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Maloche statt Mallorca

Dirk Engelhardt | Sabine Marbach
In den Semesterferien arbeiten Studenten auf der ganzen Welt für lau: Zwei bis vier Wochen verschenken sie sich an ein Workcamp. Altertümer in Griechenland ausgraben, eine Sozialstation in Indien aufbauen, Naturlehrpfade in der Extremadura anlegen. Plätze für die freiwilligen Arbeitseinsätze sind kurzfristig zu haben.
In den Semesterferien arbeiten Studenten auf der ganzen Welt für lau: Zwei bis vier Wochen verschenken sie sich an ein Workcamp. Altertümer in Griechenland ausgraben, eine Sozialstation in Indien aufbauen, Naturlehrpfade in der Extremadura anlegen ? deutsche Veranstalter vermitteln dieses Jahr 700 Workcamps. Plätze für die freiwilligen Arbeitseinsätze sind kurzfristig zu haben.Marcel hockt in der Schreinerei neben dem Kindergarten und zeigt den Vierjährigen, wie man Leim auf Brettchen streicht. Gleich ist der Kinderkaufladen fertig. Die Kinder glucksen vor Vergnügen, Augen voll Erwartung. "Das sind schon tiefe Einblicke, die ich da in das Land Peru bekommen habe", sagt der Student aus Münster. "Mit dem Rucksack Andendörfer zu erkunden, hätte mir wenig gebracht."

