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Lucky Luke und der Bank-Einbruch

Von Felix Schönauer, Handelsblatt
Luqman Arnold galt als Glückspilz. Doch jetzt hat er Probleme, die britische Bank Abbey National auf Kurs zu bringen.
LONDON. Wenn es um Etikette geht, macht Luqman Arnold niemand etwas vor. Das zeigte sich auch am Donnerstag, als der Chef der dauerkriselnden britischen Hypothekenbank Abbey National plc. die Aktionäre auf der Hauptversammlung beruhigen musste. Nicht nur, dass der große Mann mit dem vollen Gesicht und der Halbglatze alle kritischen Fragen geduldig beantwortete und sogar das eine oder andere Lächeln aufblitzen ließ. Er knöpfte sich jedesmal sein Jackett zu, wenn er sich erhob und antwortete. Selbst als er sagen musste, dass ?auch 2004 die Einnahmen unter Druck bleiben?, setzte er nur leicht die Fingerkuppen gegeneinander ? und wirkte fast gelassen.Dabei steht Arnold mächtig unter Druck. Seit mehr als anderthalb Jahren muss der 54-Jährige schon die Scherben seines Vorgängers Ian Harley aufkehren, und ein Ende ist vorerst nicht in Sicht. Harley vernachlässigte das Kerngeschäft der zweitgrößten britischen Hypothekenbank im Heimatmarkt und stieg in das Corporate Banking ein, also das Geschäft mit Firmenkunden.

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Das Ergebnis fiel verheerend aus: Abbey holte sich viele riskante Kredite ins Haus, und Geschäftsbereiche waren krass überbewertet. Zweimal versuchten Konkurrenten, die strauchelnde Bank zu übernehmen. Am Ende wich Harley dem Druck der Aktionäre.Als Arnold im Oktober 2002 antrat, blieb ihm nichts anderes übrig, als den radikalen Kehraus zu wagen. Er kündigte einen Dreijahresplan an, der das Kerngeschäft im Heimatmarkt wieder beleben sollte. Er schrieb schlechte Kredite konsequent ab, verkaufte Sparten wie das Konsumkreditgeschäft First National, den Private Equity- und den Leasing-Sektor ? mit teilweise hohen Abschreibungen. Allein im ersten Jahr seiner Amtszeit reduzierte er die Sparte Corporate Banking um mehr als vier Fünftel.Der radikale Kurs spiegelte sich in der Bilanz wider: Im vergangenen Jahr wies die Bank einen Verlust von fast einer Milliarde Pfund aus. Auch in diesem Jahr konnte Arnold das Minus nur auf etwas unter 700 Millionen Pfund drücken. Das kommt nicht gut an in einem Markt, der den britischen Banken ein Rekordresultat nach dem anderen verschafft. Dabei galt der in Indien geborene Sohn eines Briten und einer Inderin lange Zeit als Glücksfall für die Bank. Zwar hatte der frühere Präsident der Schweizer Investment-Bank UBS, der sich dort mit Chairman Marcel Ospel wegen der von Arnold abgelehnten Rettung der Swissair überworfen hatte, praktisch keine Erfahrung im Retail-Banking (Privatkunden-Geschäft). Er kam jedoch mit einem Ruf als radikaler Kostensparer, als guter Kommunikator und als Mann mit der nötigen Fortüne. In der City lautet sein Spitzname, in Anlehnung an die Comicfigur Lucky Luke, ?Lucky Luqman?.Neben Glück zeichnet ihn eine große Portion Fleiß aus. So absolvierte Arnold, der in Indien und später in England aufgewachsen ist, sein Wirtschaftsstudium an der Londoner Universität auf recht unkonventionelle Weise. Er lebte in Australien und half dort vormittags auf der Farm seines Vaters aus, die dieser sich nach der Pensionierung gekauft hatte. Nachmittags las er Wirtschaftsliteratur und durfte dank einer Sondergenehmigung den Abschluss in London machen.Um die Herkulesaufgabe Abbey zu bewältigen, benötigt Arnold neben Fleiß eben auch Glück. Zwar bekräftigte er gestern tapfer, dass sich sein Haus auf einem guten Weg befinde, selbst wenn sich das noch nicht in Ergebnissen widerspiegele. Doch die Schonfrist neigt sich dem Ende zu. Die gestrigen Quartalszahlen bedeuteten schon die zweite schlechte Überraschung des Jahres, nachdem ?Shabby Abbey? (schäbige Abbey) im Februar den Verlust bekannt gegeben hatte.Die Investoren sorgt, dass sich ausgerechnet das Kerngeschäft mit den Privatkunden schlecht entwickelt. ?Damit hat Abbey sogar die eigenen niedrigen Erwartungen nicht erreicht?, sagt James Leal vom Fondsmanager Teather & Greenwood. Das Zinseinkommen bezeichnete Abbey selbst als ?unter den Erwartungen?. Und im umkämpften britischen Hypothekenmarkt konnte die Bank zwar ihren Anteil zuletzt wieder auf ein zweistelliges Niveau heben. Doch die Margen schrumpfen. Viele Kreditnehmer schichten angesichts niedriger Zinsen um. Das trifft Abbey, die mit den alten Hypothekendarlehen weitaus mehr Geld verdiente.Dazu kommen Entscheidungen Arnolds, die auf den ersten Blick wenig sensibel erscheinen. So setzte er im September eine Namensänderung durch. Für satte elf Millionen Pfund ließ er das Firmenlogo modernisieren. Seitdem nennt sich die Bank in der Öffentlichkeit schlicht Abbey. Das erzürnte die Gewerkschaften, weil er kurz zuvor verkündet hatte, er werde viele Stellen streichen. Bei den Aktionären kam nicht gut an, dass sich Arnold, obwohl die Zukunft der Bank ungewiss ist, ein Gehalt von 1,7 Millionen Pfund genehmigte. Das sind 90 Prozent mehr, als sein Vorgänger verdiente.Einige in der City glauben, dass Arnold die Bank nur aufzupolieren versucht, um sie dann zu verkaufen. Er selbst räumt sogar ein, dass dies eine glaubhafte Alternative ist. Nur, schafft er in diesem Jahr die erwartete Wende nicht, könnte er einen Verkauf schon nicht mehr in seiner Rolle als Abbey-Chef erleben. Selbst wenn Arnold bislang an den richtigen Schrauben gedreht hat: Er braucht noch viel Glück.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.04.2004