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Mäuse vom Chef

Catrin Gesellensetter
?Vermögenswirksame Leistung? klingt wie eine Erfindung von anno dazumal, ist aber viel sexyer als der angestaubte Name vermuten lässt: Mit ihr bekommen auch Berufseinsteiger ein bisschen Extrakapital fürs Sparen ? und zwar geschenkt. Insgesamt 24 Millionen Arbeitnehmer haben derzeit einen Anspruch auf vermögenswirksame Leistungen.
"Sagen Sie mal, wohin sollen wir denn Ihre VL überweisen?" Häh? VL? Bahnhof? Schon eine der ersten Fragen der Personalabteilung - gleich nach denen zu Gehaltskonto, Sozialversicherungsnummer und Krankenkasse - bringt Berufseinsteiger regelmäßig ins Schleudern. Kein Wunder, denn VL sind eine ureigene Erfindung aus dem Berufsleben und laufen einem im Studentenleben normalerweise nicht über den Weg: Die so genannten vermögenswirksamen Leistungen sind Gelder, die viele Unternehmen zusätzlich zum Gehalt zahlen und die dem ersten kleinen Vermögensaufbau dienen sollen

Mit welchen Summen ein Mitarbeiter rechnen kann, richtet sich nach den geltenden Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen des Unternehmens - von 6,45 Euro bis hin zu 40 Euro monatlich ist alles möglich. Über die Jahre kommen da mit Zins und Zinseszins schon einige tausend Euro zusätzlich zum normalen Gehalt zusammen

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Ganz frei anlegen darf man die Extra-Kohle allerdings nicht, sondern muss sie in spezielle VL-Verträge investieren. Das Besondere: Die Laufzeit ist vorgeschrieben, sechs Jahre wird angelegt, danach schließt sich eine Sperrzeit von bis zu zwölf Monaten an. Nach spätestens sieben Jahren kann der Arbeitnehmer dann frei über sein Geld verfügen, wobei einige Tarifverträge wie etwa der für die Metall- und Elektroindustrie oder die Chemie mittlerweile nur noch länger laufende Verwendungen für die Altersvorsorge vorsehen.

Gespart werden kann grundsätzlich in vier verschiedene Anlageformen: Bausparverträge und Banksparpläne stehen den Interessenten ebenso offen wie Fondssparpläne oder eine betriebliche Altersvorsorge. "Für Berufsanfänger wird in den meisten Fällen ein Aktienfonds das interessanteste Investment sein", sagt Arno Gottschalk, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen. "Wer eher konservativ anlegen möchte, kann aber auch auf einen clever gestalteten Bausparvertrag ausweichen."

Staat hilft sparen

Insgesamt 24 Millionen Arbeitnehmer haben derzeit einen Anspruch auf vermögenswirksame Leistungen. Doch nur knapp die Hälfte von ihnen nutzt das Angebot auch wirklich. Für Arno Gottschalk ist das nur schwer nachzuvollziehen. "Die Summen sind auf den ersten Blick vielleicht nicht astronomisch. Doch wer das geschenkte Geld nicht mitnimmt, bringt sich pro Jahr um bis zu 480 Euro plus Zinsen. Außerdem vergibt er die Chance auf eine lukrative Förderung vom Staat."

Denn zumindest den Geringverdienern zahlt der Staat noch die so genannte Arbeitnehmersparzulage obendrauf. Dieses Bonbon kann jedes Jahr in der Steuererklärung beantragt werden und wird zum Beispiel Ledigen ohne Kinder gewährt, wenn ihr zu versteuerndes Einkommen bei höchstens 17.900 Euro liegt. Brutto, unter Berücksichtigung der gängigen Freibeträge, kann ein Lediger rund 21.000 Euro verdienen, bevor ihm die Arbeitnehmersparzulage verwehrt wird. Kinder und Ehepartner können die Einkommensgrenze noch mal ordentlich bis auf fast 55.000 Euro in die Höhe treiben

Die Höhe der staatlichen Förderung richtet sich danach, wie viel Geld der Arbeitnehmer spart und für welche Anlageform er sich entschieden hat: "Wer seine vermögenswirksamen Leistungen in Bausparverträgen anlegt, erhält neun Prozent Förderung. Macht bei 470 Euro Erspartem gut 42 Euro im Jahr", rechnet Verbraucherschützer Gottschalk vor. Bei Aktienfonds liegt der Fördersatz sogar bei satten 18 Prozent, gewährt auf bis zu 400 Euro, also insgesamt 72 Euro.

