Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Louis Gallois: Der dritte Mann

Von Holger Alich und Christoph Nesshöver
Louis Gallois heißt die neue Nummer eins bei Europas Flugzeugbauer Airbus. Dass er politische Fettnäpfchen wahlweise zu umfahren oder zu umfliegen weiß, hat er mehrfach bewiesen. Und gerade seine Bescheidenheit hilft ihm, schmerzhafte Einschnitte durchzusetzen.
Louis Gallois. Foto: dpa
PARIS. Der Nächste, bitte. In weniger als hundert Tagen hat Airbus den dritten Chef verschlissen: Nach Gustav Humbert und drei Monaten mit Christian Streiff übernimmt nun Louis Gallois den Steuerknüppel beim einstigen Vorzeigeunternehmen. Gleichzeitig bleibt er Co-CEO bei der Airbus-Mutter EADS.Wieder einmal scheint Louis Gallois für ein großes Unternehmen die letzte Rettung zu sein. Was die Airbus-Eigner beruhigen dürfte: Bisher hat Gallois stets die Kurve gekriegt ? ob bei der französischen Staatsbahn SNCF oder beim Triebwerksbauer Snecma. Und das stets mit einem Lächeln ? und mit Freundlichkeit.

Die besten Jobs von allen

Drei Jahre ist es her, da feierte Gallois als SNCF-Chef den einmilliardsten Passagier des Hochgeschwindigkeitszuges TGV. Feuerwerk spie Funken, als der rote Jubelzug durch eine Papierwand brach und die Blitzlichter zuckten. Louis Gallois stand auf dem Bahnsteig, grüßte hierhin, lächelte dorthin ? nicht als Chef von allem, sondern als einer unter vielen. Das Unprätentiöse, das Bescheidene, gilt als seine große Stärke.Der 63-Jährige sei stets um Ausgleich bemüht, heißt es in Paris. Das macht Gallois zum Gegenteil seines Vorgängers Streiff. Der hatte gleich nach seinem Amtsantritt im Juli auf stur geschaltet und wollte seinen Restrukturierungsplan ?Power 8? im Alleingang durchpauken. Mit den Bedenken des künftigen Airbus-Alleinaktionärs EADS und den politischen Verflechtungen mochte er sich nicht lange aufhalten.Doch damit biss Streiff vor allem beim deutschen EADS-Co-Chef Thomas Enders auf Granit. Also warf Streiff hin und orakelt nun düster: ?Wenn die Gouvernance-Regeln von Airbus sich nicht weiterentwickeln, besteht Anlass zur Sorge um die Zukunft des Unternehmens.?Die Firma in der Krise, der politische Spielraum begrenzt, starke Gewerkschaften: Für Gallois ist so eine Situation nicht neu. Als die SNCF Mitte der 90er-Jahre im Schlamassel steckt, weil ihr Boss Loïk Le Floch-Prigent von einer Bestechungsaffäre aus seiner Zeit als Chef des Ölkonzerns Elf Aquitaine eingeholt wird, kommt Gallois ins Führerhaus. Dabei ist er wie bei EADS nur der dritte Mann ? der spätere Schneider-Electric-Chef Henri Lachmann hatte ebenso abgewinkt wie Pierre Bilger vom Anlagenbauer Alstom.Besonders mit politischen Fettnäpfchen ist Louis Gallois gut vertraut. 1996 war es, als der schlaksig wirkende Manager mit den buschigen Augenbrauen, der hohen Stirn und den markanten Ohren der konservativen Regierung von Premierminister Alain Juppé zur Hilfe eilt. Le Floch desavouiert, die Gewerkschaften auf den Barrikaden: Nichts geht mehr bei der SNCF. Louis Gallois kommt, schaut ? und vermittelt.In zehn Jahren machte er den lahmen Tanker SNCF flott, baute sogar ohne größeren Widerstand zahlreiche Stellen ab und bringt den Staatskonzern an den Rand der Gewinnzone. Und treten die Bahner doch mal in den Ausstand, ist sich Gallois nicht