Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Managen wie die Tiere

Britta Domke
Wölfe als Führungsgenies, Piranhas als Meister im Maßhalten: Von den Überlebensstrategien der Tiere können sich Führungskräfte einiges abschauen. Schließlich ist die Natur das erfolgreichste Unternehmen aller Zeiten.
Über die Balzkünste von Ex-Telekom-Chef Ron Sommer ist wenig bekannt. Sein Gebaren als Manager aber ähnelte verblüffend dem eines Pfaus: Je größer seine Prachtentfaltung, desto vitaler wirkte er auf die Hennen -in diesem Fall: die Aktionäre. Da gerieten Hauptversammlungen zu Megashows, der Werbeetat war der größte der Republik, man leistete sich ein teures Radsportteam, und Ron Sommer wollte jede Schule kostenlos mit Internet ausrüsten. Resultat: Die Deutschen hielten die Telekom für ein rundum gesundes Unternehmen und stürzten sich auf die Aktien. Hätten sie das Pfauen-Prinzip hinter Ron Sommers Verschwendung früher durchschaut, wäre ihnen manch herber Geldverlust erspart geblieben

Matthias Nöllke, Journalist und Buchautor, beschäftigt sich schon länger mit tierischen Strategien in der Wirtschaftswelt. "Die Natur liefert keineswegs primitive Konzepte", erklärt er. "Immerhin gibt es kein von Menschen erfundenes System, das so erfolgreich wirtschaftet wie die Natur." Auch Wirtschaftscoach Christian Bruch lehrt seine Klienten mit Tier-Beispielen das Querdenken. "Wenn man Alternativen sucht zu den üblichen Managementstrategien, dann sollte man Anleihen bei anderen Systemen machen.

Die besten Jobs von allen


Innovationsschwache Unternehmen weist Bruch schon mal auf den Übergang vom Süß- zum Salzwasser hin. "Grenzbereiche in der Natur provozieren unglaubliche Evolutionen." Wer sich dessen bewusst sei, entdecke plötzlich auch im eigenen Unternehmen Möglichkeiten, Grenzen zu überschreiten und Neues zu entwickeln

Dass im alten Spiel vom Fressen und Gefressenwerden stets der Stärkere siegt, ist eine Schimäre: Nicht Raubtiere sind die Lieblinge der Evolution, sondern scheinbar schwache Beutetiere. Nicht zufällig gibt es weit mehr Singvögel als Raubvögel. Ihr Erfolgsrezept ist der Vorsprung durch Technik: Weil sie ihren Feinden voraus sein müssen, entwickeln sie immer raffiniertere Überlebensstrategien. Nicht wenige davon lassen sich auch für das Überleben von und in menschlichen Unternehmen nutzen. Da muss die Abteilung nicht gleich zur Affenhorde mutieren und aus der Chefetage kein Rudel Wölfe werden, um den Psychotrick "good guy, bad guy" (Wölfe) oder das Prinzip Belohnung (Affen) erfolgreich anzuwenden. Auch das Konzept der Schwarmintelligenz, das auf der genialen Organisationsstruktur von Ameisenstaaten und Bienenvölkern beruht, ist mittlerweile gängiges Managementinstrument und wird von Unternehmen wie Unilever und Southwest Airlines zur Verbesserung ihrer Logistik eingesetzt. Allein die Fluglinie spart durch Schwarmintelligenz mehr als zehn Millionen Dollar pro Jahr

Doch Vorsicht: In der Natur wie in der Wirtschaft verkehren sich vermeintliche Erfolgsrezepte oft genug in ihr Gegenteil. Das hat Ron Sommer übersehen und seine Strategie der gezielten Verschwendung überreizt - mit den bekannten Folgen für Telekom und Kleinanleger. Hätte er bloß den Pfau genauer beobachtet. Denn der legt nach erfolgreicher Balz seine bunten Federn zusammen und kümmert sich wieder um das Wesentliche: die Futtersuche.
Dr. Matthias Nöllke: "So managt die Natur". Haufe Verlag 2004. 340 Seiten, 24,80 Euro, ISBN 3-448-05653-7.

Weitere Informationen unter http://www.haufe.de
Dieser Artikel ist erschienen am 26.03.2004