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Ludwig Poullain: ?Denen habe ich den Marsch geblasen?

Von Christoph Nesshöver und Bernd Ziesemer
Wie Ludwig Poullain die WestLB schuf, die Deutsche Bank überholte, den Kreditinstituten den Wettbewerb brachte ? und wie er jäh über einen Koffer voll Geld stürzte.
Ludwig Poullain, Jahrgang 1919, gehört zu den Pionieren der deutschen Wirtschaft. Foto: Peter Badge
DÜSSELDORF. Mailand, 2005: Alessandro Profumo gibt bekannt, dass seine Unicredito, 1998 entstanden als Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher italienischer Banken, Deutschlands zweitgrößtes Geldhaus, die Hypo-Vereinsbank, übernimmt. Derweil verstricken sich hier zu Lande Sparkassen und Landesbanken in Scharmützeln. Die Gewährträgerhaftung, die Garantie der öffentlichen Hand gegenüber den Kunden, ist zwar seit Juli passé ? die EU wollte das so. Hastig aber suchen Landesbanken und Sparkassen nun nach neuen Geschäftsmodellen. Der Markt hat sie längst überholt ? wie Poullain es ihnen vor 36 Jahren vorhergesagt hat. Einer der traditionellsten Wirtschaftszweige Deutschlands muss aufholen ? wie das Land, in dem er groß wurde.Ludwig Poullain war einer der einflussreichsten, klarsichtigsten Bankiers in den Teenagerjahren der Bundesrepublik. Erinnern können sich an ihn heute freilich nur wenige. Weil seine Rede fast 40 Jahre zurückliegt. Weil die WestLB, die er gründete, nach ihm zurückglitt in die Fänge der Politik, der er sie entzogen hatte. Weil Poullains Karriere unauffällig begann, sich rasant beschleunigte, ein Jahrzehnt lang heller brannte als die meisten ihrer Zeit, schon Ende 1977 aber wie eine Sternschnuppe wieder verglühte ? wegen eines Koffers mit einer Millionen D-Mark in bar, unter anderem. Als Ludwig Poullain seinen Sparkassenbeamten in Karlsruhe marktwirtschaftlich ins Gewissen redet, weiß jeder im Saal: Der Verbandspräsident kennt den öffentlich-rechtlichen Dinosaurier, dem er Beine machen will, in- und auswendig. Am Schalter einer Sparkasse hat er das Bankfach gelernt, dank der Sparkassenorganisation bildet sich der Bäckersohn fort und legt die Grundlage für seinen Aufstieg.

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1950 bis 1955 ist Poullain Prüfer beim Rheinischen Sparkassen- und Giroverband. Lange Jahre liegt sein Prüfgebiet an der Mosel. Dort sind viele Sparkassenkunden Weinbauern. Sie besichern ihre Kredite mit ihrem Eigenkapital: Moselwein.?Einmal, während einer besonders langen Prüfung, rief mich mein Chef an und fragte: ,Was machen Sie eigentlich so lange in Bernkastel??? erzählt Poullain. Er lächelt schelmisch. ?Logisch, dass wir den Wein auch getrunken haben. Wie wollen Sie denn sonst die Qualität der Sicherheiten für die Kredite beurteilen??Prüfen heißt unbequem sein ? um der Sache willen. Poullain findet Spaß an der Auseinandersetzung mit den Herren Vorständen. Und frech kommt weiter. 1955 prüft er die Sparkasse Solingen: ?Die hatte gerade einen neuen Vorstandsvorsitzenden bekommen, aber die waren so etwas von lahm! Also habe ich denen gehörig den Marsch geblasen.?Das spricht sich herum. Statt den kritischen Prüfer abzukanzeln, sagt ein Verwaltungsrat: ?Meckern Sie nicht, kommen Sie her! Wir haben eine Stelle frei im Vorstand.? Ludwig Poullain wechselt die Seiten. Drei Jahre später rückt er auf zur Nummer eins ? bei der Kreissparkasse in Recklinghausen. Was heute nach Provinz klingt, ist für ihn der Einstieg ins Großbankengeschäft. Recklinghausen ist der größte Landkreis der Bundesrepublik, geprägt von Schwerindustrie und (noch) viel Bergbau, dazu reichlich kreditdurstiger Mittelstand. 