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Mailand: Bella Figura machen

Petra Carli | Martin Roos
Fotos: Guido Clerici; Kristensen/Laif; Guiseppe Mastrullo/Neri
Sie ist die heimliche Hauptstadt Italiens. Und todschick. Einen guten Eindruck zu machen ist Pflicht, draußen ebenso wie im Job - zum Beispiel im Banking, bei Medien und in der Modebranche.
Vielleicht hätte ihr Italienisch gereicht, um Pizza zu verkaufen - wohl kaum jedoch, um in Mailand in einer Bank zu arbeiten. "Mein Italienisch war rudimentär, als ich vor drei Jahren hierher kam", sagt Heike Maurer. So paukte sie drauflos und weiß heute: "Wer in Mailand arbeiten will, muss Italienisch können." Die Italiener sind zwar sehr hilfsbereit und kontaktfreundlich, sprechen aber oft keine zweite Sprache. Mit Englisch kommt man nicht sehr weit.

Vor drei Jahren fing sie in der lombardischen Hauptstadt an. Die Deutsche Bank, Maurers Arbeitgeber, schickte die Karlsruherin über das hauseigene International Staff Exchange Program ein Jahr nach Italien. "Ich wollte unbedingt im Ausland Berufserfahrung sammeln", sagt die 35-Jährige.

Die besten Jobs von allen


Nach Ablauf des Programms entschied sie sich, länger zu bleiben. Heute arbeitet sie in der Personalabteilung und betreut die ausländischen Mitarbeiter. Die Deutsche Bank steht in Mailand an erster Stelle unter den internationalen Kreditanstalten - gleich nach den großen italienischen Banken. In Italien beschäftigt sie 4.100 Mitarbeiter, die meisten davon in Mailand und Umgebung.

Der Chef hat immer Recht

Das Geschäftsleben läuft in Italien hierarchischer ab als in Deutschland. "In Meetings spricht der Chef, die anderen hören zu. Dass da jemand mal ganz anderer Meinung ist und lautstark Protest anmeldet, geschieht nicht so oft."

Ein Grund dafür ist, dass zu viel "Gleichheit" und "zu gute Behandlung" im Umgang mit Untergebenen manchmal als Schwäche ausgelegt werden. Und weil viele Mitarbeiter so autoritätsgläubig sind, weisen sie auf Fehler des Chefs erst gar nicht hin. Um nicht unsympathisch zu wirken, wird ein "Nein" nicht offen ausgesprochen, sondern schön verpackt und durch die Blume.

Hauptsache höflich

Italiener wollen einen guten Eindruck, eine "bella figura", machen. "Ein großer Teil des beruflichen Verhaltens ist in Italien auf die Außenwirkung bedacht", sagt Jens Bortloff, Leiter des deutsch-italienischen Fortbildungszentrums "Villa Vigoni" in Como. Die meisten seiner Seminarteilnehmer arbeiten in Unternehmen in Mailand. "Gerade bei Erstkontakten mit Geschäftspartnern und Kollegen ist Höflichkeit sehr wichtig", sagt Bortloff.

"Der persönliche Kontakt spielt auf der Jagd nach einem Job eine große Rolle", meint Elisabetta DeGaietano, Beauftragte der Stellenvermittlung der Deutsch-Italienischen Handelskammer. Und: "Wer in Mailand eine Bewerbung einreicht, erhält nicht unbedingt eine Antwort. Unternehmen melden sich meist nur, wenn tatsächlich Bedarf ist. Und Unterlagen werden niemals zurückgesandt."

Leonardos Abendmahl, Duomo, Kanäle

Für ihren Arbeitgeber allein ist Heike Maurer nicht in Mailand geblieben. Sie hat sich verliebt - und zwar in die Stadt, die historischen Gebäude, beispielsweise die Santa Maria della Grazie, die Dominikaner-Klosterkirche in der westlichen Innenstadt; oder in die Naviglie, an denen sie sonntags entlangradelt.

Und sie ist verschossen in Mailands Lebensrhythmus: "Es gibt heute keinen Tag mehr, an dem ich morgens nicht in einem Café irgendwo in der Stadt einen Espresso trinke und ein Brioche esse, bevor ich das Büro betrete."

Mittags geht sie wie die meisten Mailänder in einem Bistro oder Schnellrestaurant Pasta essen, abends darf in einer Bar der Aperitif vor dem Essen nicht fehlen. "Der aperitivo ist überhaupt die beste italienische Art, gesellig zu sein und Leute kennen zu lernen", meint Maurer. Und mit dem aperitivo beginnt in Mailand auch schon das Nachtleben, nämlich gegen 19 Uhr zum Beispiel an der Kanalseite der Naviglie und im Ticinese-Viertel im Süden der Stadt.

Täglich vom lago maggiore ins Büro

Dass Maurer täglich vom Norden der Stadt, dem nicht sehr attraktiven Stadtteil Nuova Isola, mit der U-Bahn in die verschachtelte Innenstadt fahren muss, macht ihr nichts aus - mit einem Auto wäre es schlimmer: Im Zentrum, wo viele Sackgassen oder Einbahnstraßen die Weiterfahrt erschweren, sind Parkplätze Mangelware. Die einzige Rettung: die Tiefgaragen der Hotels.

"Wer in Mailand etwas auf sich hält, wohnt direkt im Zentrum - oder in der Brianza", sagt Maurer. Zwischen dieser Hügellandschaft im Norden und der Innenstadt pendeln täglich mehrere hunderttausend Mailänder. Nicht wenige Manager wohnen sogar noch weiter weg, zum Beispiel am Comer See oder dem Lago Maggiore, wo sie ein schickes Appartement oder Haus besitzen und am Wochenende Bötchen fahren.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.03.2002