Die besten Jobs von allen

Marcel Meinken studiert "Interdisziplinäre Regionalwissenschaften Lateinamerikas" im achten Semester. Drei Wochen arbeitete der 24-Jährige in Cuzco, der drittgrößten Stadt Perus, als Kindergärtner in einem privaten Kindergarten. Vier bis sechs Stunden täglich. Unentgeltlich. Sein Flugticket zahlte er selbst. Plus 80 Euro Anmeldegebühr. Hallo! Ist der Mann noch bei Trost?Ja, seine Rechnung ist bloß anders: "Ohne das Workcamp, also ohne Arbeitserfahrung in einem Entwicklungsland, wären meine Jobchancen nach dem Studium gleich null." Marcel will in die Entwicklungshilfe. In dieser Branche reicht es nicht, ein gutes Herz zu haben. "Immerhin habe ich jetzt ein Praktikum bei ,Brot für die Welt? ergattert."In Deutschland gibt es mehr als 60 Veranstalter von Workcamps. Gemeinsam ist allen, dass sie gemeinnützige Projekte unterstützen und interkulturelle Begegnungen fördern. Die Palette reicht von Friedensarbeit über Umweltschutz bis zu Kultur-, Kinder-, und Frauenarbeit. Ideal für Studenten, weil sich Schwerpunkte aus unterschiedlichen Fächern in die Camps einbringen lassen.Voraussetzung für die Teilnahme ist eine gehörige Portion Motivation. Spanplatten hobeln in Cuzco etwa kann für Europäer anstrengend sein: "Wegen des Sauerstoffmangels", sagt Marcel. "Das Klima hat mich geschlaucht, in 3 415 Metern Höhe ist die Luft dünn, und es ist saukalt. Dazu kommt die Durchfallitis." Marcels Begeisterung für Workcamps ist trotzdem ungetrübt. Dass sein Zimmer bei einer peruanischen Familie kaum größer war als die Matratze, die darin lag, war für ihn Nebensache.Ein Workcamp ist kein Pauschalurlaub. Hier haben Ansprüche keinen Platz, dafür ist Initiative gefragt. An- und Abreise zu den Camps und gegebenenfalls Visa muss jeder selbst organisieren und zahlen. Die Vermittlungsgebühren für Camps in Deutschland betragen je nach Organisation zwischen 50 und 95 Euro. Für Vermittlungen ins Ausland sind zwischen 80 und 120 Euro fällig.Das Geld für den Auslandstrip hat Marcel während des Semesters beiseite gelegt. "Ein Low-Budget-Urlaub in Lateinamerika hätte mich mindestens genauso viel gekostet. So habe ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Das Workcamp war für mich Praxis-Check mit einem guten Schuss Lebenserfahrung."Wilma Lerch ging es nicht um Berufsvorbereitung, sondern ums "Multi-Kulti-Feeling", wie die Soziologie-Studentin im zweiten Semester es nennt. "Das ist praktisch im Camp: Auf einem Fleck trifft man junge Leute aus allen möglichen Ländern, arbeitet und lebt für eine Zeit gemeinsam", schwärmt sie. "In meinem Camp waren 15 Teilnehmer aus Tschechien, Kanada, Italien, Polen, Iran, Deutschland, Frankreich und Japan dabei."Die 22-Jährige ging in ein Kaff in den französischen Alpen und restaurierte eine Kapelle: Wände abschrubben, Boden herausreißen und Tür abschleifen. "Das Teil haben wir drei Tage per Hand abgeschmirgelt, mit einem elektrischen Schleifgerät wäre die Chose in einer halben Stunde erledigt gewesen", erzählt sie.Aber es hat Spaß gemacht. "Am meisten haben wir gelacht, wenn Vorurteile über die Nationalitäten ausgepackt wurden." Das passierte meist auf Englisch. Ihr Französisch und Italienisch konnte Wilma Lerch aber auch auffrischen. Untergebracht waren die Teilnehmer in einem leer stehenden Haus mit nur einem Schlafraum. Gekocht wurde einfach, dafür mit Liebe. "Einmal tischten die Japaner auf", erzählt die Potsdamerin. "Sie organisierten einen japanischen Gourmet-Abend mit Original-Zutaten. Keine Ahnung, wo sie die besorgt hatten."Von der Idee Workcamp ist Wilma begeistert. Von ihrem Campleiter in Frankreich gar nicht. "Er war vollkommen unmotiviert und steckte seine Energie in die Affäre mit einer Teilnehmerin." Diesen Sommer leitet Wilma selbst ein Projekt: im Brandenburgischen Bosdorf Bungalows eines Jugendferiendorfes renovieren. Für Einsätze als Leiter gibt es Aufwandsentschädigungen oder Preisnachlässe für spätere Vermittlungen. Freiwillige werden immer gesucht, besonders Männer sind rar ? zwei Drittel der Workcamper sind weiblich.Wilma Lerch weiß zwar noch nicht, wo sie beruflich hin will, aber für sie ist klar: "Wenn man vom Camp nach Hause fährt, nimmt man viele Eindrücke und Freundschaften mit und sieht seine Heimat plötzlich mit anderen Augen. Workcamps erweitern den Horizont."
Geschichte: Das erste Workcamp fand 1918 statt. Ein Dorf bei Verdun wurde wieder aufgebaut. Heute gibt es die zwei- bis vierwöchigen Arbeitseinsätze im sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich. Die 60 deutschen Veranstalter ? eingetragene, gemeinnützige Freiwilligenorganisationen ? haben sich in der "Trägerkonferenz der Internationalen Jugendgemeinschafts- und Jugendsozialdienste" zusammengeschlossen. Die deutschen Veranstalter kooperieren mit Organisationen im Ausland. So kommen die internationalen Arbeitsgruppen zustande.Teilnehmer: Mitmachen kann jeder ab 18 Jahre. Meist leben drei bis 20 junge Leute aus bis zu zehn Ländern in einem Camp. In einigen Studienfächern wird die Teilnahme als Praktikum anerkannt.Kosten: Die Vermittlungsgebühren für Camps in Deutschland betragen zwischen 50 und 95 Euro. Für Vermittlungen ins Ausland sind zwischen 80 und 120 Euro fällig. Reisekosten müssen die Teilnehmer selbst berappen. Kost und Logis sind frei. Die Unterbringung ist einfach: in Schulen, Zelten oder bei Familien.Arbeitszeit: vier bis sechs Stunden täglich

Sprachen im Workcamp: Englisch und Landessprache
Dieser Artikel ist erschienen am 01.07.2002