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Lost in Aichi

Angela Köhler, Martin Roos
Japans Kultur ist cool geworden. Mit der Expo 2005 will der Inselstaat jetzt auch Weltoffenheit beweisen. Doch die bürokratischen Hürden treiben nicht nur Deutsche zur Verzweiflung.
Japans Kultur ist cool geworden. Mit der Expo 2005 will der Inselstaat jetzt auch Weltoffenheit beweisen. Doch die bürokratischen Hürden treiben nicht nur Deutsche zur Verzweiflung

Auf so etwas stehen die Japaner. Der "Experience Ride" auf dem Gelände der Expo 2005 ist eine Mischung aus Achter- und Geisterbahn, "eine absolute Weltneuheit", schwärmt Urte Fechter, "einzigartig, technisch genial". Die 39-Jährige ist Direktorin des Deutschen Pavillons auf der Weltausstellung in Aichi. Der Experience Ride ist eine Schienenbahn made in Germany, 300 Meter lang, aus 150 Tonnen Stahl, eingebettet in eine Kulissenlandschaft aus lodernden Feuern und Urzeitvögeln. "Wir erwarten Riesenschlangen vor unserem Pavillon", ist Fechter überzeugt

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Handys wie Klopapier

Wie kaum ein anderes Land begeistert sich der Inselstaat Japan für elektronische Spiele und neueste Technologien. Internetfähige Mobiltelefone sind so gebräuchlich wie Klopapier. Mehr als 84 Millionen Handys, Notebooks, Smartphones oder PDAs sind in dem Land registriert - von den etwa 127 Millionen Einwohnern haben nur Babys, Greise und Einsiedler keins. So wird auch von den Japanern auf der Weltausstellung (25. März bis 25. September) elektronischer Budenzauber erwartet: Mit dem Bau des größten Kaleidoskops der Welt und einer Armee von über hundert sehr ernst gemeinten Funktionsrobotern, die irgendwann zum Beispiel in der Altenpflege eingesetzt werden sollen, zeigt die asiatische High-Tech-Nation, wie die übernächste Generation in Japan kommunizieren und leben wird - nämlich vor allem unter sich: "Das Land gibt sich sehr japanisch und wenig international", klagt Fechter

Schwierige Integration

Als Fachfrau der Kölnmesse International GmbH (KMI) bleibt sie - wie viele Ausländer, deren Unternehmen Mitarbeiter für Projekte nach Asien entsenden - nur befristet im Land. Über 5.000 Deutsche leben und arbeiten in Japan - zwei Drittel von ihnen für deutsche Unternehmen. Manche kommen über ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) oder andere Austauschprogramme nach Japan. Die meisten bleiben zwischen zwei und fünf Jahren.

Auch wenn sich der japanische Markt in den vergangenen Jahren für internationale Karrieren geöffnet hat, so fällt es Ausländern noch immer schwer, sich mit der Geschäftskultur zu arrangieren oder gar ins japanische Leben zu integrieren. Von keinem Ausländer wird erwartet, dass er im Kimono aufläuft, Karaoke-Abende oder Kaiten-Sushi liebt, auf Tatami-Matten hockt und Reis auf Stäbchen balanciert. Doch schon so ist der Umgang kompliziert genug - ohne gesellschaftliche Spielregeln läuft nichts in Japan, schon gar kein Geschäft (siehe Kasten Japan-Knigge).

Leichter hat es, wer wie Urte Fechter Japanisch kann. Sie hat es im Studium gelernt und versteht zumindest, wenn ihre Anliegen und Beschwerden nicht korrekt übersetzt werden. "Ich kann auch mal klar und direkt Nein sagen, was Japanern sehr schwer fällt", meint die Pavillon-Chefin.

