Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Mädels, wo bleibt ihr?

Ulrike Heitze
Frauen leben länger, verdienen weniger und legen mehr Jobpausen ein. Deshalb müssen sie anders sparen und vorsorgen als Männer ? nicht nur, wenn Kinder geplant sind. karriere zeigt, worauf es ankommt.
Dass sie ab Mai wieder halbtags in ihren Job als Wirtschaftsprüferin zurückkehrt, tröstet sie wenig. ?Mit Teilzeit kommt da längst nicht mehr so viel zusammen wie mit einer vollen Stelle?, wie die überschlägigen Rechnungen der Berater ergeben haben.


Durch Babypause und Teilzeitjobs zahlen Frauen im Schnitt 14 Jahre weniger in die Rentenkasse ein als Männer.

Reinhardt ist beunruhigt. Der Gedanke an eine mögliche Altersarmut ist ungewohnt ? und unangenehm. Ihr Mann verdient als Organisationsberater nicht schlecht, als Paar werden sie locker auch im Alter über die Runden kommen ? wenn alles so harmonisch weiterläuft wie bisher. Diese neue Abhängigkeit macht ihr zu schaffen, das finanzielle Gleichgewicht in ihrer Partnerschaft ist verrutscht

Die besten Jobs von allen


Eine ganz neue Erfahrung, die viele Frauen nach der Geburt des Nachwuchses machen, wie Tom Friess, Geschäftsführer des Münchener VZ Vermögenszentrums, aus der Beratungspraxis weiß. ?Es ist heute immer noch selbstverständlich, dass der Mann weiterarbeitet und die Frau zu Hause bleibt. Und keiner kümmert sich darum, was für finanzielle Auswirkungen das hat. Das Thema Geld muss endlich auf den Tisch?, fordert der Finanzplaner.


Durchschnittlich 937 Euro netto hat eine 65-jährige zurzeit zum Leben. Verheiratete Rentnerinnen haben 544 Euro.

Zwei Drittel aller Mütter arbeiten hierzulande Teilzeit, oft viele Jahre lang; die wenigsten erreichen dabei ihr früheres Gehalt. Allein eine Babypause von zehn Monaten führt nach Studien des Forschungsinstituts Prognos zu einem Lohnverlust von vier Prozent. Geld, das oft für Versicherungen und Sparraten fehlt. Da sind dann beispielsweise Produkte gefragt, die flexibel auf Beitragspausen reagieren.

Kopf-in-den-Sand-Strategie
Doch nicht nur wegen ihrer oft gestückelten Erwerbsbiografie müssen Frauen ihre Finanzen an diversen Stellen anders angehen als Männer. Auch die Tatsache, dass eine heute 30-Jährige im Schnitt 82 Jahre alt wird, die Altersvorsorge und das Vermögen also fünf Jahre länger halten müssen als bei einem gleichaltrigen Mann, erfordert andere Sparanstrengungen und Strategien ? zumal Frauen weniger Geld für solche Zwecke zur Verfügung haben. Selbst bei gleicher Qualifikation, so eine Untersuchung der Stellenbörse Monster, verdienen sie im Schnitt fast ein Viertel weniger, zahlen dadurch nicht so viel in die gesetzliche Rentenkasse ein und haben geringere Freiräume für eine zusätzliche betriebliche oder private Altersvorsorge.


Frauen haben 8.500 Euro Geldvermögen, Männer 26.000 Euro.

?Unterm Strich sind Frauen finanziell komplizierter zu planen, als ein berufstätiger Mann ohne Beitragspausen?, bringt Horst Ulrich Stolzenberg, Geschäftsführer der American Express Finanzmanagement GmbH, das Dilemma auf den Punkt

Eine Komplexität, die offensichtlich abschreckt. Frauen befassen sich ausgesprochen ungern mit ihren Finanzen. Fast 40 Prozent der 30- bis 39-Jährigen bekunden kein Interesse, sich heute schon um ihre Altersvorsorge zu kümmern; jede vierte Frau, so eine Studie der TdW Intermedia, befasst sich gar nicht mit dem Thema Geld. Das Gros überlässt es dem Partner, die Details für die Absicherung zu regeln, und lässt sich damit auf ein ziemliches Vabanque-Spiel ein. Denn sowohl der Partner als auch der Bankberater denken meist in rein männlichen Strukturen. Die Frauen werden dann beispielsweise fürsorglich im Rahmen der Partnerschaft abgesichert, aber nicht mit eigenen, individuellen Produkten bestückt

