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Magische Orte

Von Oliver Stock
Was ist das Werkzeug eines Architekten? Ein gespitzter Bleistift, klar. Pierre der Meuron trägt einen in der Brusttasche, die Mine zeigt bedrohlich spitz in Richtung Kinn. Was trägt ein Architekt, der Künstler und Geschäftsmann gleichzeitig ist? Einen Anzug, möglichst einen schwarzen, wie Pierre de Meuron.
ZÜRICH. Der Basler Baumeister entspricht so sehr dem Bild des Architekten, dass unwillkürlich die Frage entsteht: Wer prägt hier wen? Ist er in die Rolle geschlüpft, oder ist die Rolle ihm auf den Leib geschrieben?De Meuron sitzt, den Rücken gebeugt, das schmale Gesicht mit der Hand abgeschirmt, am langen Tisch eines Zürcher Edelhotels und tippt in seinen Laptop. Die Brille mit dem dicken Gestell, die schon etwas schütteren grauen Haare, die lebhaften dunklen Augen, die jetzt aufschauen und im kleinen Saal unruhig mal an diesem Gegenstand, mal an jenem Zuhörer hängen bleiben ? der Mann wäre rein äußerlich auch eine gute Besetzung für einen von Woody Allens Stadtneurotikern.

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Doch dann steht er auf und erzählt vom neuesten Plan aus dem Hause Herzog de Meuron, dem Architektenbüro aus Basel, das schon lange ? für die vergänglichen Moden der Branche erstaunlich lange ? in einem Atemzug mit Namen wie Renzo Piano oder Norman Foster genannt wird. Er redet sich warm, was schnell geht, und es wird klar: Dort steht kein selbst verliebter Phantast, sondern ein vielleicht nicht uneitler, aber auf jeden Fall kreativer Kopf, der, auch wenn die Gedanken nur so blitzen, nicht die Wirklichkeit aus den Augen verloren hat.Nach der Elbphilharmonie mitten im Hamburger Trubel will das Architektenpaar Jacques Herzog und Pierre de Meuron demnächst eine Halle für die Musik mitten in der Einsamkeit bauen: im Jura, das nicht zufällig als ?26. Kanton? in der Schweiz betitelt wird. Damit steht die hügelige Landschaft zwischen Bern und der französischen Grenze ganz am Ende einer Liste der Schweizer Kantone. Hier brausen viele Touristen auf dem Weg in die Hochalpenregionen durch, ohne anzuhalten. Hier hat sich nur ganz wenig Industrie festgesetzt, der Strukturwandel weg von der Landwirtschaft lässt auf sich warten. Die Schweizer neigen dazu, das Dörfliche als Gegenbild zur Globalisierung zu zelebrieren, obwohl die Kühe auf den satten grünen Matten, die solche Illusionen nähren, hoch subventionierte Kühe sind. Das ?Auditorium du Jura? soll den Schweizern Augen und Ohren für eine andere Wirklichkeit öffnen.De Meuron spricht vom ?Bilbao-Effekt?: Niemand hatte Bilbao auf der touristischen Landkarte, bevor Frank O. Gehry dort das Guggenheim-Museum baute. Seither kann kein Kulturreisender nach Spanien fahren, ohne in Bilbao Station zu machen. Einer ganzen Region hat Gehry den Aufschwung gebracht.De Meuron stammt aus dem Jura, dort wurde er 1950 geboren. Jetzt will er in diesen vergessenen Landstrich zurückkehren und eine Marke setzen. Sein Auditorium ragt einsam in die Landschaft, zum nächsten Dorf sind es zehn Minuten zu Fuß. Die Halle der Musik soll wie eine Pyramide aussehen, die aber nicht auf der Erde, sondern auf drei dicken Füßen steht. Der Orchesterraum liegt unter der Oberfläche wie ein in den Boden eingelassenes Amphitheater. Darüber erstreckt sich das Foyer, dessen gläserne Wände die drei Säulen verbinden, auf denen das pyramidenförmige, von nach außen gewölbten Beulen unterbrochene Holzdach ruht. In dessen Innerem sitzen rundum die Zuschauer.Als ?Projekt mit Herzblut? bezeichnet Jean Pierre Gobin das Vorhaben. Gobin ist ehemaliger Flughafendirektor von Genf und prominentes Mitglied jener Stiftung, die das Auditorium bauen will und jetzt Investoren sucht, die bereit sind, 15 Millionen Euro aufzubringen. Natürlich helfen klangvolle Namen wie der des Büros Herzog de Meuron dabei. Den Architekten stört das nicht. ?Ich bin auch ein Kommunikator?, sagt er.