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Magie der Macht

Christoph Mohr
Ende Januar treffen sich wie jedes Jahr die Mächtigen aus Wirtschaft und Politik in Davos. Die Organisation, die das legendäre World Economic Forum erst möglich macht, sitzt in Genf. Ein Blick hinter die Kulissen.
Wenn Managementprofessor Klaus Schwab, Chef des World Economic Forum (WEF), aus seinem President's Office den Blick über den Genfer See schweifen lässt, kann er am gegenüber liegenden Ufer den alten Völkerbundpalast erblicken, noch heute Europasitz der Uno. Mittlerweile aber konzentriert sich die Macht auf dieser Seite des Sees, wo Schwab mit 180 Mitarbeitern das alljährliche Weltwirtschaftsforum im 400 Kilometer entfernten Nobelkurort Davos organisiert. Ein Mammut-Meeting, das jedes noch so hochkarätige Diplomatentreffen in den Schatten stellt.

"Davos is the Summit of Summit of Business", schreibt der Economist, und die Financial Times stellt hier die "höchste Dichte von Geld und Macht pro Quadratmeter" fest. "Wenn man nach Davos kommt", sagt WEF-Präsident Schwab lakonisch, "weiß man, dass dort mindestens die Hälfte der zehn bis 20 Top-Player eines Landes versammelt sind, sei es aus der Wirtschaft oder der Politik.

Die besten Jobs von allen


So treffen sich jeden Januar an einem "unmöglichen" Ort - Davos besitzt keinen eigenen Flughafen und viele Hotels nicht einmal E-Mail-Anschluss - rund 2.000 erlesene Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, aber auch Intellektuelle, Künstler, Kirchenführer und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen. Auf dem Programm: über 300 Vorträge, Podiumsdiskussionen und Roundtable-Gespräche, vor allem aber Cocktail-Partys, Abendessen und informelle Begegnungen. Dass auch Kanzler Schröder & Co nach Davos kommen, um vor der Medienmeute häppchengerechte Statements abzugeben, ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die Politiker nutzen das Forum als globale Bühne, das WEF schmückt sich mit ihnen

Natürlich wird "Davos" nicht jedes Jahr neu erfunden. Hinter dem WEF stehen 1.000 handverlesene Unternehmen, die in Form von Mitgliedsbeiträgen und saftigen Konferenzgebühren eine Organisation finanzieren, die zuletzt Einnahmen von 70 Millionen Schweizer Franken auswies. Für sie wird letztlich "Davos" organisiert; 1.000 der 2.000 Teilnehmer kommen aus der Geschäftswelt. Umgekehrt gilt: Erst wer nach Davos eingeladen wird, darf sich wirklich als "Global Player" fühlen

Doch die Macher im Genfer World Economic Forum tun mehr als "Davos" zu organisieren. Dem Leitgedanken ihres Gründers folgend, die richtigen Leute miteinander in Kontakt zu bringen, sind über die Jahre eine fast unübersehbare Zahl weiterer Aktivitäten hinzugekommen, darunter ein halbes Dutzend regionaler "Summits" - Mini-Davose in Lateinamerika, den USA, Afrika, Asien. Daneben organisiert das WEF auch Top-Treffen einzelner Mitgliedsgruppen. Da versammeln sich die Automanager, die"Technologiepioniere" oder das "International Business Council"

Als völlig unbekannter deutscher Managementprofessor an der Universität Genf rief Schwab das Managertreffen vor 30 Jahren ins Leben. Aus dem Organisator von hochkarätigen, aber punktuellen Meetings ist ein "Builder of top global communities" geworden - ein Knotenpunkt weltweit agierender Netzwerke. Mehr noch: Das WEF will zur Verbesserung der Welt beitragen: "Committed to improving the state of the world", verheißt das offizielle Logo auf allen Dokumenten.

Der Professor für strategische Unternehmensführung will aus der Organisation die "führende Plattform für Wissensgenerierung" machen, die den Unternehmenschefs hilft, "ihr strategisches Bewusstsein zu schärfen". Denn das Wissen von Business Schools und Consulting-Unternehmen hinke der Zeit hinterher, es gelte, die "kollektive Intuition" der WEF-Mitglieder zu nutzen.

Jobs!

