Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Lust auf mehr Luxus

Oliver Müller
Ratan Tata ist der lebende Beweis dafür, dass ein Manager im Rentenalter nicht zum alten Eisen gehört. Der 70-Jährige sprüht vor Energie, setzt radikale Ideen um, zeigt Mut zum Risiko: Mit Marken wie Jaguar und Land Rover fordert Indiens Industrie-König westliche Autokonzerne heraus. Der Deal stellt Tata allerdings vor größte Herausforderungen. Analysten und Aktionäre sind skeptisch.
Ratan Tata geht auf Weltmarken-Einkaufstour. Foto: ap
DELHI. Selbst ohne zwei neue Luxusmarken im Portfolio war der Grandseigneur des indischen Unternehmeradels Anfang März Stargast des Genfer Autosalons. Denn Tata liefert der Branche Stoff zum Träumen. Anfang Januar stand er zuletzt im Blitzlichtgewitter der Weltmedien. Auf der Auto Expo in Delhi kostet der Chef des umsatzstärksten indischen Konglomerats seinen größten Triumph aus: ?Jetzt zeige ich Ihnen den neuen Volkswagen, auf den Sie alle warten?, sagte Tata. Seine Stimme zitterte; Nervosität verschiebt sie stets eine Tonlage nach oben. Egal: Der Junggeselle rang seine Medienscheu nieder und fuhr sein ?Baby? ? er hat den Nano selbst erdacht ? persönlich aus den Kulissen. Tata weiß, dass dieser Moment in die Geschichte des Konzerns eingehen wird ? als Meilenstein oder Megaflop.


Die besten Jobs von allen

Bildergalerie Bildergalerie: Tata sorgt für Wirbel ? das Konglomerat in Bildern
Exakt 100 Jahre nachdem Henry Ford das Auto mit seinem Model T zur Massenware machte, rollt in Indien ein Gefährt auf die Bühne, das mit 2 500 Dollar nur halb so viel kostet wie das bislang billigste Auto der Welt. Es soll die einkommensschwachen Massen in den Entwicklungsländern motorisieren. Umweltschützer sind entsetzt. Fans bejubeln Tata für die Mobilitätsrevolution ?made in India?. Der Manager selbst preist den Nano als Signal, sein Konzern sei nun bereit ?zu führen und zu erobern?.Doch dann piesacken britische Journalisten den Chef von Tata Motors mit Fragen nach der Übernahme von Jaguar ? und werden als Spielverderber abgewimmelt. ?Wir wollen kein Global Player im Autogeschäft werden?, ist das Einzige, was sich Tata entlocken lässt. Gegenüber dem Handelsblatt hatte er sich schon vor einiger Zeit über den Irrglauben mokiert, ?Welt AGs? seien im Autogeschäft vorteilhaft. Die Zukunft gehöre fokussierten Nischenanbietern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Misstrauische Anleger Doch viele Analysten und Aktionäre verstört, dass Tata nun neben LKWs und Bussen für Schwellenländer sowie Geländewagen und dem Preiswunder Nano ausgerechnet zwei britische Traditionsmarken bauen und vertreiben will. Der Markt traut Tata nicht: Die Tata-Motors-Aktie gehört seit Monaten zu den Schlusslichtern an Bombays Börse.Der Deal stellt Tata vor größte Herausforderungen. Die 2001 übernommene Teemarke Tetley zum Erfolg zu führen war dagegen ein Kinderspiel. Schließlich hatte Tatas Gruppe lange Erfahrung im Teegeschäft. Beim im Vorjahr für zwölf Milliarden Dollar gekauften Stahlkocher Corus winken riesige Kostensenkungen. Dessen europäische Werke kann Tata Steel mit billigem Rohstahl aus Indien versorgen ? zudem kennen die Tatas das Stahlgeschäft in- und auswendig.Autos bauen sie aber erst seit einem Jahrzehnt. Doch schon greift Tata an zwei Enden des Markts gleichzeitig an: hier billig, dort Premium. ?Ich sehe nicht, wie die Firmen zusammenpassen sollen?, sagt Aquarius-Fondsmanager Thiyaga Rajan über Tatas Griff nach Jaguar und Land Rover. Der Enthusiasmus dafür sei bloß später Rache geschuldet: Schließlich entstanden beide Firmen zu einer Zeit, als Indien noch britische Kolonie war. Die Maharadschas fuhren gerne Jaguar. Doch das sichert heute keine Gewinne mehr.Trotz seines bedächtigen Auftretens schreckt Gegenwind Ratan Tata nicht: ?Wer mir eine Pistole an den Kopf hält, muss abdrücken.? So trat er in die Spuren seines Urahnen Jamsetji Tata, der den Familienkonzern 1868 gründete. Der Industriepionier errichtete ? gegen den Widerstand der Kolonialherren ? Indiens erstes Stahlwerk, und auch das erste Wasserkraftwerk des Landes. Doch unter seinen Erben verkam die Firma zu einem schläfrigen, labyrinthisch verzweigten Konglomerat.Diesem hauchte Ratan Tata neues Leben ein. Dabei halfen dem studierten Architekten Kreativität, Mut zum Querdenken und Motivationstalent. Skeptiker hat er bislang immer eines Besseren belehrt: Als er Indiens größten LKW-Bauer Tata Motors 1999 mit einem eigenen Modell ins Autogeschäft trieb, verspottete es der Volksmund als ?Ratans Wolkenschloss?.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Was Analysten befürchtenDoch der ?Indica? wurde ein Erfolg. Auf dem ? nach China ? umkämpftesten Automarkt der Welt hat sich Tata Motors einen Marktanteil von 20 Prozent erkämpft. Der Nano soll das Sprungbrett sein für mehr.Gerade deshalb fürchten Analysten, Tata könne mit Jaguar und Land Rover Zeit und Energie verschwenden, die dem Konzern beim Ausbeuten der Goldmine vor seiner eigenen Haustüre fehlten. Beide Marken haben Ford zwei Jahrzehnte lang nicht glücklich gemacht. Das lässt den Kaufpreis von 2,3 Milliarden Dollar riskant erscheinen.Ratan Tata hingegen setzt auf andere Vorteile ? vor allem auf den Zugang zu moderner Autotechnik, welche die Inder sonst erst teuer entwickeln müssten. Der Kauf der LKW-Sparte von Daewoo 2003 zeigte, dass die Strategie funktioniert: Er ermöglichte Tata den schnellen Sprung ins Geschäft mit schweren LKWs.Ratan Tata ist 70, aber er lässt sich Zeit. Für ihn zählen vor allem langfristige Gewinne. Ob er sie auch bei Jaguar und Land Rover findet, muss sich jedoch erst noch erweisen.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.03.2008