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Maliks Modell

Von Oliver Stock
CDU-Chefin Angela Merkel steht als Bundeskanzlerin vor einer komplexen Managementaufgabe ? und ist damit ein Fall ganz nach dem Geschmack von Fredmund Malik. Der Doyen der Managementlehre macht Merkel aber wenig Hoffnung.
ST. GALLEN. Aber bei der Frage nach Frau Merkel stockt sein Redefluss. Der smarte Professor, der in der Wirtschaftskaderschmiede St. Gallen die Lehre vom richtigen Management verbreitet, will nicht von seiner eigenen Formulierungskunst überwältigt werden. Er will nichts sagen, was sich nicht für die gedruckte Form eignet. Darum lässt er sich zweimal bitten: ?Wie beurteilen Sie die Chancen von Angela Merkel als Kanzlerin???Die neue deutsche Bundeskanzlerin?, sagt Malik, setzt die Brille ab, um die Bedeutung der eigenen Worte noch zu unterstreichen, ?hat drei Probleme: Sie muss ein Land führen, das weitsichtige Entscheidungen nötig hat. Sie muss ein Kabinett führen, das nicht ihr eigenes ist. Und sie muss in Wahrheit auch drei Parteien führen, von denen sich zwei nicht von ihr führen lassen wollen.? Merkel steht also vor einer komplexen Managementaufgabe ? und ist damit ein Fall ganz nach Maliks Geschmack.

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Mit 24 Jahren ? ?Ich war spätpubertierend?, sagt Malik ? beginnt der Mann, der bis dahin Gitarre gespielt und den Vertrieb einer Heizungsfirma organisiert hat, sich seinem Lebensthema zu nähern. Er studiert, promoviert, und habilitiert sich zu dem Doyen der Managementlehre. 1984 wendet er seine Theorie in der Praxis an: Er übernimmt das Management Zentrum St. Gallen und wandelt es von einer Stiftung in eine Aktiengesellschaft.Am Türschild steht jetzt statt der beiden Wörter ?Management Zentrum? der eindeutigere Titel ?Malik Management Zentrum?, was darauf schließen lässt, dass sich das Selbstbewusstsein des Professors zu einem Markenbewusstsein gesteigert hat. Er ist Verwaltungsratspräsident des 170 Mitarbeiter starken Unternehmens, das einen Umsatz von umgerechnet gut 33 Millionen Euro erzielt. Er sei ein ?echter Star?, sagt ein Schweizer TV-Moderator, der sich bewusst ist, dass sein Land nach Emil und Roger Federer nicht allzu viele Starnamen im Angebot hat. Auf der Buchmesse wird der Professor den ersten Band seines neuesten Werkes präsentieren: ?Management ? das A und O des Handwerks?, heißt es und soll die Branche wachrütteln.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zu einem Star gehören starke Sprüche.Zu einem Star gehören starke Sprüche. Malik fallen solche pausenlos ein. Er geißelt die Sprache der Managerzunft: ?Von Potenzial sprechen Führungskräfte, wenn nur noch die Hoffnung das Geschäft am Leben erhält.? Dass sein Vortragssaal im Management Zentrum intern ?Operationsroom? heißt, gehört hier nicht zur Sache.Malik hat kein Verständnis, wenn ein Unternehmen wie Nestlé angeblich keinen Nachfolger für seinen abtretenden Verwaltungsratspräsidenten findet und deswegen kurzerhand den operativen Chef auch zum Chefaufseher ernennt: Eine Firma, die keinen Nachfolger für Spitzenpositionen findet, habe ihre wichtigsten Hausaufgaben nicht gemacht, stellt Malik fest und fügt einen Satz hinzu, der die Aufnahmeprüfung in seinen gesammelten Zitatenschatz bestehen würde: ?Ich habe auch noch nicht gehört, dass die katholische Kirche einen Headhunter einschaltet, wenn sie einen neuen Papst sucht.?Zu einem Star gehört, dass er sich auch bei Personen auskennt, die er nicht persönlich kennt. VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch ist so ein Fall. ?Der Mann ist eine große Herausforderung?, weiß Malik. Ihm fehle alles, was gemeinhin verlangt werde: soziale Kompetenz, Charisma, Teamgeist. ?Aber er ist in der Lage, ein so komplexes Unternehmen wie VW zu führen.? Deswegen lässt er auf Piëch nichts kommen.Wer dem VW-Lenker angesichts seiner Beteiligung am jüngsten VW-Aktionär Porsche mangelndes Verständnis von Corporate Governance vorwirft, muss mit Maliks Kritik rechnen: Piëch trete schließlich als Eigentümer auf. ?Eigentum verpflichtet mehr als alles andere.? Piëch stehe so außerhalb der Corporate-Governance-Regeln, die sich auf gewählte Vertreter in Management und Aufsichtsrat bezögen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zu einem echten Star gehört ein Sendungsbewusstsein.Zu einem echten Star gehört ein Sendungsbewusstsein, das ihn von Beratern à la Berger und McKinsey unterscheidet. Malik streicht sich über die hohe Stirn und das elegant ergraute Haar, bestellt sich einen zweiten schwarzen Kaffee und wettert über all die Moden in der Managementlehre. Der Shareholder-Ansatz sei etwas für Rider gewesen, für solche, die die kurzfristigen Erfolgswellen von Unternehmen abreiten und dann verschwinden.Und jetzt also der Stakeholder-Ansatz. Ein Salto mortale sei das, eine tödliche Rolle rückwärts. Denn wer sich allen verantwortlich fühle, sei in Wahrheit niemandem verpflichtet. Malik hält dem seine Theorie entgegen. Customer-Value hieße die im Managerdeutsch. ?Ein gesundes Unternehmen ist eines, das zufriedene Kunden hat?, sagt Malik.Was das für Frau Merkel bedeutet? Eine gute Kanzlerin schafft zufriedene Deutsche? Malik räumt ein, dass die Theorie hier an die Grenzen der politischen Wirklichkeit stößt. Ein schlecht bedienter Kunde wechselt in Maliks Modell zur Konkurrenz. Ein unzufriedener Wähler muss darauf wohl vier Jahre warten.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.10.2005