Ist die Organisation hinter "Davos" schon weitgehend unbekannt, so ist es ein anderer Umstand erst recht: Hier gibt es Jobs. "Wir suchen ständig Mitarbeiter", sagt Personalmanagerin Anouk Pache. Nach drei Kategorien hält man im WEF-Zentrum besonders Ausschau:

-> Studierende, die für einige Wochen für die heiße Phase vor Davos für alle möglichen Aufgaben eingesetzt werden,
-> sechs bis zehn Hochschulabsolventen für das zwölfmonatige "Associate Programme" und
-> Manager für höherrangige Posten (Stellenbeschreibungen auf der Website). Ganz so leicht kommen Bewerber trotzdem nicht nach Genf. Spontanbewerbungen sind unerwünscht. Verhandlungssicheres Englisch ist ein Muss, die Schweizer Arbeitserlaubnis ein Problem

Auf die einfachste Formel gebracht besteht ein Job beim World Economic Forum darin, Schlüsselpersonen und -themen zu identifizieren. Doch das ist erst die halbe Miete. "Letztlich hängt der Marktwert eines Mitarbeiters davon ab, wie viele dieser Key Players er dann tatsächlich nach Davos oder zu einer anderen unserer Veranstaltungen bringt", sagt ein WEF-Manager. Networking heißt die Zauberformel. Nichts für kontaktscheue, forschungsversessene Wissenschaftler. Wer sich für Beziehungspflege zu schade ist, ist in Genf fehl am Platze. Umgekehrt bietet das WEF sehr schnell die Möglichkeit, eigene Projekte selbstständig voranzutreiben. Eine Herausforderung gerade für junge Berufseinsteiger

Wie etwa für Katja Wittwer. Nach ihrem Studium in St. Petersburg und Freiburg und einem Diplom an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University in Bologna stieg die 29-Jährige ins "Associate Programme" des WEF ein: zwölf Monate lang, bei 6.500 Schweizer Franken Monatsgehalt. "Was ich hier gelernt habe, ist Networking. Und man bekommt hier sehr schnell Verantwortung." Ein eigenes Projekt mit einem Budget von 50.000 bis 100.000 Euro für Neueinsteiger ist in Genf gang und gäbe.

Ein bisschen Startup-Feeling

Überhaupt ist das WEF eine "junge" Organisation: Die Hälfte der knapp 180 Mitarbeiter sind unter 35, 50 sogar unter 30. Mehr New-Economy-Startup mit offenen, US-amerikanischen Cubicle-Arbeitsplätzen als Schweizer Traditionsunternehmen.

Ulf Gartzke gefällt's. Der "Community Manager, Automotive Industry" ist Researcher und Kontakter in einer Person. Sein Job besteht einerseits darin, sich über Entwicklungen der Autoindustrie auf dem Laufenden zu halten, andererseits den Kontakt zu den 80 Top-Unternehmen aus der Branche zu halten. Das Arbeitsziel ist klar: Welches sind die bestimmenden Themen der Branche, welches ihre Zukunftsprobleme? Gartzkes Erkenntnisse fließen dann ins nächste "Governor's Meeting" der Auto-Community des WEF ein, werden vielleicht sogar Thema für einen der großen Gipfel. Und immer wieder die Fragen: Was soll diskutiert werden? Wer soll kommen? Für den Deutschen, der nach dem Associate Programme beim WEF geblieben ist, gerade deshalb interessant, weil er hier hautnah die wichtigen Dinge mitbekommt, "ohne in vorderster Linie zu stehen".

Egos streicheln

Klassisch auch die Arbeit der Deutsch-Schwedin Ann Mettler, die als 31-Jährige bereits die Europa-Abteilung leitet: "Regionale Netzwerke aufbauen, Upcoming Stars identifizieren, kontaktieren, treffen." Ein bis zwei Tage pro Woche ist sie unterwegs. Ihre Hauptaufgabe: Streicheleinheiten verteilen. "Ego managing, ego-massaging", nennt Mettler das. Ihr größtes Erfolgserlebnis: "Ich habe die Einladung an Erdogan nach Davos hier im Haus durchgeboxt. Den kannte noch niemand, und niemand wollte ihn. Inzwischen hat er die Wahlen in der Türkei gewonnen.

