet, zu führen. Außerdem können die Anwender sich sehr schnell und leicht zu Interessensgruppen zusammenschließen und in Foren diskutieren.Und: Es ist ein Ort, an dem Marketing auf ein neues, nie zuvor erfahrenes Niveau gehoben wird. ?Wenn du zum Beispiel deine Band promoten willst?, erklärt Anderson, dann ?kannst du Songs auf Myspace.com runterladen und diese mit deinen Freunden teilen.?Kein gieriger Manager, kein Plattenlabel. Die enorme Kundenpalette von Myspace hat somit schon Karrieren gestartet. Das Konzept kann mit Produkten wiederholt werden. Wie ein Lauffeuer und ohne großes Werbebudget kann somit ein relativ kleines Produkt über Nacht zum Verkaufsschlager heranwachsen. ?Ein geniales Konzept. Und so verdammt einfach. Warum ist da bloß niemand früher drauf gekommen?? fragt sich Marketing-Stratege Peter Klaus von der PR-Agentur Fleishman-Hillard.Das wirtschaftliche Potenzial hinter diesem System hat Medienmogul Rupert Murdoch als Erster erkannt. An einem sonnigen Sommertag in Kalifornien klingelte das Telefon von DeWolfe: ?Rupert war selbst dran. Er wollte uns für 580 Millionen Dollar kaufen. Ich musste erst einmal das Fenster aufmachen, um Luft zu holen?, erinnert sich der verheiratete Football-Fan aus dem Bundesstaat Oregon. Mitte Juli 2004 übernahm Murdochs News Corp. das Management von Myspace. Anderson und DeWolfe blieben als Präsident und Vorstandsvorsitzender an Bord.Ihr Leben habe sich aber ?nicht sehr verändert?, seit sie Multimillionäre seien, beteuern sie unisono. ?Wir arbeiten 12 bis 14 Stunden am Tag, über Geld denken wir im Moment nicht wirklich nach?, versichert DeWolfe.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Große Popbands lancieren ihre Alben auf Myspace.Die Wahrheit ist wahrscheinlich eine andere. Myspace ist für eine überwiegend jüngere Generation zum Dreh- und Angelpunkt ihrer sozialen Kontakte im Netz geworden. Die ?Gen Y? schert sich wenig um Geld, Macht oder Ansehen. Da passt es nicht ins Bild, wenn Anderson oder DeWolfe in ihr eigenes Myspace-Profil ?Multimillionär? schreiben müssten. Das Gründerteam versucht zumindest nach außen, die Nähe zur Zielgruppe zu wahren.Wer das Profil von Anderson und DeWolfe bei Myspace klickt, erhält Lebensläufe, die eher an einen träumenden Teenager denn an eiskalt kalkulierende Geschäftsleute erinnern. Tom, 30, liebt ?die Geschichte des Kommunismus?, liest gerne Nietzsche und Orwell und outet sich als wahrer Underground-Band-Kenner.DeWolfe ? mit 40 Jahren längst kein typischer Repräsentant der Gen Y mehr ? gibt immerhin kleinlaut zu, dass er verheiratet ist und aus Portland im US-Bundesstaat Oregon stammt. Aber auch der Vorstandschef stellt seine Vorliebe für die Footballer der Universität USC und die 80er-Rockstars Van Halen und David Lee Roth in den Vordergrund.Noch verschweigen die beiden ihr nächstes Projekt: ein eigenes Plattenlabel mit Bands, die durch Myspace zu ersten Erfolgen gekommen sind. Mit Interscope Records existiert schon eine Kooperation. Und auch groß angelegte Konzertreihen und Festivals sollen unter dem Produktnamen Myspace vorbereitet werden. Natürlich ist auch die Angliederung an Handys oder PDA nicht mehr fern. ?Myspace ist einfach zum richtigen Moment am richtigen Ort aufgetaucht?, fasst PR-Stratege Klaus zusammen.Dabei war dieses Unterfangen nicht das erste gemeinsame Geschäftsprojekt von Anderson und DeWolfe. Die beiden lernten sich während des Dotcom-Booms kennen. DeWolfe fungierte als Vize-Präsident beim Online-Speicheranbieter Xdrive und war verantwortlich für Verkauf und Marketing. Anderson entdeckte an der UCLA, er war als Filmstudent eingeschrieben, ein Plakat. Für ein zusätzliches Taschengeld begann er, Online-Produkte von Xdrive auszuprobieren. ?Ich war so beeindruckt von seinen Kommentaren, dass ich unbedingt enger mit Tom zusammenarbeiten wollte?, beschreibt der 40-jährige Präsident von Myspace die Anfänge.Von den Fehlern der Internetblase hätten sie gelernt, behaupten sie. ?Das Gute am Online-Geschäft", sagt Anderson, ist, dass ?du sofort weißt, ob etwas funktioniert oder nicht?. Sein Geheimrezept heißt daher: ?Pass gut auf, ob es beim Kunden ankommt, wenn ja, dann mache genau da weiter.?Und das hieß im Fall von Myspace: Musik. Unkompliziert und kostenlos half das Unternehmen kleinen Bands, sich unter den Nutzern bekannt zu machen. ?Sie hießen jede noch so kleine Band willkommen?, sagt Matt Shiv, musikalischer Direktor der Online-Musikstation Woxy: ?Heute ist es fast schon ein Muss für jede neue Band, auf Myspace ein eigenes Profil zu stellen.?Längst haben große Popbands wie Depeche Mode oder Nine Inch Nails ihre neuen Alben auf Myspace lanciert. ?Myspace ist gegen den Strom geschwommen? , sagt Geoffrey Yang, Partner des Kapitalgebers Redpoint und einer der ersten Finanziers von Myspace. Yang gibt zu, dass ?der schnelle Erfolg von Myspace.com jeden in der Investment-Welt überrascht hat?. Warum Anderson und DeWolfe so schnell so erfolgreich waren? ?Sie erkennen sehr schnell, was wirklich wichtig ist für den Kunden, und sie tun alles Menschenmögliche, um ihre Klientel zufrieden zu stellen.? ?Was im Moment für Bands funktioniert, wäre auch eine tolle Plattform für Filmstudios und Filmemacher, die ihre kleinen Independent-Streifen günstig promoten wollen?, denkt DeWolfe schon weiter.Und was ist mit ihrer Band, die durch Myspace eigentlich groß werden sollte? ?Hier sitzen wir nun und erschaffen eine virtuelle Freizeitwelt für unsere Fans. Und ausgerechnet unsere Freizeit kommt dabei viel zu kurz?, sagt Anderson. Seit einem Jahr stand er schon nicht mehr mit einer Gitarre auf der Bühne. Dafür hat er jetzt Groupies. ?Niemals hätte ich damit gerechnet, dass das Internet einmal meine Bühne sein würde", sagt er noch, bevor er zum Flughafen hetzt. Denn eines hat sich im Leben der Myspace-Gründer schon geändert: Statt ein paar pappiger Sandwiches zum Mittag müssen sie zum Lunch-Meeting mit Rupert Murdoch nach New York fliegen.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.05.2006