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wenn er etwas sagt, horchen die Eidgenossen aufDas Geld ist aus Sicht des ?letzten? Kantons gut angelegt. De Meuron will das vergessene Jura ins Gedächtnis zurückbauen. ?Es wird ein Statement für die Schweiz?, sagt der schwarze Mann und wählt einen anschaulichen Vergleich: Architektur sei wie Akupunktur. ?Mit einer Nadel lässt sich viel erreichen.?Vielleicht ein Dreivierteljahr ist es her, da hat sich das Architektenpaar aus Basel eingemischt in eine provozierende Diskussion, in der die Schweiz von Kritikern aus den eigenen Reihen als ?alpine Zentralbrache rund um den Gotthard? bezeichnet wurde. Herzog und de Meuron plädierten für mehr Akzente in einem Land, dessen Föderalismus zwar Ausgleich schafft, aber Einzigartigkeit verhindert. ?Wir haben beinahe geschlafen in der Schweiz?, sagt de Meuron. ?Jetzt müssen wir verschiedene Orte stärker machen.?Wenn einer wie er das sagt, horchen die Eidgenossen auf. Es gibt nicht viele unter den sieben Millionen Schweizern, die es in ihrer Branche zu Weltbedeutung gebracht haben. Das Architektenpaar aus Basel gehört dazu. Sie sind Großunternehmer, die es geschafft haben, dass ihnen vor lauter Buchhaltung nicht die Ideen ausgehen.Sieben Partner leiten das Büro, 200 Mitarbeiter arbeiten in Niederlassungen in London, München, San Francisco, Barcelona und Peking. Der in der Szene beachtete Durchbruch gelang dem Büro 1987 mit einem trichterförmigen, anmutigen Lagerhaus für den Kräuterbonbonproduzenten Ricola im schweizerischen Laufen. Es folgten Museumsbauten wie die Tate Modern in London und Stadien wie der ?Münchener Schwimmreifen?: die Allianz Arena. Größtes Projekt derzeit ist der Bau des Nationalstadions in Peking, das in zwei Jahren zur Bühne für die Olympischen Spiele werden soll. Wenn es ein Stilmerkmal bei all diesen Bauten gibt, so ist es ihre Unterschiedlichkeit. ?Herzog und de Meuron reagieren von Objekt zu Objekt mit einer eigenständigen Form auf den Raum?, sagt Ulf Wollin, Architekturprofessor aus Hannover.?Wir wollen magische Orte schaffen?, sagt de Meuron, was auch nicht unbescheiden klingt. Er zückt den Bleistift und deutet auf ein hölzernes Modell des ?Auditorium du Jura?. ?Es soll sich in das Bewusstsein der Menschen eingraben?, fügt er hinzu und lässt wenig Zweifel daran, dass ihm und seinem Partner das auch mit diesem Projekt wieder gelingen wird.
Pierre de Meuron1950 wird er am 8. Mai in Basel geboren.
1975 schließt er sein Architekturstudium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich (ETH) ab. Anschließend arbeitet er als Assistent beim Architekturprofessor Dolf Schnebli.
1978 gründet er mit Jacques Herzog ein eigenes Architekturbüro in Basel unter dem Namen Herzog & de Meuron. Mit Herzog ist de Meuron bereits seit Kindertagen befreundet, beide absolvierten die gleiche Ausbildung.
2000 gelingt ihnen mit der Tate Modern in London der internationale Durchbruch.
2001 erhalten sie den renommierten Pritzker-Preis für Architektur.
2008 soll das von ihnen entworfene Olympia-Stadion in Peking eröffnet werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.05.2006