Ganz anders der Job von Sven Behrendt, "Senior Project Manager, Global Agenda Atelier". Der promovierte Verwaltungswissenschaftler, der sich fünf Jahre lang am Centrum für Angewandte Politikforschung in München mit dem Nahen Osten beschäftigte und dann von Headhunter Heidrick & Struggles nach Genf gelockt wurde, soll für das WEF nachdenken. Zielorientiert versteht sich! Behrendts wissenschaftliche Nachbereitung von Veranstaltungen soll es ermöglichen, "die Essentials herauszufiltern" und für die Unternehmen und kommende Veranstaltungen als Themen zu nutzen.

Sprungbrett oder Sackgasse?

Frühe Eigenverantwortung, hochkarätige Kontakte, junges Umfeld. Zu schön, um wahr zu sein? Vielleicht. Auffallend jedenfalls ist der Umstand, dass kaum jemand länger als zwei bis drei Jahre beim WEF bleibt. "Für Genf völlig normal", finden das die Forum-Personaler. Tatsächlich wechseln in der Stadt, die neben dem WEF ein halbes Dutzend weitere internationale Organisationen beherbergt, Diplomaten und Manager in regelmäßigen Abständen ihren Posten.

Genf ist ein ständiges Kommen und Gehen, was dazu führt, dass auch die meisten WEF-Angestellten mit der calvinistischen Stadt und ihrem alteingesessenen Geldadel nicht richtig warm werden. "Ich habe in den zwei Jahren, in denen ich hier bin, noch keinen einzigen echten Genfer kennen gelernt", sagt eine Mitarbeiterin. Bleibt also die Frage: Was kommt danach? Wie karrierefördernd ist das dicke Adressbuch persönlicher Kontakte? Fragt man beim WEF, was aus ehemaligen Mitarbeitern geworden sei, erntet man nur eisiges Schweigen. Tatsache ist, dass die hohe Personalfluktuation nicht nur die untere hierarchische Ebene trifft. Auch Führungskräfte bis hinauf zum Vorstand verlassen laufend die Organisation. Und für die meisten von ihnen hat sich das WEF nicht gerade als grandioses Karrieresprungbrett erwiesen: Nach fast 20 Jahren beim WEF rettete sich Maria Livanos Cattaui auf den Posten der Generalsekretärin der in Paris ansässigen International Chamber of Commerce (ICC), dem Dachverband der nationalen Industrie- und Handelskammern. Claude Smadja, über lange Jahre die Nummer zwei, machte sich als Consultant in der Nähe von Genf selbstständig. Die ehemalige Pressechefin Barbara Erskine firmiert als Presseagentin in Genf und schreibt für die US-Publikation "Wired". Eine Projektleiterin, die das Global-Leaders-for-Tomorrow-Projekt leitete, ist Pressesprecherin bei Compaq. Und Lance Knobel, der für das Programm von Davos 2000 und für die mittlerweile eingestellte WEF-Publikation "Worldlink" verantwortlich zeichnete, betreibt heute eine obskure Website (www.davosnewbies. com), die er als "Insider's Guide to Davos" verstanden wissen will.

Nachfolger nicht in Sicht

Möglich, dass das World Economic Forum mit der typischen Problematik mittelständischer Familienunternehmen kämpft. "Schwab ist das World Economic Forum, und das World Economic Forum ist Schwab", sagt ein Mitarbeiter. Der Gründer und Firmenchef ist fast 65, ein Nachfolger bislang nicht designiert. "Wenn Schwab sein Erbe sichern will", sagt ein deutscher Davos-Veteran, "dann muss er sich heute einen 40-Jährigen suchen, von dem er sicher ist, dass er die nächsten 20 Jahre in Genf bleiben will, und ihn zu seinem Nachfolger aufbauen. Dann kann er selbst noch zehn Jahre mitmischen." Davon ist Schwab, der sich bester Gesundheit erfreut, weit entfernt.

Zwar hat auch er, voll im Trend liegend, dem World Economic Forum eine transparentere Corporate-Governance-Struktur gegeben, bei der unter anderem Deutsche- Bank-Chef Josef Ackermann, Siemens-Boss Heinrich von Pierer und Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser ein Wort mitreden. Doch dass Schwab die Zügel so bald aus der Hand gibt, daran ist nicht zu denken. "Das World Economic Forum", bekennt er, "hängt sehr stark an meiner Person. Meine Herausforderung ist, das in den nächsten Jahren zu ändern.

Dieser Artikel ist erschienen am 24.01.2003