1964, als Poullain Recklinghausen verlässt, legt Deutschlands Bruttoinlandsprodukt um 6,8 Prozent zu, nur 169 070 Menschen sind arbeitslos. ?Man konnte so viel verändern! Das war schon toll?, schwärmt Poullain noch heute.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Poullain bekämpft den Muff unter den Talaren, mit denen er zu tun hat. Aber in den sechziger Jahren brodelt es auch um ihn herum in der vom Nazischock noch betäubten Gesellschaft. Die Jungen rebellieren gegen den Muff unter den Talaren ihrer Professoren und in der Geisteshaltung ihrer Eltern: ?Ich habe mich gefragt: Haben die nicht Recht??Poullain bekämpft den Muff unter den Talaren, mit denen er zu tun hat. 1964 wird er Vorstand bei der Landesbank für Westfalen/Girozentrale in Münster. Als Poullain am ersten Arbeitstag nach dem Mittagstisch ins Büro zurückkehrt, hat seine Sekretärin die Couch für den Mittagsschlaf bezogen. ?Die ganze Vorstandsetage wurde abgeschlossen, und die Herren machten bis 15 Uhr ein Nickerchen?, erinnert sich Poullain. Er schläft nicht, er arbeitet weiter. Im Juli 1966 wird er Generaldirektor: Mit 47 ist er im Finanzadel angekommen.Schon damit hat Ludwig Poullain das Schicksal überdehnt. Als er am 23. Dezember 1919 als Sohn eines Bäckermeisters in Lüttringhausen bei Remscheid zur Welt kommt, sind seine Chancen auf Karriere bescheiden. Der älteste Bruder würde einmal die väterliche Bäckerei übernehmen, der zweite Bruder studieren. Für einen Universitätsbesuch des dritten Sohns Ludwig reicht das väterliche Vermögen nicht.Der Vater besorgt ihm 1937 eine Lehrstelle als Bankkaufmann bei der Sparkasse in Remscheid. So ging es zu im Geldgewerbe: ?Abends wurde jede einzelne Buchung noch einmal nachgerechnet.? Oft fehlen ein paar Groschen ? gerechnet wird so lange, bis alles stimmt. ?Die meiste Zeit haben wir mit Fehlersuchen verbracht?, seufzt Poullain noch fast 60 Jahre später über das Klein-Klein.Kleinbürgerlich und kleinkariert, aber auch heil und harmonisch erscheint die Welt des Ludwig Poullain, als Adolf Hitler 1939 den Zweiten Weltkrieg anzettelt. Die Nazis reißen den jungen Mann aus seinem Idyll. Doch der Krieg zwingt Poullain auch, seinen Horizont zu erweitern ? nicht nur, weil er in eisigen Frontnächten in Russland Thomas Mann liest. Er lernt leiden, aber auch führen. Und er lernt, was für ein Geschenk es ist, frei zu sein. Noch am 8. Mai 1945 schützt die Truppe mit Oberleutnant Poullain die Flucht vieler Deutscher über die Brücke von Tangermünde. 40 000 entkommen hier noch der Roten Armee. Einer von ihnen ist der spätere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher.Im Sommer 1945 kehrt Poullain heim nach Lüttringhausen. Der 26-Jährige buddelt die Tresore seiner zerstörten Filiale aus, um arbeiten zu können. ?Ich habe die Freiheit der Demokratie erlebt an der Freiheit, arbeiten zu dürfen?, sagt er, ?das habe ich tief eingesogen.? Zu tun ist reichlich, als seine Filiale die Währungsreform vorbereitet. Des Stresses Lohn: Von den Überstundenzulagen macht er Ende 1948 erstmals Ski-Urlaub. Den Plan für seinen größten Coup schmiedet Ludwig Poullain knapp 20 Jahre später auf der Skipiste. 