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Macht macht Frauen einsam

Macht macht Frauen einsam - zumindest in den Topetagen deutscher Konzerne. Gerade mal 9,4 Prozent aller Spitzenpositionen in Deutschland sind laut einer Studie von Frauen besetzt. Diese Rechnung fasst den Begriff ?Führungsposition? schon recht weit.
HB BERLIN. In den Top 30 der börsennotierten deutschen Unternehmen - den Dax-Konzernen - liegt die Quote teils deutlich darunter. Bei Daimler-Chrysler sind es gerade 5,8 Prozent Frauen in leitenden Positionen. Bis ganz nach oben in den Vorstand eines der 30 Großen hat es bisher keine einzige Frau geschafft. Bis jetzt. Der Berliner Pharmakonzern Schering hat nun mit diesem Tabu in deutschen Führungsetagen gebrochen.Als ein Stück Börsen-Geschichte wurde die Berufung einer Frau in den Vorstand der im Deutschen Aktienindex (Dax) aufgeführten Schering AG gefeiert. Das Unternehmen selbst war sich der Tragweite dieser Entscheidung gar nicht bewusst: ?Wir haben eine lange Liste von Interviewanfragen an die erste Frau in unserem Vorstand, eigentlich haben wir nur eine Personalie mitteilen wollen?, sagt der Kommunikationschef von Schering, Oliver Renner. Karin Dorrepaal - promovierte Medizinerin und Betriebswirtin - kommt aus den Niederlanden. Die 43-Jährige wird vom 1. September an für das Geschäftsfeld Diagnostische Bildgebung verantwortlich sein. Doch warum der Blick ins Ausland? ?In Deutschland gibt es einfach nicht genügend Absolventinnen in den ?karriereorientierten? Studiengängen?, sagte Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff von der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Seit 1986 erforscht sie das Thema ?Frauen in Führungspositionen?.

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In den Wirtschaftsstudiengängen habe sich der Frauenanteil mittlerweile auf fast 40 Prozent erhöht - ?ein gutes Signal?. Weibliche Ingenieure und Naturwissenschaftlerinnen seien jedoch immer noch absolute Mangelware. ?Wir kooperieren deshalb mit Universitäten und auch schon mit Schulen, um mehr Frauen für diese Richtungen zu interessieren?, sagt eine Unternehmenssprecherin von Daimler-Chrysler.Frauen für technische und wirtschaftliche Studien zu begeistern, ist auch ein Ziel der Initiative D21. Mehrere hundert Unternehmen haben sich in der Initiative zusammengeschlossen, um Technik und Wirtschaft gemeinsam mit der Politik in Deutschland zu fördern. ?Deutsche Unternehmen müssen in ihrem Haus klar sagen: ?wir wollen Frauen mit an der Spitze haben??, sagt Barbara Schwarze vom Vorstand von D21. Mixed Teams in der Führung würden zudem bessere Ergebnisse bringen, da mehr Sichtweisen in der Diskussion einfließen könnten.Kinder seien nach Ansicht der Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU), Regina Seidel, heute kein wirkliches Hindernis für die Karriere mehr. ?Wer gut verdient, leistet sich ein Kindermädchen.? Frauen fehlten jedoch für einen steilen Aufstieg die Netzwerke. ?Sie sind auf ihrem Weg nach oben meist allein auf weiter Flur und je höher sie kommen, um so einsamer wird es im gleichen Geschlecht?, sagt Seidel. Einem Kampf mit solchen Verlusten wollen sich Frauen oft nicht stellen. ?Aber vor allem braucht es mehr Arbeitsplätze und konjunkturellen Aufschwung. Dann werden auch mehr Frauen für Führungspositionen gebraucht.?Nach Ansicht von Schwarze stelle jedoch für Männer, eine Frau in den Vorstand zu holen, ein ?höheres Risiko? dar. ?Wenn die Entscheidung falsch war, hat man nicht nur eine falsche Person geholt, sondern auch noch im falschen Geschlecht geschaut, das wussten dann alle vorher.? Schering-Sprecher Renner lehnt dieses Vorurteil ab. ?Wir haben den Besten für den Vorstandsposten gesucht, und das war eben eine Frau.? Der Berliner Pharmakonzern ist 2003 von der Europäischen Kommission als beispielgebendes unter mehr als 1000 europäischen Unternehmen mit dem Preis ?Chancengleichheit der Geschlechter? geehrt worden.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.07.2004