Der Clou: Die beiden Förderungen gewährt der Staat teilweise auch nebeneinander. Wer mehrere vermögenswirksame Leistungen parallel laufen lässt, kann vom Staat bis zu 114,30 Euro Zuschuss erwarten

"Selbst wer in einem Betrieb arbeitet, der keine vermögenswirksamen Leistungen gewährt, kann von der staatlichen Förderung profitieren", so Verbraucherschützer Gottschalk. In diesem Fall muss der Sparer die Beiträge zwar aus dem eigenen Nettoeinkommen bestreiten. Er streicht aber zumindest die Förderung vom Staat ein.

Die Zahl der möglichen Investitionswege ist zwar beschränkt, die Produktpalette dahinter ist aber so reichhaltig, dass jeder Sparer etwas Passendes finden kann. Die Wege im Einzelnen:

1. Investmentfonds

Im Vergleich zu anderen Anlageformen bieten Aktienfonds die bei weitem besten Renditechancen - aber je nach Fonds natürlich auch das höchste Verlustrisiko. Der Wert der Anlage schwankt je nach Börsenlage und kann auch schon mal ins Minus rutschen. Dennoch halten Experten den Aktienfonds gerade für junge Anleger für besonders attraktiv

"Wer noch sein ganzes Berufsleben vor sich hat, hat die Zeit, sein Geld auch länger als die vorgeschriebene Laufzeit liegen zu lassen und sichert sich so im Regelfall die deutlich höheren Renditen als Bau- oder Banksparer", weiß Uwe Döhler, Finanzexperte bei der Stiftung Warentest in Berlin. Weiterer Vorteil: Wer seine VL in Aktienfonds steckt, kann die höchstmögliche staatliche Förderung - bis zu 72 Euro jährlich - einstreichen, so er denn nicht zu viel verdient. Der Haken: Die meisten Aktienfonds verlangen eine monatliche Mindestsparrate von 40 Euro

Nicht alle Fonds, die auf dem Markt sind, sind für vermögenswirksame Leistungen zugelassen, die Palette ist aber immer noch verwirrend groß. Eine Liste führt der Bundesverband Investment und Asset Management (www.bvi.de, unter Investmentfonds/Anlegen mit Fonds). Die Entscheidung, welchen Fonds man sich dann letztlich zulegt, sollte genauso fallen, wie bei einem "normalen" Fondsinvestment: Wie riskant oder konservativ hätte man es gerne? Will man mehr auf deutsche, europäische, internationale, indische oder asiatische Märkte setzen? Lieber einen gesamten Markt abdecken oder sich auf einen Schwerpunkt wie etwa Pharma, Logistik oder Biotech konzentrieren? Voll in Aktien gehen oder doch lieber eine Mischung mit Anleihen suchen? Wie bei normalen Fonds sollte man auch bei VL-Käufen die entsprechenden Bewertungen der Ratingagenturen wie S&P, Feri oder Moodys zu Rate ziehen.

Und beim Kauf des Fonds lieber "über freie Fondsvermittler, die keine Ausgabeaufschläge verlangen, gehen", empfiehlt Experte Döhler. "Dort sind die Fonds meist günstiger zu haben als über die Hausbank."

2. Bausparverträge

Sie sind der Klassiker unter den Sparformen für vermögenswirksame Leistungen und eignen sich vor allem für Anleger, die zwar eine Arbeitnehmersparzulage bekommen, aber nicht in die risikoreicheren Fonds investieren wollen. Wer sich für den Häuslevertrag entscheidet, sollte überlegen, ob er den Bausparvertrag später tatsächlich zum Bauen oder Modernisieren verwendet oder ihn als reinen Sparvertrag nutzen will.

"Beim Abschluss eines Bausparvertrages fallen - abhängig von der Höhe der Bausparsumme - immer auch Abschlussgebühren an, die die Rendite des Vertrags schmälern. Wer von vornherein weiß, dass er auch in Zukunft immer zur Miete wohnen will und keinen Bedarf an billigem Baugeld hat, sollte bei der Vertragsauswahl auf hohe Sparzinsen und eine niedrige Bausparsumme achten", rät Finanzexperte Arno Gottschalk.