* Name geändert

Lesen Sie auf Seite 2: 10 Tipps zur Finanzstrategie Nicht selten, so die Erfahrung von Heide Härtel-Herrmann, Gründerin der Kölner Finanzberatung Frauenfinanzdienst, sind die Frauen dann bei einer Trennung arm dran. Damit das nicht passiert, verhelfen zehn Grundregeln zu einer eigenen, weiblichen Finanzstrategie:

Tipp 1: Werden Sie aktiv
Auch wenn es profan klingt und keinen Spaß macht: Machen Sie eine Bestandsaufnahme ihrer eigenen Finanzen. Was werden Sie später mal an Rente bekommen? Die jährliche Renteninformation gibt erste Anhaltspunkte, Rentenrechner zum Hochrechnen finden Sie zum Beispiel unter www.sueddeutsche.de. Was werden Sie jetzt und später an Geld brauchen? Mit sehr viel weniger als Ihrem jetzigen Nettoeinkommen sollten Sie fürs Alter nicht kalkulieren. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) überschätzen 60 bis 70 Prozent der Deutschen die Leistung der gesetzlichen Rentenversicherung, haben keine Vorstellung von ihrer Rentenlücke und wie viel Kapital es braucht, sie zu schließen. So sparen Frauen derzeit im Schnitt 160 Euro pro Monat für ihre Rente. Das ist in den meisten Fällen definitiv zu wenig. Bei drei Viertel der heute 30- bis 59-jährigen Frauen, so Schätzungen des DIA, wird das Geld später nicht ausreichen

Tipp 2: Bleiben Sie flexibel
Binden Sie sich nicht zu viele unflexible Produkte wie etwa Rentenversicherungen, lang laufende Sparbriefe oder geschlossene Immobilienfonds ans Bein, sonst schnüren die in klammen Zeiten jede Bewegungsfreiheit ein. ?Da Frauen eher mit einer schwankenden Erwerbsbiografie rechnen müssen, ist es auch wichtig, dass sie Produkte auswählen, bei denen die Beiträge kostengünstig und ohne negative Folgen erhöht, gesenkt oder ausgesetzt werden können?, stellt Versicherungsmakler Helge Kühl fest. Da Flexibilität in der Regel zu Lasten der Rendite geht, empfiehlt der Berater immer eine Produktmischung, um für jeden Fall gerüstet zu sein: zunächst die steuerlichen Vorteile der Riester-Rente nutzen, dann einen Notfallgroschen auf einem flexiblen Tagesgeldkonto parken und den Rest in renditestarke Fondssparpläne investieren

Tipp 3: Sparen Sie früh und viel
Frauen müssen grundsätzlich etwas höhere Beträge zurücklegen als Männer oder aber früher damit anfangen. Ein Grund ist die längere Lebenserwartung: Soll im Alter ein Kapitalstock in eine lebenslange Leibrente umgewandelt werden, müssen Frauen bis dahin für die gleiche Rente mehr Kapital angespart haben als Männer, weil ihr Vertrag ?länger halten muss?. Frauen sollten deshalb den Zins- und Zinseszinseffekt nutzen: Wer mit 20 loslegt, für eine 1.000-Euro-Monatsrente zu sparen, muss vielleicht 150 Euro zurücklegen. Beginnt frau erst mit 40, kostet es schnell mal 500 Euro. Darüber hinaus müssen Frauen kräftiger sparen, weil sie lieber sicherheitsorientiert ? und damit weniger renditeträchtig ? anlegen. Immerhin erweisen sich Frauen laut diverser Studien als die erfolgreicheren Anleger: Sie daddeln weniger mit ihren Wertpapierbeständen, sparen so Transaktionsgebühren und springen nicht jedem neuen Anlagetrend hinterher

Tipp 4: Die BU-Police muss zügig her
Eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit sollte nicht nur ohnehin zum Standardrepertoire gehören, Frauen sollten sich auch möglichst früh eine sichern, bevor ihre Vorerkrankungsliste ihnen einen Strich durch die Rechnung macht. So nehmen mittlerweile sehr viele Frauen irgendwann einmal psychologische Hilfe in Anspruch ? und bringen sich selbst mit einer schnöden Vier-Stunden-Beziehungsberatung in der Regel um jede Chance, noch eine Absicherung zu bekommen. Auch Schwangere brauchen sich gar nicht erst bemühen, da dieser Zustand als unwägbare Krankheit eingestuft wird. Gut dran ist also, wer sich vor seiner Zeit als Mami eine Police gesichert hat. Dann orientiert sich die Höhe der BU-Rente auch noch am Einkommen und ist nicht, wie meist für Nur-Hausfrauen, auf magere 1.000 Euro begrenzt.