zu schade, sich bei genervten Fahrgästen auf den Bahnhöfen von Paris persönlich zu entschuldigen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Statt eines Mercedes ein Peugeot als Dienstwagen In diesem Sommer wiederholt sich das Muster: Als EADS-Chef Noël Forgeard im Juli wegen seiner umstrittenen Aktienverkäufe nicht mehr zu halten ist, ruft Frankreichs Rechtsregierung, für die der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern auch so etwas wie ein Staatskonzern ist, nach Gallois. Das ist erstaunlich, denn der gilt seit seinen Jahren an der Seite des wortmächtigen sozialistischen Verteidigungsministers Jean-Pierre Chevènement als Linker.Aber Gallois ist eben auch ein erwiesener ?Troubleshooter? ? nun also bei Airbus. Für Flugzeuge hegt der Ex-Bahner eine große Begeisterung, seit er Anfang der 80er-Jahre einige Zeit Chef der Aérospatiale war. Die Triebwerkstypen von Kampfjets kann er seit seiner Zeit als Snecma-Chef am Klang erkennen.Durch seine Doppelfunktion als CEO von Airbus und EADS ist Gallois nun der mächtigste Manager des krisengeschüttelten deutsch-französischen Luftfahrt- und Rüstungskonzerns auf. Denn sein deutscher Gegenpart Enders hat im neuen Organigramm von EADS seine Zuständigkeit für Airbus verloren.Angesichts des Problembergs und der Integrität von Gallois sind die Deutschen bei EADS bereit, diese Machtfülle zu akzeptieren, von der ein Noël Forgeard stets träumte. ?Nur ein Franzose kann die notwendigen Restrukturierungen in Frank-reich durchsetzen?, heißt es in diesen Tagen im Konzern.Eines der Erfolgsgeheimnisse des Radsport- und Comic-Fans Gallois: Er kann mit Gewerkschaftern. ?Wir kennen ihn gut, er pflegt den Dialog mit den Sozialpartnern?, lobt Julien Talavan, Generalsekretär der Force Ouvrière, der Mehrheitsgewerkschaft bei Airbus in Toulouse. Statt eines Mercedes fährt Gallois einen Peugeot als Dienstwagen. Als Bahnchef verdonnerte er seine Führungskräfte, zweite Klasse zu reisen. Sitzungsgelder für Aufsichtsratsmandate nahm er nicht an. ?Ich verdiene nicht viel, aber ich gebe auch nicht viel aus?, sagt Gallois. So gelang es Gallois, auch mal schmerzliche Entscheidungen durchzusetzen ? weil er glaubwürdig wirkt.Harte Schnitte werden auch bei Airbus nötig sein. Der schwache US-Dollar verhagelt Airbus die Bilanz. Und der Superjet A380 liegt zwei Jahre hinter Plan. Statt Milliarden Dollar in Cash bringt das Projekt Millionen an Konventionalstrafen. Wie die Entwicklung des neuen Langstreckenfliegers A350 finanziert werden soll, steht in den Sternen. Immerhin hat Gallois das Projekt A350 bestätigt ? sein erstes Machtwort.Als Weichspüler aber, der alles Übel von den verunsicherten Mitarbeitern fern hält, will Gallois nicht herhalten: ?Der Plan 'Power 8' wird sofort umgesetzt, es wird auch Stellenabbau geben?, kündigte er in einem Radiointerview an. Und: Wie seine Vorgänger stellt auch Gallois die anachronistische Aufgabenverteilung zwischen den Airbus-Werken offen in Frage, sagt aber auch: ?Die Anstrengungen müssen ausgeglichen zwischen beiden Ländern sein, wir werden nicht alles von dem einen und nichts von dem anderen Land verlangen.?Louis Gallois hat begriffen, wie wichtig die deutsch-französische Balance bei Airbus und EADS ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.10.2006