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Machen Sie den Mund auf

Von Ursula Neumann
Das Ritual in Konferenzen ist bekannt: Einer redet, der Rest schweigt. Kaum jemand traut sich, einen schwafelnden Kollegen zu unterbrechen. Schon Kinder lernen, Konfliktscheue in Gelassenheit umzudeuten. Im Beruf wird diese Vogel-Strauß-Methode verfeinert.
Über zwei Stunden schon hält der Bereichsleiter seine Mitarbeiter in der Besprechung fest. Das Ritual ist bekannt: Einer redet, der Rest schweigt. Endlich fasst sich jemand ein Herz und fragt: "Wer soll eigentlich in den XY-Ausschuss?" "Herr Z", antwortet der Chef knapp. "Warum Herr Z?" hakt der Frager nach. "Weil ich ihn gefragt habe und er Ja gesagt hat."Die Kollegen starren unbeteiligt in die Luft, weiter geht die Sitzung. Hinterher allerdings, der Chef ist bereits gegangen, wird Unmut laut. Man fühlt sich nicht für voll genommen. "Der hält uns wohl für Hampelmänner", empört sich ein Kollege. Und kommt damit der Wahrheit recht nahe.

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Warum fielen die deutlichen Worte erst hinterher? Eine ehrliche Antwort hierauf wird wohl niemand geben. Schon Kinder lernen, Konfliktscheu in Gelassenheit umzudeuten. Im Beruf wird diese Vogel-Strauß-Politik verfeinert. Wir sagen dann nicht mehr: "Der oder das passt mir nicht!" Sondern: "Ich habe Wichtigeres zu tun, als wegen dieser Bagatelle einen Aufstand zu machen. Der Chef will sich profilieren, bitteschön, soll er doch."FeigheitFeigheit wird umso entschuldbarer, je größer die drohende Gefahr ist. Feige Menschen blasen alles, was ein Minimum an Rückgrat erfordert, zu einem Abenteuer mit unabsehbaren Folgen auf. Wer nur lange genug nachdenkt, glaubt am Ende, mit einer höflichen Nachfrage eine Kündigung zu riskieren, und schon ist es ein Gebot der Klugheit, den Mund zu halten.An dieser Stelle werden Sie sicher widersprechen: Wenn es um "wirklich Wichtiges" geht, machen Sie selbstverständlich den Mund auf, keine Frage! Wer so redet, verwechselt Courage mit dem besseren Geschirr, das geschont werden muss und nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt wird. Courage ist aber ein Muskel. Ohne ständiges Training bleibt er schwach und bringt auch im Ernstfall keine Höchstleistung.Courage-Aufbau-TrainingBeginnen Sie Ihr Courage-Aufbau-Training mit Frage-Übungen. Die Sorge, "wenn ich das frage, merken die womöglich, dass ich mich noch nicht richtig auskenne", ist unsinnig, weil sowieso jeder weiss, dass Sie als Berufsanfänger neu im Geschäft sind. Erinnern Sie sich an jene unsäglichen Situationen in Schule und Universität, als alle versuchten, ein schlaues Gesicht zu machen und keiner wusste, wovon eigentlich die Rede war. Da war der, der zu fragen wagte, schon fast ein Held.Auch bei Konflikten muss man nicht gleich auf Konfrontation gehen. Am Anfang Ihrer beruflichen Laufbahn haben Sie einen Frage-Bonus, den Sie listig nutzen können, wenn Sie etwas stört. Kokettieren Sie ruhig mit Ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Unkenntnis: "Ich bin ja noch neu hier ..."Wichtig ist: Fragen Sie nicht drum herum, sondern fragen Sie genau das, was Sie wissen wollen. Der Mitarbeiter in unserem Eingangsbeispiel hat sich das nicht getraut. Er hätte besser gesagt: "Ich habe mich gewundert, dass die Besetzung des XY-Ausschusses nicht auf der Tagesordnung war. Sollten wir das nicht gemeinsam besprechen, oder habe ich da was nicht mitbekommen?" Dann wäre es dem Bereichsleiter schwerer gefallen, ihn abblitzen zu lassen.Risiko und ChanceMachen Sie es sich zur Gewohnheit zu fragen: "Was kann mir im schlimmsten Fall passieren?" Sie werden in aller Regel erkennen, dass die Welt sicher nicht untergehen wird. Dem geringen Risiko steht eine beträchtliche Chance gegenüber: Jedes Mal, wenn Sie den Mund aufmachen, wo andere ihn zulassen, verschaffen Sie sich ein bisschen mehr Respekt und gewinnen an Selbstvertrauen.Ein Beispiel aus meiner Praxis: Ein junger Mitarbeiter im Management tat sich schwer mit seinem cholerischen Chef und den eingefahrenen Strukturen im Unternehmen. Beharrlich stellte er seine Fragen, wenn er etwas nicht einsah, übte höflich, aber konsequent Kritik, machte Verbesserungsvorschläge und ging damit dem ganzen Team auf die Nerven, vom Chef ganz zu schweigen. "Der muss noch viel lernen", hieß es hinter seinem Rücken.Einer riet ihm: "Seien Sie vernünftig! Sie schaden sich nur selbst. Wir haben das alle hinter uns: Frisch von der Ausbildung möchte man alles umkrempeln. Aber die Realität ist anders. Hier was ändern zu wollen, hat noch nicht mal der Vize geschafft, und der hat wirklich was los." Schließlich waren sich alle einig: "Der bringt es nicht weit bei uns." Sie sollten Recht behalten. Eines Tages nahm ihn der Vize beiseite: "Ich werde demnächst wechseln. Interessante Stelle, interessante Firma. Ich suche einen fähigen Assistenten. Dabei habe ich an Sie gedacht. Hätten Sie Lust?" Der junge Mitarbeiter hatte Lust und ließ den alten Chef samt Hofstaat zurück. Merke: Starke Chefs wollen starke Mitarbeiter. Und was wollen Sie?
Dieser Artikel ist erschienen am 04.06.2002