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Lust auf den Irrsinn im Job

Von Thomas Wiede
Von der Sekretärin zur mächtigsten Frau Russlands: Gulschan Moldaschanowa hat eine steile Karriere hinter sich. Nun kümmert sie sich um die Geschäft des reichsten Mannes Russlands. Doch von Frauenförderung in der russischen Macho-Wirtschaft hält sie nichts.
Gulschan Moldaschanowa, CEO der Holding Basic Element. Bild: bachmann-illustration.de
MOSKAU. Im Luxushotel Rodina hat sich eine hochkarätige Runde eingefunden. Um den ovalen Tisch in dem abgedunkelten und edlen Raum haben Russlands reichster Mann, Oleg Deripaska, Strabag-Chef Peter Haselsteiner und Mitglieder des Managements von Basic Element Platz genommen ? Deripaskas Holding. Doch es geht erst los, als eine zierliche Dame mit asiatischem Äußeren den Gastgeber Deripaska dezent zum Willkommens-Toast auffordert.Gulschan Moldaschanowa, 41 Jahre alt, ist die Top-Managerin des Multimilliardärs, Chefin von Basic Element und Herrin über rund 300 000 Angestellte, die für eines der größten Industriekonglomerate Russlands arbeiten. Bei Tisch im russischen Badeort Sotschi sitzt sie ihrem Boss gegenüber, der nach dem mit leisem Lächeln geäußerten Hinweis aus dem Stuhl schnellt und ein paar Worte verliert.

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Er sei kein großer Unterhalter, sagt sie später. Ob sie nicht nur bei Tisch, sondern auch im Geschäft den Ton angibt? Keine Spur. Oleg Deripaska sei nun einmal niemand, der sich auf eine Insel setze und andere arbeiten lasse. Der Eigentümer und Aufsichtsratschef nehme regen Anteil am Geschehen und entscheide auch in Details mit, sagt sie.Im Jahr 1995 trifft sie zum ersten Mal auf ihn ? als Sekretärin in seiner Vertriebsfirma Rosaluminiumprodukt. Moldaschanowa, in Kasachstan geboren, hat ihre Karriere als Physikerin in Moskau aufgegeben. Denn damals schließen viele Institute, und die Gehälter sinken auf ein symbolisches Niveau, wenn sie überhaupt noch gezahlt werden.Sie lebt von der Unterstützung ihres Mannes. Der Job sei für sie auch eine Entscheidung gewesen, ?für mich selbst Verantwortung zu übernehmen?, sagt sie heute. Deripaska, ein Absolvent des gleichen Moskauer Instituts, habe sie aber nicht ?entdeckt. Ich hatte einfach die Chance, nah an den Topleuten zu sein.? Es ist vor allem die damalige Finanzchefin, die schnell bemerkt, dass die junge Sekretärin mehr kann, als das Vorzimmer zu hüten. Sie schickt sie zu einem Training und holt sie in ihre Abteilung.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wieviel Macht hat sie tatsächlich? Deripaskas Geschäft wächst rasant. Aus den ?Aluminiumkriegen? der neunziger Jahre geht er als der russische ?Aluminium-Zar? hervor: Das Herz seines mehr als 100 Fabriken umfassenden Firmenimperiums, das sich vom Auto- und Maschinenbau über Immobilien und Baufirmen bis hin zu Agrarbetrieben erstreckt, ist nach wie vor der Alu-Konzern Rusal ? einer der größten der Welt. Dort arbeitet sich Moldaschanowa empor und übernimmt 2005 den Chefposten der Holding.Hatte sie den unbedingten Willen, nach oben zu kommen? Mehr Ehrgeiz als andere?Heute fällt es ihr schwer, den ?Kern? ihres Erfolges zu lokalisieren: Sie habe sich immer auf ihre Aufgaben konzentriert. Von einschneidenden Erlebnissen kann sie nicht berichten. In ihr bleibt einfach das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.Die Arbeit mit dem etwa gleichaltrigen Deripaska sieht sie als Herausforderung. Der Oligarch mit hervorragenden Drähten zum Kreml, gilt unter Moskauer Beobachtern als Workaholic, ein Besessener, der neben den Branchen und Firmen von Basic Element auch noch eine Reihe anderer Geschäfte und Projekte verfolgt ? in die sein CEO keinen Einblick hat.Wie viel Macht hat sie nun? In der Fortune-Liste der mächtigsten Frauen der Welt steht sie auf Rang 22. In Moskau gehen die Meinungen über die öffentlichkeitsscheue Moldaschanowa auseinander: Von ?seiner Vollstreckerin? bis hin zu ?talentierter Powerfrau? reichen die Urteile, wobei letztere überwiegen. Immer schwingt aber Respekt mit. Den Inhalt komplizierter Verträge kann sie blitzschnell erfassen. Intern gilt sie als eiserne Lady, die dem Eigentümer loyal ergeben ist. Und Deripaska vertraue ihr sehr.Kaum ein russisches Unternehmen ist in den vergangenen Jahren so schnell gewachsen: Allein 2007 hat Basic Element Firmen und Beteiligungen im Wert von über 15 Milliarden Dollar geschluckt ? darunter Anteile an den Baukonzernen Strabag und Hochtief. Nun soll der Alukonzern Rusal, den Basic Element kontrolliert, mit dem russischen Bergbauriesen Norilsk Nickel fusionieren. Das Geschäft unterstreicht den Ruf des Konzerns als aggressiver M&A-Spieler.