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Luxemburg: Bankers Kohlegrube

Tobias Freudenberg
Foto: Bob Heinemann
Das Großherzogtum ist Europas Klassenbester. Doch man braucht kein Streber zu sein, um in Luxemburg einen Job zu finden. Die meisten Chancen bieten Banken und Dienstleister.
Das ganze Land scheint ein einziger großer Tresor zu sein, in dem die Ersparnisse deutscher Anleger verwaltet werden. Das Vorurteil mag zum Teil stimmen - doch wer nach Luxemburg kommt, merkt schnell, dass es eben nur ein kleiner Teil der Wahrheit ist.

Hier dreht sich längst nicht alles um Finanzen: Bei den Glaspalästen handelt es sich nicht etwa um Banken oder Versicherungskonzerne, sondern um Institutionen der EU: Richter, Rechnungsprüfer und andere europäische Beamte haben im Kirchberg-Viertel ihren Sitz - dass die meisten Taxifahrer, die einen dorthin bringen, Portugiesisch sprechen, ist kein Wunder. Die Hälfte aller Ausländer kommt aus Portugal, nur knapp neun Prozent sind aus Deutschland. Natürlich gibt es die Banken - über 220 aus den wohlhabenden Ländern der Erde, darunter die Filialen von 63 deutschen Instituten. Mit ihren zusammen mehr als 23.000 Mitarbeitern sind sie ein wichtiger Faktor auf dem Arbeitsmarkt. Beim Luxemburger Arbeitsamt werden solche Stellen allerdings nicht angeboten, die Führungsposten der Geldinstitute werden in den meisten Fällen aus den Mutterhäusern besetzt.

Die besten Jobs von allen


Banken voller Geheimnisse

Die Banken haben ihre Prachtbauten, wenn sie überhaupt auf solche Wert legen, zwischen dem Bahnhofsviertel und dem Flusstal der Petrusse stehen. Vielfach reicht ein blank geputztes Messingschild an einer Hintertür. ?Société anonyme" heißt es darauf - das schafft Vertrauen, das ist es, was der Kunde sucht.

Zwar ist es nicht verboten, Geld in Luxemburg oder anderswo anzulegen. Illegal ist lediglich, diese Konten dann in der Steuererklärung zu verschweigen. Deshalb kann man auch auf den Parkplätzen der großen Bankhäuser hin und wieder schon einmal auffälligüunauffällige Mittelklassewagen stehen sehen, in denen deutsche Steuerfahnder die Autonummern ankommender Aktenkofferträger notieren. Das Bankgeheimnis hat Luxemburgs jugendlich-agiler Premierminister Jean-Claude Juncker, der in Personalunion Finanzminister ist, in den vergangenen Jahren immer wieder mit Vehemenz verteidigt.

Nicht dass das Großherzogtum auf dem Fiskus entfliehende Ausländer angewiesen sei - der Finanzplatz, zu dem auch noch 350 Versicherungen und mehr als 14.000 Holdinggesellschaften gehören, hat laut Juncker auch so ein international durchaus konkurrenzfähiges Angebot. Aber niemand könne doch daran interessiert sein, dass diese Gelder dann ganz aus der EU heraus in die Schweiz, die Karibik oder sonst wohin abwandern.

Dem Wirtschaftsfaktor Finanzplatz jedenfalls drohe keine Gefahr, versichert Juncker in seinem Amtssitz, einem alten Kloster - eine für einen Premier fast winzige Bude, nicht größer als eine deutsche Sparkassenfiliale; Luxemburg ist laut Statistik hinter?Abu Dhabi und Liechtenstein das drittreichste Land der Welt. In Frankreich wird es auch ?Luxe-en-Bourg", also ?Luxusburg" genannt.

Arbeitslosigkeit kennt das kleine Land mit seinen 400.000 Einwohnern praktisch nicht. Im Gegenteil: Mehr als die Hälfte des Arbeitsmarktes wird aus dem Ausland besetzt. Bürokratische Probleme haben EU-Bürger deshalb nicht zu befürchten.

Statt der portugiesischen Fremdarbeiter der Vergangenheit sind heute Spitzenkräfte aus den Nachbarländern Frankreich, Belgien und Deutschland gefragt. Vielfach kommen sie nicht wirklich ins Großherzogtum: 80.000 Menschen pendeln täglich, rund 17.000 davon kommen allein aus den deutschen Grenzgebieten zur Arbeit.

Wohlstand, Wonne, Wiesengrund

Dass so viele Menschen pendeln, hat seinen Grund. Trotz Wohlstand und perfekten sozialen Sicherheitssystemen hat das Land als Wohnsitz nämlich nicht unbedingt viel zu bieten. Die Hauptstadt mit ihren knapp 100.000 Seelen verbindet mittelstädtisches Flair mit Münchener Immobilienpreisen. Drumherum gibt es kaum mehr als dörfliche Idylle. Die bergige Ardennenlandschaft im Norden, die sie stolz ?Luxemburger Schweiz" nennen, lädt vor allem zum Erholen ein, der Süden rund um das Städtchen Esch-sur-Alzette ist das Industriezentrum.

Die Stahlindustrie, mit der hier vor eineinhalb Jahrhunderten der Abschied Luxemburgs vom Agrarland eingeläutet wurde, spielt nach wie vor eine zentrale Rolle: Der Arbed-Konzern ist trotz ständigen Arbeitsplatzabbaus seit den 80er-Jahren bis heute größter privater Arbeitgeber des Landes. Doch die günstige zentrale Lage hat längst auch andere wichtige Unternehmen ins Land gelockt. Goodyear, Dupont und Villeroy & Boch sind nur die bekanntesten Namen.

Grossherzogtum im Weltraum

Der Umbau zur Dienstleistungsindustrie wurde von Regierungsseite konsequent betrieben. Der Finanzplatz ist dafür heute längst nicht mehr der einzige Beleg. Der Radiosender RTL, der seit dem Weltkrieg europaweit Hörer und später auch Fernsehzuschauer bestrahlt, dokumentiert den Ausbau des Mediensektors im Land. Auf eine Regierungsinitiative hin wurde 1985 mit der Gründung der SES das Satellitenzeitalter eingeläutet - mit dem Astra-System haben sich die Luxemburger frühzeitig die europäische Vorherrschaft im Weltraum gesichert.

Und auch wirtschaftlich sind sie spitze. Als einziges Land erfüllte Luxemburg die Bedingungen für die Euro-Teilnahme - im Gegensatz zu Deutschland. Nicht ganz ohne Berechtigung vergleicht Premier Juncker hin und wieder den ?trägen deutschen Tanker" mit dem ?luxemburgischen Schnellboot". Und das soll auch so bleiben. Nicht umsonst heißt das Motto der Luxemburger: ?Mir wölle bleiwe, wat mir sin."
Dieser Artikel ist erschienen am 25.03.2002