1968 bietet ihm Fritz Butschkau, der Direktor der Rheinischen Girozentrale in Düsseldorf, der größten Landesbank der Republik, an, seine Nachfolge zu übernehmen. Poullain erkennt die Chance: Warum dann nicht gleich beide Banken ? die Landesbank in Münster, die er schon führt, und die in Düsseldorf ? verschmelzen??Lassen Sie mich zwei Wochen Ski-Urlaub machen, dann weiß ich, wie wir es machen müssen?, sagt er. Nach den Ferien in Davos hat er die Lösung: eine Fusion nach dem Nominalkapital, 60 Prozent für die Rheinländer, 40 Prozent für die Westfalen, obwohl Erstere weit größer sind. Die Rheinländer schlucken ihren Stolz herunter, weil es um ein höheres Ziel geht: die Geburt einer nordrhein-westfälischen Großbank. Es klingt fast erstaunt, wenn Poullain erzählt, wie er zum Gründer der WestLB wurde. So funktioniert die Deutschland AG damals: Ist ein Posten zu besetzen, wird man ?ausgeguckt?, wie Poullain es nennt. Das Amt als Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes hat er 1967 auf ähnlich kungelige Weise bekommen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Franz Josef Strauß, Karl Schiller und Willy Brandt suchen Rat bei ihm.Man kennt sich eben. Die Minister Franz Josef Strauß und Karl Schiller, aber auch Kanzler Willy Brandt suchen Rat beim Sparkassenmann Poullain, der sogar der ?Bild?-Zeitung Interviews gewährt. Das verschafft ihm spöttische Spitznamen wie ?LP? für ?Langspielplatte?, aber es macht ihn international bekannt. Der WestLB-Chef ist einer der wenigen deutschen Manager, denen Magazine wie ?Fortune? oder ?Business Week? in den 70er-Jahren Porträts widmen.Ein besonderes Verhältnis verbindet Poullain mit Karl Schiller. Dass der 1972 als Wirtschafts- und Finanzminister zurücktritt, weil er Kanzler Brandt nicht von seinem Sparprogramm überzeugen kann, nötigt Poullain noch heute Respekt ab: ?Das hat Vorbildfunktion?, sagt er und erregt sich über Banker wie Josef Ackermann, die trotz eines Ermittlungsverfahrens gegen sie auf ihren Posten blieben. ?Schiller sagte mir: ,Ein guter Abgang krönt die Übung!? ? Das habe ich mir gemerkt.?1977 bekommt Poullain Gelegenheit, es seinem Vorbild Schiller nachzutun ? bei seinem zweiten Rücktritt, dem vom Chefsessel bei der WestLB. Sein erster Rücktritt jedoch ist eher überraschend als konsequent. Auf dem Sparkassentag 1969 wagt er den großen Wurf, um die Sparkassen ?aus den Klauen der Bevormundung? zu befreien: ?Sparkasseneinheit ist kein Phantom, kein Traum hoffnungsloser Idealisten?, sagt der Sparkassenpräsident. Für Vorstände fordert er Fünfjahresverträge mit Gewinnbeteiligung statt Verbeamtung.Der Oberbürgermeister von München, der spätere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel, habe ihn gefragt, ob das bedeute, dass ?sein? Sparkassenchef dann mehr verdiene als er, erzählt Poullain. ?Ich habe geantwortet: Ja, Herr Vogel, und zwar zu Recht, und zwar nicht, weil er besser ist, sondern weil er etwas anderes tut.?Vogel erinnert sich etwas anders an die Begebenheit ? nicht um die Bezahlung sei es ihm gegangen: ?Aber Poullains damalige Vorstellungen von den Sparkassen kollidierten mit den meinen: Ich war und bin der Meinung, dass die Sparkassen ihren speziellen Charakter und ihre enge Bindung zu Städten und Kommunen nicht aufgeben sollten.?Missionar Poullain hat seine Thesen an die Kirchentür genagelt, aber er findet kaum Jünger, die es wagen, ihm zu folgen. Stattdessen wird seine Lehre verkürzt auf die