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Den Haushalt führt die MutterDer mag so gar nicht zu Moldaschanowa passen: Die Stimme ist leise, ihre Art kontrolliert und zurückhaltend, aber nicht unterkühlt. Sie lacht gern, sieht sich aber durchaus auch als ?aggressiver Manager? ? eine Eigenschaft, die sie vielen russischen Kollegen zuschreibt. ?Wir mussten in einem Jahrzehnt aufholen, wofür der Westen ein Jahrhundert gebraucht hat. Wir mussten schnell sein?. Jetzt glaube man daran, alles zu können, sagt sie ? mit einem leichten Anflug von Ironie. Sicher ist: Basic Element ist noch lange nicht am Ziel ? der Konzern gilt als wenig transparent. In den kommenden Jahren sollen die vielen Töchter aber gelistet werden ? und nach derzeitigem Stand am Ende auch die Mutter selbst.Gutes Management bedeutet für Moldaschanowa: im Team zu entscheiden und den Erfolg auf viele Schultern zu verteilen, aber alleine die Verantwortung zu übernehmen, wenn etwas daneben geht. Fehler zuzulassen. Frauen seien gute Manager. Sie hätten den Blick fürs Detail.Von Frauenförderung hält sie nichts: In Russland gibt es ein Netzwerk von Managerinnen, die sie schon mehrfach eingeladen haben. Sie ist aber nie hingegangen. ?Für mich zählt Begabung, Einsatz und Loyalität? und nicht das Geschlecht. Dass es Frauen in der russischen Macho-Geschäftswelt schwer haben, lässt sie nicht gelten. ?Wenn es ums Geschäft geht, ist es oft Frauensache. Die Männer kommen nur um die Dokumente zu unterschreiben.? Es gebe eine Menge weiblicher ?Vizes?, die ?den Job machen?. Frauen sollten es dennoch einfacher haben, Beruf und Karriere zu vereinen. Basic Element zahlt Müttern einen Kindermädchen-Bonus. Moldaschanowa selbst ist nach ihrer Scheidung ?allein erziehend?. Ihre kleine Tochter wächst bei der Großmutter auf, die ihr auch den Haushalt führt.Moldaschanowa fällt es schwer, von der Arbeit loszulassen. Einmal war sie ungeplant eine Woche nicht erreichbar ? in Südamerika. Nach der ersten Panik habe sie sich aber unglaublich entspannt. Deshalb verordnet sie ihren Mitarbeitern: Wer im Urlaub ist, wird nicht angerufen. ?Die Leute müssen einmal komplett abschalten, damit sie wieder Lust auf den Irrsinn im Job haben.?Basic ElementDie Managerin1966 Gulschan Moldaschanowa wird am 11. Juni im kasachischen Almaty geboren. Ihre Eltern lassen sich scheiden und sie wächst bei ihrer Mutter auf. Früh entwickelt sie ein Faible für Mathematik und beginnt nach der Schule ein Physik-Studium, dass sie mit Auszeichnung abschließt. Sie geht nach Moskau und promoviert an der renommierten Lomonossow Universität.1995 Sie heuert bei Deripaska an und beginnt ihren Aufstieg in dessen Unternehmen Sibirskij Aluminium, dass schließlich zum Rusal-Konzern wird.2000 Sie wird Marketing-Direktorin von Rusal und zwei Jahre später leitet sie bereits die Strategieabteilung.2005 Gulschan Moldaschanowa wird Chief Executive Officer (CEO) der Holding Basic Element.Das UnternehmenIn der Holding Basic Element hat der Oligarch Oleg Deripaska das Gros seiner unternehmerischen Aktivitäten gebündelt. Zu seinem Konzern gehören die sechs Sparten Luftfahrt, Energie, Maschinen- und Automobilbau, Ressourcen, Finanzdienstleistungen und Bau. In diesen Unternehmen arbeiten insgesamt mehr als 300 000 Menschen.Der Gesamtumsatz aller Unternehmen im Deripaska-Reich betrug im Jahr 2006 rund 18 Milliarden Dollar. Der Wert der Unternehmensaktiva beläuft sich nach Konzernangaben auf mehr als 23 Milliarden Dollar.CEO Gulschan Moldaschanowa, Chefin der Holding Basic Element, mehrt Deripaskas Vermögen: In den nächsten 20 Jahren prognostiziert sie ein durchschnittliches Wachstum von fünf bis sechs Prozent.Oleg Deripaska ist heute nach Schätzung des russischen Magazins Finanz der reichste Russe. Der 40-Jährige macht mit 40 Milliarden Dollar fast Microsoftgründer Bill Gates Konkurrenz.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.02.2008