Beim Abschluss einer Police sollten Frauen darauf achten, wie die Elternzeit gehandhabt wird, auf welchen Beruf abgestellt wird ? Regelfall: der zuletzt ausgeübte ?, wie lange die Jobpause per Vertrag erlaubt ist und wie mit Beitragsstundungen umgegangen wird. Für BU-Policen sollte auch während der Elternzeit immer Geld übrig sein, um den vollen Vertragsschutz zu sichern. Denn gerade in der Babypause kann schnell etwas passieren, das einem die Rückkehr in den Job unmöglich macht. Und die staatliche Unterstützung ist mit durchschnittlich 660 Euro pro Monat bei voller Erwerbsunfähigkeit dann keine große Hilfe.

Tipp 5: Halten Sie Verträge durch
Auch wenn es schwer fällt, sollten Sie Verträge wie etwa private Rentenversicherungen auch in Zeiten, wo das Geld knapp ist, weiterzahlen. Beitragspausen wirken sich durch Stornoabzüge und Gebühren sehr oft nachteilig aus. Um die zu umgehen, rät Heide Härtel-Herrmann, schon bei Vertragsabschluss die Beiträge nur so hoch zu wählen, dass man sie immer durchzahlen kann. Ist in wohlhabenden Phasen dann mal Geld übrig, sollte der Vertrag Zuzahlungen zulassen. Unterm Strich ist Zuzahlen in der Regel kostengünstiger als Herabsetzen

Tipp 6: Stocken Sie in Babypausen auf
Geht ein Partner in Elternzeit, kommt es meist knüppeldick: Das zweite Einkommen fällt weg, die Ausgaben fürs Kind kommen hinzu, das Geld wird knapp. Die gängige Reaktion: Das Paar fährt die Sparraten für die private Vorsorge runter, meist müssen die Verträge des Daheimbleibers dran glauben. Mit fatalen Folgen: Während beim ?Ernährer? die gesetzliche, die betriebliche und oft auch die private Altersvorsorge voll weiterlaufen, bricht beim Partner fast die komplette Vorsorge einseitig weg. Der Staat spendiert zwar für drei Jahre Auszeit eine Gutschrift von drei Entgeltpunkten für die Rentenkasse ? was einer Anwartschaft auf zurzeit etwa 80 Euro Monatsrente im Alter entspricht. Für früher Gutverdienende ist das aber kein adäquater Ersatz, weil es deutlich weniger ist als zuvor im Job. Und auch in einem Teilzeitjob wird weniger für die Rente angespart als früher bei vollem Gehalt.

Um diesen Ausfall zu kompensieren, müsste der Partner, der wegen des Kindes pausiert, fairerweise aus dem Gemeinschaftstopf mehr als zuvor in die private Vorsorge stecken dürfen ? statt wie oft die Beiträge runterfahren zu müssen. Ein Riester-Vertrag für die Daheimbleiberin könnte ein solcher Baustein sein. Durch die staatlichen Zulagen für die Sparerin selbst (114 Euro) und den Nachwuchs (138 Euro pro Kind) reduzieren sich die aus der eigenen Tasche zu leistenden Beiträge deutlich. Darüber hinaus ist eine Riester-Altersvorsorge Hartz-IV-sicher, muss im Falle von Bedürftigkeit, zum Beispiel nach einer Scheidung, also nicht erst verknuspert werden, bevor es Finanzspritzen gibt