Parole ?Opas Sparkasse ist tot?. ?Aber ich selbst habe das nie so gesagt?, korrigiert er.Bis heute ist der Sparkassenverband gegen Fusionen zwischen den 463 Sparkassen und den acht Landesbanken. Das hat Sparkassenpräsident Dietrich Hoppenstedt immer wieder gesagt. Für Ludwig Poullain klingt das nach fehlendem Mut, und so etwas bringt ihn in Harnisch: ?Hirnrissig? sei eine solche Haltung, schnaubt er dann schon mal. Das Langsame liegt Ludwig Poullain nicht. In seiner Ungeduld liegt ein kämpferisches ?Mir nach!? Merkt er, dass er mit seinen 1,88 Metern alleine voranstürmt, mag er nicht zurückkehren, um andere abzuholen.Als Präsident von damals über 850 Sparkassen ist Poullain ungeeignet. 1972 tritt er zurück. Heute bereut er das: ?Ich dachte, ich hätte das Ding auf die Bahn gesetzt und es entwickele sich weiter, aber es kam zum Stillstand. Hätte ich meine Präsidentschaft fortgesetzt, hätte die Sparkassenorganisation heute ein total anderes Gesicht.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Er hat noch einen zweiten Grund für seinen ersten Rücktritt.Poullain hat noch einen zweiten Grund für seinen ersten Rücktritt: Er will mit ganzer Kraft den Aufbau der WestLB vorantreiben. Deren Vorstandsvorsitz übernimmt er am 1. Januar 1969. Weil die neue Bank auch in Geschäftsfeldern wie Bausparen, Kommunalkrediten und Hypotheken aktiv ist, erwächst die WestLB sofort zu einem Riesen. 1969 bringt sie es auf eine Bilanzsumme von 34 Milliarden D-Mark; die Deutsche Bank hat nur knapp 28 Milliarden D-Mark.Bloß ist die WestLB ein Goliath auf nur einem Bein: Ihr reinrassiges Bankgeschäft ist unterentwickelt. Kreditgeschäft ist nur wenig vorhanden, Industriebeteiligungen gibt es fast keine, und international ist sie ebenfalls nicht vertreten. Das wichtigste Kapital des neuen Bankchefs sind seine Visionen ? und das Desinteresse der Öffentlichkeit an ihnen.?Das Schöne war, dass die Politik von der Gründung der WestLB kaum Notiz nahm?, sagt Poullain. Er lässt, wie er sagt, ?ausschwärmen?. Die WestLB eröffnet eine Auslandsfiliale nach der anderen: London, New York, Tokio. Sie erwirbt Beteiligungen an Banken in Brasilien und Hongkong. Daheim reagieren die neuen Kunden begeistert auf den neuen Mitspieler. ?Bei Mannesmann?, erzählt Poullain, ?sagte man mir: Wir hängen in den Klauen der Deutschen Bank! Wir brauchen mehr Wettbewerb!? Wettbewerb ist Poullains Ziel: Mit der WestLB will er das Oligopol der Großbanken angreifen.Daher führt er sein Haus auch ins Beteiligungsgeschäft. Größter Coup ist die Preussag, an der die WestLB 1970 26 Prozent übernimmt. Mitte 1972 rutscht der Konzern in eine Krise. ?Die Preussag war zu einem Krämerladen geworden, der an der Haustür verkaufen musste?, erzählt Poullain. Als Aufsichtsratschef wählt er den Vorstand Günther Saßmannshausen als neuen Generaldirektor aus. Empört interveniert ein anderer Aufseher: ?Der könne nicht mal mit Messer und Gabel umgehen, hieß es. Ich antwortete: ,Der soll auch nicht fressen, der soll arbeiten!??Um einen deftigen Spruch war Poullain nie verlegen. Aber ?er hatte die Fähigkeit, Menschen mitzureißen, und seine Leute gingen für ihn durchs Feuer?, sagt Günther Saßmannshausen heute. ?In 50 Berufsjahren habe ich nur wenige Persönlichkeiten getroffen, die so außergewöhnlich waren wie Ludwig Poullain.?Die Expansion des Geschäfts bedeutet auch Risiken. ?Ich war jeden Morgen darauf gefasst, eine schreckliche