Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Man trifft sich immer zwei Mal

Von Oliver Stock
Da ist er wieder. Jens Alder, bis Anfang dieses Jahres Chef der Schweizer Telekomgesellschaft Swisscom, wechselt zur dänischen Konkurrenz TDC ? und attackiert dort seinen Ex-Arbeitgeber. Als Elektroingenieur weiß er jedoch, was Widerstände sind. Er weiß, dass sie heiß werden, wenn sie unter Volllast arbeiten.
ZÜRICH. Es dürfte für den agilen Manager ein Wechselbad der Gefühle werden: Die Swisscom leidet als eine der letzten mehrheitlich staatlichen Telekomunternehmen in Europa unter dem unberechenbaren Einfluss der Politik, der es um Themen wie Grundversorgung, Arbeitsplätze und eine gewisse Überschaubarkeit bei Expansionen geht. Alder schmiss deswegen die Brocken hin.TDC dagegen ist eine seit diesem Jahr komplett von ausländischen Investorengruppen beherrschte Telekomfirma. Den Besitzern geht es nur um eines: Rendite. Die muss Alder jetzt liefern. Dass er das kann, konnte er bei Swisscom nur bis zu einer gewissen Schamgrenze unter Beweis stellen.

Die besten Jobs von allen

Es ist der 20. Januar 2006: Seit zwei Monaten ist die Swisscom das Top-Thema unter eidgenössischen Managern. Mit Mitleid und Respekt beobachten sie, wie ihr Kollege Alder einen hoffnungslosen Kampf gegen die Regierung in Bern führt. Dort überlegt sich allen voran Justizminister Christoph Blocher, was passieren könnte, wenn die Swisscom, die in ihrem engen Heimatmarkt kaum Wachstumschancen hat, ihre Ankündigung wahr macht und im Ausland auf Einkaufstour geht.Der Kauf der irischen Eircom steht bevor. Und auch mit der dänischen TDC wird offenbar gesprochen. Alder hat das jedenfalls nie dementiert.Blocher allerdings sieht Ungemach am Horizont: Die Swisscom könnte in ausländische Arbeitskämpfe verwickelt werden, der Aktienkurs unter Druck geraten, der Bund säße auf einem Milliardenrisiko. Mit dem Justizminister als treibende Kraft im Rücken verbietet der Bund als Mehrheitsaktionär kurzerhand seiner Telefonfirma jeglichen größeren Expansionsschritt im Ausland.Alder, der seit Jahren nichts anderes als die Expansion predigt, ist blamiert.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Seine Wangen glühen. Aber er ist zäh.Ein paar Wochen noch braucht er das Bild vom Kapitän, der nicht von Bord gehen darf, wenn das Schiff in schwere See gerät. Als Elektroingenieur weiß er jedoch, was Widerstände sind. Er weiß, dass sie heiß werden, wenn sie unter Volllast arbeiten. Seine Wangen glühen. Aber er ist zäh.In der Schweiz sind sie schon deswegen stolz auf ihn, weil er mal als Nachfolger des ehemaligen Telekom-Chefs Ron Sommer gehandelt worden war. Sie mögen den Mann mit dem internationalen Touch. Sogar eine dänische Mutter hat er und spricht ihre Sprache ? was ihm an seinem neuen Arbeitsplatz hilfreich sein wird. Sie mögen ihn auch, weil er auf dem Boden geblieben ist. Den neuesten technischen Schnickschnack probiert er am liebsten unter Anleitung seines Sohnes aus.Doch dann, eben am 20. Januar geht Alder doch. Er überlässt es seinem Nachfolger Carsten Schloter, einem Deutschen, ein Unternehmen zu führen, das nicht wachsen darf, wie es könnte, und nicht weiß, ob es jemals wie die Konkurrenz rundherum privatisiert werden wird. Alder nimmt rund eine Million Euro mit: sein Jahresgehalt plus einen Bonus. Und er unterschreibt, dass er bis Ende Oktober nicht bei der Konkurrenz anheuern darf.Daran hält er sich. Der jetzige TDC-Chef Henning Dyremose soll erst am 1. November seinen Stuhl räumen. ?Der Wechsel steht nicht im Widerspruch zu der Vereinbarung?, teilte die Swisscom deswegen am Donnerstag mit und fügte das Wort ?formal? hinzu. Rein praktisch allerdings dürfte sie ein Problem auf sich zukommen sehen: TDC ist die Muttergesellschaft von Sunrise, der härtesten Inlandskonkurrentin der Swisscom. Sunrise so zu positionieren, dass sie der Swisscom möglichst viel Ärger macht, dürfte Alder ein Leichtes sein. Für den Swisscom-Großaktionär, den Bund, entpuppt sich Alders neuester Coup damit vielleicht als risikoreicher, als es die alte Expansionsstrategie jemals gewesen wäre.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.06.2006