Tipp 7: eine Pflegepolice macht sinn
Auch wenn eine private Pflegeversicherung grundsätzlich für beide Geschlechter sinnvoll und überdenkenswert ist, sollten Frauen sie ab der zweiten Lebenshälfte dringlicher einkalkulieren: Zum einen werden sie im Schnitt älter, was eine Pflegebedürftigkeit wahrscheinlicher und länger macht, zum anderen überleben sie oft ihre Männer. Sie sind also eher auf fremde Hilfe angewiesen, falls es nicht die Kinder übernehmen. Eine Pflegekostenzusatzversicherung im Rahmen der Krankenversicherung übernimmt ganz oder teilweise die tatsächlich angefallenen Kosten. Der Preis: für eine 30-jährige Frau rund zehn Euro pro Monat

Tipp 8: suchen sie Frauenklauseln
Versicherungsverträge und ihre Klauseln sind oft auf männliche Biografien zugeschnitten. Antworten auf frauenspezifische Fragen muss man in der Regel im Kleingedruckten suchen oder sie sich von der Versicherung explizit bescheinigen lassen. So ist es bei Krankenversicherungen zum Beispiel nicht uninteressant, ob und wann Krankentagegeld auch im Rahmen von Schwangerschaften gezahlt wird, wie Beiträge während der Elternzeit gehandhabt werden, ob Vorsorgeuntersuchungen ? die von Frauen fleißiger wahrgenommen werden als von Männern ? sich negativ auf Beitragsrückerstattungen auswirken oder auf den Selbstbehalt angerechnet werden. Hören Sie sich bei Ärzten um, wie Kassen bei frauenspezifischen Problemen agieren, ob zum Beispiel Schönheitskorrekturen nach Krebs-OPs freigiebig oder nur nach größeren Papierkriegen übernommen werden oder wann Mutter-und-Kind-Kuren genehmigt werden.

Tipp 9: Frauenprodukte sind Mumpitz
Grundsätzlich brauchen Frauen keine speziell auf weiblich getrimmten Produkte. Die bisher existierende Palette an Tarifen ist so reichhaltig, dass für jeden Bedarf etwas dabei sein sollte. Vielfach sind Frauenartikel schlichtweg eine krude Mischung aus Standardausstattung, unnützem Beiwerk und falschen Versprechungen, wie etwa die Woman?s Future Police der Hamburg Mannheimer, oder die Best BU Vorsorge der Volksfürsorge für Hausfrauen, die weniger komfortabel ist als sie vorgibt. Auch ein Lady-Kfz-Tarif wäre nur durch Zufall die günstigste Wahl für eine Frau, stellt Versicherungsmakler Kühl fest. Die Preise werden mittlerweile durch so viele Parameter bestimmt. ?Da ist das Geschlecht nur einer von vielen.?

Tipp 10: Seien Sie egoistisch
Nehmen Sie Ihren Partner in die Pflicht. In Zeiten, in denen weniger Geld da ist, wird gespart, klar. Aber bitteschön bei beiden. Altersarmut darf nicht als Preis für Mutterfreuden verstanden werden. Hören Sie auf, sich in Sachen Finanzen als Mutter, Teil der Familie oder Partnerin zu sehen. Denken Sie ganz egoistisch an Ihre eigene, individuelle Vorsorge. Dinge, die für den Doppelpack sinnvoll sind, können sich auf die einzelnen Partner sehr ungleich auswirken. Bei einer Scheidung ist ohnehin schnell Sense mit ?Ach Schatz, uns gehört doch eh alles zusammen?. Stellen Sie also sicher, dass der Fondssparplan tatsächlich auf Ihren Namen läuft, dass Sie die Versicherungsnehmerin der Rentenpolice sind und dass das Bezugsrecht für die Police Ihres Mannes wirklich unwiderruflich ist

?Und lassen Sie sich nicht zu großartigen Pausen in Ihrer Erwerbsbiografie breitschlagen?, rät Finanzplanerin Härtel-Herrmann. ?Das ist in der Rente später das allergrößte Problem. Jede Lücke, egal ob durch Auszeit, Teilzeit oder Minijob, schlägt zurück. Die Abhängigkeit wird riesengroß.? Diesen Druck will Wirtschaftsprüferin Saskia Reinhardt gerne loswerden. Bevor sie wieder halbtags in den Job zurückkehrt, will sie sich mit ihrem Mann zusammensetzen und einen zusätzlichen Fondssparplan auf ihren Namen raushandeln. ?Ich hoffe, er kann meine Bedenken nachvollziehen.? ? Und wenn die beiden gemeinsam alt werden, haben sie schließlich beide was davon

Dieser Artikel ist erschienen am 08.03.2007