Nachricht zu bekommen?, sagt Poullain. Im Oktober 1973, die Ölkrise fesselt die Weltwirtschaft, ist es so weit: Bei Devisengeschäften hat die WestLB 300 Millionen D-Mark verzockt ? fast der gesamte Jahresgewinn für 1973 ist futsch.Als 1974 alles herauskommt, geht Poullain an die Öffentlichkeit. Seine Ehrlichkeit wird honoriert: Die Kritik ebbt ab, die Gesellschafter der Bank stützen ihn. Die wahre Entlastung für den WestLB-Chef bedeutet jedoch die Schieflage einer anderen Bank: der Kölner Herstatt-Bank. Deren Schalter werden am 26. Juni 1974 von Amts wegen geschlossen. Herstatt hat sich ebenfalls im Devisengeschäft verspekuliert. Schnell erkennt Poullain, dass sich Herstatts Unglück in Glück für die WestLB wenden lässt.Hauptanteilseigner von Herstatt ist Hans Gerling, Inhaber der gleichnamigen Kölner Versicherungsgruppe. Der braucht 150 Millionen D-Mark, sonst wird seine Gerling-Global Bank geschlossen. Man trifft sich in Salzburg im Haus des Dirigenten Herbert von Karajan, mit dem Poullain gut bekannt ist. Die Zeit drängt: Den 150-Millionen-D-Mark-Kredit besiegeln beide per Handschlag. ?So etwas?, sagt Poullain, ?glaubt einem heute keiner mehr.?Lesen Sie weiter auf Seite 5: Poullain wird zum Ziel der RAF.Gerling ist gerettet. Poullains Konkurrenten aus dem privaten Lager toben: ?Wie kommen Sie dazu, sich einzumischen?? herrscht ihn ein Vorstand der Commerzbank an. Der Dünkel der Privatbankiers gegenüber dem Sparkassenaufsteiger begleitet Poullain die ganze Karriere hindurch. Er zahlt zurück mit Bewunderung und auch mit Neid ob der vornehmeren Provenienz der privaten Herren vom Schlage eines Hermann Josef Abs oder Jürgen Ponto.Zugleich wird auch Poullain zum Ziel der RAF, ?sehr quälend? sei das gewesen. Aber viel schlimmer als die Bedrohung durch den Terrorismus findet Poullain die Bedrohung durch die Politik. Seit ihrer Gründung hat er die WestLB politischer Einflussnahme entzogen. Der neue NRW-Finanzminister Friedrich Halstenberg (SPD) pocht auf eine engere Überwachung der Bank. Der Machtkampf kostet schließlich beide ihre Posten.Ende 1977 holt Poullain ein Beratervertrag mit einem Unternehmer ein. Poullain hatte für seine Dienste 1972 eine Million D-Mark erhalten ? bar in einem Koffer. Später erhält dieser Franz Josef Schmidt mehrere Kredite von der WestLB, und 1976 kommt er dank einer Kaution der WestLB sogar aus Untersuchungshaft frei. Die Staatsanwälte vermuten Steuerhinterziehung, und sie werfen Poullain vor, er sei ein Beamter, dem Nebentätigkeiten verboten seien.Der WestLB-Chef sieht das anders, und er wird auch vier Jahre später vor Gericht freigesprochen. Ordentlich versteuert hatte er die Million zudem längst.Aber der politische Druck hat ihn mürbe gemacht. Am 22. Dezember 1977 unterbricht er für einen Tag seinen Skiurlaub und tritt zurück. ?Ich habe einen gravierenden Fehler gemacht?, sagt Ludwig Poullain rückblickend, ?ich habe meine Unabhängigkeit verkauft. Als mir das klar wurde, wusste ich, dass meine Zeit zu Ende war.? Und dann war da die Verantwortung gegenüber der Bank: ?Ich hätte Tag für Tag Anlass gegeben, dass die WestLB wegen mir angreifbar gewesen wäre.?Wie es so weit kommen konnte? ?Selbstverständlich habe ich auch ein Stück weit die Bodenhaftung verloren?, gesteht Poullain. Nicht gegenüber seinem Schicksal aber empfindet er Bitterkeit ? ?all das hat mein Leben nicht zerstört, sondern bereichert? ?, sondern gegenüber den Folgen für die WestLB.Nach ihm gerät die Landesbank zurück in die Fänge der Politik. 