Wiehernde Amtsschimmel

Das rund 173 Hektar große Areal der Expo in Aichi, Heimat des Autoriesen Toyota, liegt im geografischen Zentrum Japans in unmittelbarer Nähe zum internationalen Flughafen Nagoya. In nur 90 Minuten ist es mit dem Superexpresszug Shinkansen aus Tokio zu erreichen. Fechter ist genervt, wie viele der internationalen Aussteller. Die japanische Bürokratie und Kontrollsucht haben ihr zugesetzt. Für die Zeit des Aufbaus, für die Dauer der Ausstellung sowie für den Abbau hatte sich jeder Mitarbeiter jeweils separat aus Deutschland zu akkreditieren. "Da mussten Fotos gescannt werden, die dann wieder nicht die richtigen digitalen Maße hatten, viele Anträge haben wir doppelt und dreifach geschickt."

Bis Anfang März noch musste die deutsche Expo-Truppe sogar um ihr Vorzeigeprojekt fürchten. Wochenlang verzögerten sich die Testfahrten, weil die japanischen Ausrichter keinen Strom zur Verfügung stellen konnten. "Mit unserer Zuteilung hätten wir gerade einen Kühlschrank, einen Projektor und eine Kaffeemaschine in Schwung gekriegt, nicht aber diese Schienenbahn!" Ein halbes Jahr habe die Mannschaft um Strom gekämpft, obwohl die notwendigen Unterlagen lange vorher bei der zuständigen Baubehörde Nagoya eingereicht worden waren.

"Die nimmt normalerweise japanische Häuschen ab, wohl aber nicht unsere High- Tech-Bahn", vermutet die Philologin, die bereits Weltausstellungen in Hannover, Lissabon, Sevilla, Vancouver und im südkoreanischen Taejong gemanagt hat. "Dann kommen die plötzlich und verlangen, dass die Bahn erdbebensicher gemacht werden muss mit Riesendübeln, dabei hat der TÜV die Anlage geprüft und auch als bebentauglich abgenommen", meint Fechter.

Auch für Telefon und Internet haben die zuständigen Behörden bei Expo-Beginn immer noch keine Anträge bewilligt. Fechter steht da wie ein Fragezeichen: "Langsam wundere ich mich, wie die anderen Ausländer das machen. Die Konferenzen über Bauprobleme werden allesamt in Japanisch abgehalten, obwohl sie eigentlich immer Ausländer betreffen.

Wirtschaftliche Erholung

Bei der ersten japanischen Weltausstellung 1970 in Osaka kamen 70 Millionen Menschen. Dieses Mal erwarten die Gastgeber nur 15 Millionen. Das liegt nicht nur daran, dass die Attraktivität einer Expo spätestens seit der Zuschauerflaute in Hannover nachgelassen hat, sondern auch an der neuen Bescheidenheit der Japaner. Nach dem Einbruch der Kapital- und Immobilienmärkte zu Beginn der 90er Jahre und der folgenden Wirtschaftsflaute erholt sich das Land erst langsam. Die Stimmung im Land sei zum ersten Mal wieder fast so gut wie Anfang der 90er, meldet die Bank von Japan. Reformen haben es gebracht: Lebenslange Arbeitsplätze und Lohnsteigerungen gehören der Vergangenheit an. Auf dem Arbeitsmarkt werden Übergangshilfen maximal ein Jahr lang gezahlt. Über 40 Prozent der japanischen Arbeitnehmer sind heute teilzeitbeschäftigt, doppelt so viele wie vor 20 Jahren.

Hohe Preise, cooles Leben

Auch wenn die Preise für Lebensmittel (drei kleine Tomaten kosten zwei Euro, manche Zuckermelonen sagenhafte 50) und Wohnen (bis zu 1.500 Euro für eine 28-Quadratmeter-Wohnung in Tokio-City, 400 Euro für Randlagen) immer noch alle Rekorde schlagen, ist die japanische Gegenwartskultur im Kommen. "Cool" sei sie, sagen selbst japanische Kulturanthropologen. Neben der Ess- und Wohnkultur sind Animationsfilme und Mangas aus Tokioter Studios weltweit für eine ganze Generation stilbildend geworden. Schriftsteller wie Haruki Murakami und Banana Yoshimoto haben eine Fangemeinde, die sich über alle Kontinente erstreckt. Und sogar Hollywood hat Japan zuletzt mit Filmen wie "Lost in Translation", in dem der schlaflose Bill Murray die bizarre Welt Tokios entdeckt, zum Kult gemacht

Urte Fechter kämpft mehr mit dem Alltag. Selbst das Fahren in den schönen Expo-Sponsoren-Karossen gerät zum Krampf, seit ein Aussteller bei 120 Kilometern pro Stunde gestoppt und kräftig abkassiert wurde. In Japan herrscht maximal Tempo 80. "Und daran halten wir uns nach dem Malheur auch", meint Fechter. "Unsere Wagen könnten 280 Kilometer pro Stunde fahren, die restlichen 200 schenken wir den Japanern.

