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Machtkampf wie bei ?Dallas?

Von Holger Alich, Handelsblatt
Was sich derzeit im Umfeld der Rüstungskonzerne EADS und Thales abspielt, muss den Vergleich mit einer Seifenoper wie ?Dallas? nicht scheuen. Es geht um Geld, Macht und Politik ? und um vermeintliche Bösewichte à la J.R. und vermeintliche Gutwichte à la Bobby Ewing.
PARIS. Offiziell wird natürlich dementiert, so gut es geht: In Sachen Thales und EADS ?gibt es keine laufenden Fusionsvorbereitungen?, sagt Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac. So richtig glauben mag das aber niemand.Denn es geht auch um Egos. Der Hickhack um eine Heirat der französisch-britischen Thales und der deutsch-französischen EADS ist nur eine Facette eines jahrelangen Machtkampfs zweier Männer, die einander nicht mögen: Philippe Camus, 56, leitet seit dem Jahr 2000 zusammen mit dem Deutschen Rainer Hertrich EADS. Sein Untergebener im EADS-Imperium als Chef der Tochter Airbus ist der 57-jährige Noël Forgeard.

Die besten Jobs von allen

Der war schon immer scharf auf den Job von Camus. Nun wittert Forgeard seine Chance: Im Sommer 2005 läuft Camus? Mandat aus, und das Fusionsgerede ist ein Vehikel für Forgeard, seine Ambitionen zu unterstreichen. Seine letzte Chance, EADS-Chef zu werden.Derzeit scheint der ehrgeizige Airbus-Chef mit der J.R.-ähnlichen Raffinesse die besseren Karten zu haben. ?Nachdem ein Finanzexperte die Gründungsphase von EADS mit Erfolg gemeistert hat, sollte jetzt vielleicht ein Industrie- Experte an die Spitze von EADS treten?, heißt es im Umfeld der Lagardère-Gruppe, mit 15 Prozent einer der Großaktionäre von EADS.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Schon einmal brachte Camus? Vorsicht den Visionär Forgeard zur WeißglutPferde- und Kunstliebhaber Forgeard gilt als industriepolitischer Visionär. An seinem Gegenspieler Camus, dem leidenschaftlichen Jazz-Fan und kumpeligen Bobby-Ewing-Typ, klebt dagegen das Image des vorsichtigen Finanzexperten. Forgeard wird nachgesagt, dass er Thales ganz schlucken will, um aus EADS auch im Bereich Rüstung einen gleichwertigen Konkurrenten für den US-Riesen Boeing zu schmieden. Camus dagegen ist nur an Teilen von Thales interessiert.Schon einmal brachte Camus? Vorsicht den Visionär Forgeard zur Weißglut: Als die Entscheidung darüber anstand, ob das Projekt des Riesenairbusses A 380 wirklich abheben sollte, bremste Camus ? zum Ärger von Forgeard. Der setzte sich letztendlich durch: Der Superflieger absolviert bald seinen Jungfernflug.Der Ursprung der Fehde beider Spitzenmanager liegt im Jahr 1997. Beide arbeiteten im Imperium von Jean-Luc Lagardère. Zu dessen Gruppe gehörte der Luftfahrt- und Rüstungskonzern Matra. Camus war die rechte Hand Lagardères, der ihm zu ?1 000 Prozent? vertraute. Forgeard leitete die Rüstungssparte.Damals schon hatte Forgeard den Traum von einem integrierten europäischen Luftfahrt- und Rüstungskonzern. Doch sein Versuch, im Zuge der Privatisierung Thomson ? die heutige Thales ? zu übernehmen, schlug fehl. Es schien, als habe Forgeard ausgeträumt. 1998 nahm er dankend das Angebot an, Chef von Airbus zu werden. Dort wurde er endlich Chef eines großen Industriekonzerns.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ein anderer machte Forgeards Traum wahrDoch zwei Jahre später machte ein anderer Forgeards Traum wahr: Camus. Durch die Fusion der französischen Aérospatiale Matra, der spanischen Casa und der deutschen Daimler-Chrysler Aerospace (Dasa) entstand der europäische Luft- und Raumfahrtriese EADS ? mit Philippe Camus an der Spitze. Fortan galt: Will man Forgeard die Laune verderben, muss man den Airbus-Chef nur mit Vorschlägen seines Vorgesetzten konfrontieren. Bei der Bilanz-Pressekonferenz von Airbus Anfang des Jahres etwa: Was er denn von Camus? Idee hielte, wegen der Dollar-Schwäche Produktion in die USA zu verlegen? ?Wenn wir jeden guten Rat befolgt hätten, dann hätten wir bereits die Produktion verringert, wahrscheinlich Personal entlassen und die Produktion verlagert?, blaffte Forgeard zurück.Dass Camus noch dort ist, wo er ist, verdankt er der Loyalität der Familie Lagardère. Nach dem Tod von Jean-Luc Lagardère 2003 übernahm Sohn Arnaud bei der Gruppe das Ruder. Den hatte Camus einst persönlich auf seine Führungsaufgabe vorbereitet. Dafür hat Forgeard bessere politische Kontakte: 1986 beriet er den damaligen Premierminister Jacques Chirac in Industriefragen.Über den engen Draht zum Staatspräsidenten könnte Forgeard aber auch stolpern. Denn seiner Berufung zum EADS-Chef müsste auch Großaktionär Daimler-Chrysler zustimmen ? besonders wenn, wie zu hören ist, die Doppelspitze abgeschafft wird. Doch Forgeards Nähe zu Chirac dürfte wohl eher Unbehagen auf deutscher Seite auslösen. Ausgeräumt werden könnte das, indem ein Deutscher Airbus-Chef würde. Aber auch das ist nur eine weitere spannende Spekulation im europäischen Rüstungs-Dallas.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.11.2004