1981 wird Friedel Neuber WestLB-Chef. Der macht die Landesbank in 20 Jahren Amtszeit zur ?Staatsbank?.Im Jahr 2004 erhält Ludwig Poullain eine Einladung: Eine Festrede soll er halten zum Abschied von Manfred Bodin, der lange Jahre die Norddeutsche Landesbank führte. Poullain schreibt die Rede auf seinem Segelboot, auf dem er noch heute viele Wochen im Jahr verbringt. Tiefer Ärger führt ihm die Feder. Gesten wie das ?Victory?-Zeichen von Deutsche-Bank-Chef Ackermann beim Mannesmann-Prozess haben den Bankier in ihm beschämt.Lesen Sie weiter auf Seite 6: Viele Banker nennt er instinktlos, taktlos, hoffärtig und arrogant. Er schickt seine Rede vorab an die Veranstalter ? und wird ausgeladen. ?Hätte ich 1969 meine Rede vorher irgendjemandem gezeigt, hätte ich sie auch nicht halten dürfen?, sagt er.Ludwig Poullain veröffentlicht die ungehaltene Rede in der ?FAZ?. Er zitiert, ?im Glashaus sitzend?, Immanuel Kant: ?Man darf sich bei Vergehungen gegen die Redlichkeit niemals auf die Schwäche der menschlichen Natur berufen; denn in der Redlichkeit kann man vollkommen sein.? Viele Banker bezichtigt er, ?instinktlos, taktlos, hoffärtig und arrogant? zu sein.Und: ?Uns in der Wirtschaft täte, Demut zu empfinden und sie auch zu zeigen, gut.?Und Ludwig Poullain erinnert an Grundsätzliches: ?Die Soziale Marktwirtschaft ist nicht nur der Generator unserer Gesellschaftsordnung, sie ist auch ihr moralisches Korsett. Gerade das Letztere gilt auch dann noch, wenn ich werte, dass die Marktwirtschaft immer noch das Substantiv und das Wörtchen ,soziale? nur das Adjektiv ist.?Lesen Sie weiter auf Seite 7: Ludwig Poullain: Sein Leben.
  • Herkunft:Ludwig Poullain wird am 23. Dezember 1919 in Lüttringhausen bei Remscheid geboren. Sein Vater ist Bäckermeister und Nachfahre einer im 18. Jahrhundert aus der Picardie eingewanderten Hugenottenfamilie. Nach dem Schulabschluss am Realgymnasium beginnt er 1937 eine Lehre als Bankkaufmann bei der Sparkasse Remscheid. 1939 bis 1945 ist er Soldat.
  • Karriere:Nach einer Fortbildung wird er 1950 Prüfer des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes. 1955 geht er als Vorstand zur Stadtsparkasse Solingen, ehe er drei Jahre später in den Vorstand der Sparkasse Recklinghausen berufen wird. 1964 wechselt er zu Landesbank für Westfalen/Girozentrale in Münster, deren Generaldirektion er 1966 übernimmt. Im Jahr darauf wird er auch Präsident des Sparkassen- und Giroverbands ? ein Amt, das er 1972 (Foto) auf eigenen Wunsch abgibt. 1968 fusioniert er die Landesbank für Westfalen mit der Rheinischen Girozentrale in Düsseldorf zur Westdeutschen Landesbank. Nach der Bilanzsumme überflügelt die WestLB zunächst sogar die Deutsche Bank.Poullain macht die WestLB zu einem aggressiven Herausforderer der etablierten Geschäftsbanken: Er führt die Bank ins Auslandsgeschäft und geht zahlreiche Unternehmensbeteiligungen ein bei Firmen wie Preussag, Gildemeister, Philip Holzmann, Beton + Monierbau und Saint Gobain.Ende 1977 tritt er als WestLB-Chef zurück, weil er für Beraterdienste eine Million D-Mark in bar angenommen hat. Vor Gericht wird er 1981 jedoch freigesprochen. Seinen Freund Max Grundig berät er 1984 bei der Fusion von dessen Firma mit der niederländischen Philips-Gruppe.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.12.2005