Grundsätzlich kann jeder handelsübliche Bausparvertrag fürs VL-Sparen eingesetzt werden. Deshalb kann man bei der Auswahl auf renditestarke und kostengünstige Verträge setzen. Aktuelle Konditionenübersichten halten zum Beispiel die Finanzberatung FMH (www.fmh.de), Finanztest oder die Verbraucherzentralen parat.

3. Banksparpläne

Wer sich scheut, sein Geld in Aktien zu investieren, kann seine vermögenswirksamen Leistungen auch in einen Banksparplan einzahlen. Die Produktauswahl ist dabei nicht eben üppig, im Wesentlichen führen regional tätige Sparkassen und Volksbanken diese Sparpläne sowie einige PSD-Banken und die Direktbank ING-Diba. Die meisten Angebote sehen einen variablen Zinssatz vor, der je nach Marktlage eben steigen oder fallen kann. Ähnlich wie beim Fondssparen "weiß der Sparer nie genau, wie viel Geld er am Ende zusammenbekommt", moniert deshalb Finanzexperte Döhler.

Weiteres Manko: Der Staat fördert solche Verträge nicht. Sparer, die sich für einen Banksparplan entscheiden, müssen also komplett auf die Arbeitnehmersparzulage verzichten.

Betriebliche Altersvorsorge

Für Sparer, die so viel verdienen, dass sie keine staatliche VL-Förderung erhalten, kann es sich lohnen, vermögenswirksame Leistungen für die betriebliche Altersvorsorge zu nutzen. In diesem Fall bleiben sowohl die VL-Zahlungen des Chefs als auch etwaige eigene Beiträge steuer- und (bis 2008) sozialabgabenfrei.

"Dennoch sollten Berufsanfänger dieses Angebot nur vorsichtig nutzen", warnt Verbraucherschützer Gottschalk. Denn: Wer am Anfang seiner Karriere steht, wechselt erfahrungsgemäß noch häufiger den Arbeitgeber - und es ist nicht gesagt, dass der neue Brötchengeber dieselben Vorsorgemodelle anbietet wie der alte Chef. Die Gefahr ist groß, dass nach einem Wechsel bereits eingezahlte Beiträge dann auf dem alten Konto herumdümpeln und - nachdem der Produktanbieter seinen Kostenblock abgezogen hat - mehr oder minder ungenutzt verpuffen.

So kommt man ans Geld vom Chef

Schritt 1: Ansprüche checken

Normalerweise steht im Arbeitsvertrag, ob und wie viel der Arbeitgeber zu den vermögenswirksamen Leistungen beisteuert. Ist das nicht der Fall, wissen Chef, Personalabteilung oder Betriebsrat Bescheid. Wichtig: Für alle, die Anspruch auf die staatliche Arbeitnehmersparzulage haben, lohnen sich vermögenswirksame Leistungen sogar dann, wenn es keinen Arbeitgeberzuschuss gibt

Schritt 2: Sparmodell auswählen

Sind die Rahmenbedingungen klar, steht die Entscheidung an, wohin der Chef die vermögenswirksamen Leistungen überweisen soll - auszahlen darf er sie nämlich nicht. Entscheidend für die Wahl ist, ob ein Arbeitnehmer eher zum Typ Zocker gehört oder besonderen Wert auf Sicherheit legt. "Zudem müssen Sparer einkalkulieren, dass die Renditen bei den verschiedenen Modellen stark variieren können und die staatliche Förderung nicht überall gleich hoch ist", so Finanzexperte Gottschalk. Wichtig: Sind die finanziellen Möglichkeiten begrenzt, fallen manche Investitionen von vorneherein flach: Bei der Anlage in Aktienfonds beträgt der Mindestbeitrag oft die für VL maximal möglichen 40 Euro. Investitionen in einen Bausparvertrag oder Banksparplan sind schon mit kleineren Beträgen möglich

Schritt 3: Antrag beim Produktanbieter stellen

Nun müssen Sparer nur noch die vermögenswirksamen Leistungen bei dem von ihnen gewählten Institut (Fondsgesellschaft, Bausparkasse, Bank etc.) beantragen. Alles Weitere, insbesondere die Zahlungen des Chefs, läuft automatisch an.

Schritt 4: Staatliche Förderung beantragen

Die Arbeitnehmersparzulage wird immer nachträglich, im Rahmen der Steuererklärung (Anlage N) beim Finanzamt beantragt. Die nötigen Zahlen bekommt man automatisch vom Produktanbieter.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.07.2007