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Männerwerte als Frauenbremse

Von Juliane Lutz
In Männerdomänen machen Frauen nur schwer Karriere, weil dort Werte wie Durchsetzungsvermögen oder Risikobereitschaft sehr hoch gehalten und hauptsächlich mit Männern assoziiert werden. Frauen werden dagegen mit Soft Skills in Verbindung gebracht - und die gelten unter Männern wenig.
DÜSSELDORF. Als einzige Frau unter 90 Männern ? diese Erfahrung hat die diplomierte Werkstoffwissenschaftlerin Andrea Münter* in schrecklicher Erinnerung: ?Ein Kollege in dieser Halbleiterfirma weigerte sich, überhaupt mit mir als Frau zu sprechen. Ein Chef, für den ich drei Jahre arbeitete, ließ mich nicht zu Fortbildungen, und bei Gehaltsverhandlungen musste ich ewig Nullrunden drehen.?In Männerdomänen fühlen sich Frauen oft nicht nur unwohl, sondern machen dort auch nur schwer Karriere . Der Grund: ?In männlich ausgerichteten Unternehmenskulturen werden Werte wie Durchsetzungsvermögen oder Risikobereitschaft sehr hoch gehalten ? und hauptsächlich mit Männern assoziiert?, beobachtet die Jenaer Psychologin Ilga Vossen. ?Sind interessante Projekte zu vergeben oder Chefposten zu besetzen, kommen überwiegend die Männer zum Zuge. Frauen dagegen selten, da sie immer noch mit den so genannten Soft Skills in Verbindung gebracht werden, die in diesen Firmen wenig gelten.?

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Für ihre Doktorarbeit befragte Vossen 239 Mitarbeiterinnen aus Unternehmen unterschiedlichster Branchen und Größe. Das Ergebnis: Je höher der Männeranteil in einem Unternehmen ist, um so männlicher ist auch die Organisationskultur. Und umso männlicher sind auch die Stereotype, die in den Köpfen der Kollegen herumschwirren. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für Frauen, sich dort zu behaupten.Milagros Caina Lindemann, Vorstandsmitglied beim Verkehrstechnologieunternehmen Vossloh AG, bestätigt: ?Führungspositionen traut man noch immer eher den Männern zu, da man bei ihnen die Hard Skills vermutet. Dabei haben Männer und Frauen gar keine unterschiedlichen Fähigkeiten, manche sind lediglich etwas ausgeprägter.?Die Karrierefrau mit spanischen Wurzeln ist selbst das beste Beispiel. Durchsetzungsfähigkeit, Zielstrebigkeit und überlegte Risikobereitschaft brachten sie nach oben. Aber auch die Fähigkeit, auf andere eingehen zu können, findet Lindemann wichtig. ?Männer, gerade in den technischen Berufen, vernachlässigen eher den wichtigen Faktor Kommunikation.? Ihr Tipp für den Aufstieg in männerdominierten Branchen: sich eine Hausmacht schaffen. ?Bestätigen Sie zuerst die, die Sie unterstützen. Dann ziehen Sie jene auf Ihre Seite, die Ihnen zumindest offen gegenüberstehen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der männliche Talentpool reicht nicht mehr.Regine Stachelhaus, Geschäftsführerin von Hewlett-Packard, rät: ?Suchen Sie sich gleich eine Umgebung, in der Sie Ihre Kräfte auf die eigentlichen Aufgaben konzentrieren können. Sonst sind Sie damit beschäftigt, sich nur mit den Widerständen auseinander zu setzen, die Ihnen als Frau begegnen.?Trotzdem scheint sich etwas zu bewegen. ?Gerade in den letzten drei Jahren sind viele Unternehmen zunehmend daran interessiert, auch hohe Führungspositionen mit Frauen zu besetzen?, weiß Maschinenbauingenieurin Kati Najipoor-Schütte. Sie ist bei der Personalberatung Egon Zehnder zuständig für das weltweite Automobilgeschäft. Gründe für das Interesse: Zum einen reicht der männliche Talentpool aus demographischen Gründen einfach nicht mehr aus. Zum anderen haben die meisten Firmen viele weibliche Kunden. ?In der Automobilindustrie wäre es fatal, Entwicklungsabteilungen nur mit Männern zu besetzen.?Wie können es Frauen an die Spitze schaffen? Dies untersucht Egon Zehnder in einer Studie. ?90 Prozent der befragten 60 Top-Karrierefrauen aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und den USA schafften es dank harter Arbeit ganz nach oben ? aber auch, weil jemand, meist ein Mann mit Kompetenz für Personalentscheidungen, an sie glaubte und sie förderte.?Genauso wichtig: Wollen Frauen wirklich nach oben, müssen sie das auch klarstellen. ?Erst seit ich meine Ansprüche anmelde, werde ich als Kandidatin für Führungsposten wahrgenommen?, berichtet Birte Graf*, promovierte Chemikerin und Beraterin in einem großen Systemhaus. Auch Andrea Münter ließ sich nicht unterkriegen. Nach zwei Jobwechseln leitet sie heute den Deutschland-Vertrieb bei einem asiatischen Konzern.*Name geändert.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.11.2005