Vielleicht sollte sie sowieso besser Bahn fahren. Dort hat nämlich die Bundesrepublik seit Mitte März im Rahmen ihres Japan-Jahres Poster aufhängen lassen mit der mutigen Behauptung: "Deutschland ist super", daneben als Maskottchen die Maus aus der "Sendung mit der Maus". Diese lustigen Plakate sollen für ein Land werben, das in Japans Fernsehnachrichten meist als jammernd, arbeitslos, politisch blockiert und von Schiedsrichterskandalen blamiert dargestellt wird

Mehr Infos:
www.workinjapan.com (Leben)
www.jobsinjapan.com (Arbeit)
www.jinjapan.org (Kultur)

Vielleicht das Sympathischste vorweg: Wenn Sie in Japan mal wieder nichts kapieren sollten, schweigen Sie einfach. Schweigen ist herrlich. Das zumindest finden Japaner. Vor allem in Konferenzen, die in Japan nicht nur rätselhaft umständlich, sondern auch qualvoll langsam verlaufen können. Genießen Sie die Augenblicke der Stille, in der Japaner über das Gesagte und Sie vermutlich über das Nichtverstandene nachdenken. "Hai" wird viel gesagt. Doch hüten Sie sich, zu viel "hai, hai" zu sagen - was dann so viel heißt wie: Ich verstehe, genau, ah so. Japaner verstehen dann nämlich, dass Sie nichts verstanden haben und nur höflich sein wollten

Höflichkeit ist so tief im japanischen Wesen verwurzelt wie Kaiser Franz beim FC Bayern. Unhöflich ist, wer ungeduldig ist. Schnell geht deswegen nichts, und wer schnelle Entscheidungen erwartet, sollte woanders hinziehen. Vor Ablauf von zwei Jahren werden keine ernsthaften Geschäfte abgeschlossen, eine feste Geschäftsbeziehung braucht fünf Jahre. Seien Sie nett, verbeugen Sie sich. Mehrmals. Lernen Sie Demut und Geduld. Und lernen Sie Gesten. Reagieren Sie niemals mit Achselzucken. Diese Geste kennen Japaner nicht. Und wussten Sie zum Beispiel, dass sich Japaner mit einer Bewegung heranwinken, die eher "hau ab" als "komm" bedeutet - bei der also die Finger der ausgestreckten Hand nach unten weisen?

Überhaupt sollten Sie Ihre Vorstellungen, was annehmbares Verhalten sein könnte, überarbeiten. Japaner ziehen mit großer Begeisterung die Nase hoch, grunzen und spucken laut. Nase putzen gilt dagegen als anstößig. Die Sitten sind vor allem für westliche Frauen gewöhnungsbedürftig. Ob bei freien Plätzen im Bus oder beim Türaufhalten - Männer genießen den Vorrang. Und wenn Sie als Frau von einem Japaner im Zug stundenlang angestarrt oder sogar begrapscht werden, erwarten Sie keine Hilfe. Eine wirksame Antwort auf derartige Übergriffe ist wütend brüllen. Sollte Ihnen das peinlich sein, gehen Sie. Ist der Zug aber überfüllt und Sie wollen etwas sagen wie "Entschuldigung, ich möchte vorbei", tun Sie es nonverbal durch eine Kombination aus Verbeugung und mehrfach kurz hintereinander angedeuteten Karateschlägen. Rutscht Ihnen dabei möglicherweise die Karatehand gegen Ihren Belästiger aus, schweigen Sie einfach. Japaner lieben es zu schweigen.
(mse)
Dieser Artikel ist erschienen am 27.04.2005