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Londons mysteriöser Superbanker

Von Michael Maisch
Investmentbanker Roger Jenkins zählt zu den Top-Verdienern Londons. Von seinem Arbeitgeber, der Großbank Barclays, soll er im vergangenen Jahr 40 Millionen Pfund kassiert haben soll. Damit verdiente Jenkins 2006 mehr als der gesamte Vorstand von Barclays zusammengenommen. Die Londoner City hat ihm einen wenig schmeichelhaften Spitznamen verpasst.
LONDON. Dijana Jenkins gehört zu der Gesellschaftsklasse, die man gemeinhin Jet-Set nennt, und das ganz wörtlich. Für das britische Klatschmagazin ?Glamour? posierte die blonde Bosnierin Anfang dieses Jahres in ihrem 6 400 Pfund teuren Nerz-Poncho auf den Stufen eines Privatjets und ließ die wartenden Journalisten wissen, dass das Fliegen in der eigenen Maschine, sobald man es einmal probiert habe, süchtig mache.Die Gefahr, dass die Dame, die unter anderem das Supermodel Cindy Crawford zu ihrem Freundeskreis zählt, demnächst auf das exklusive Vergnügen über den Wolken verzichten muss, ist ziemlich gering. Denn bei der 35-Jährigen handelt es sich um die Gemahlin von Roger Jenkins und der gehörte im vergangenen Jahr zur absoluten Spitzengruppe der Spitzenverdiener im britischen Bankgeschäft. Was konkret heißt, dass Jenkins von seinem Arbeitgeber, der Großbank Barclays, 40 Millionen Pfund kassiert haben soll, pro Monat wären das knapp 3,3 Mill. Pfund und pro Tag über 100 000 Pfund, allein für diese Summe müsste der deutsche Durchschnittsarbeitnehmer mehr als drei Jahre arbeiten.

Die besten Jobs von allen

So viel Geld dürfte selbst Andrej Schewtschenko beeindrucken, den russischen Stürmerstar des FC Chelsea, an den soll das Ehepaar Jenkins sein sieben Millionen Pfund teures Anwesen in der Grafschaft Surrey verkauft haben. Obdachlos sind die Jenkins? dadurch allerdings nicht geworden, zwei Wohnungen in London und ein Anwesen in Malibu sollen die beiden nach wie vor ihr Eigen nennen, wenn man der Klatschpresse Glauben schenken darf.Auch für Jenkins obersten Boss, John Varley, sind 40 Millionen Pfund viel Geld, schließlich verdiente Jenkins damit im Jahr 2006 mehr als der gesamte Vorstand von Barclays zusammengenommen. Ganz genau weiß allerdings keiner, wie viel Varley tatsächlich auf Jenkins Konto überwiesen hat. Denn im Gegensatz zu seiner extrovertierten Frau, die laut dem Society-Magazin ?Tatler? zu den 50 beliebtesten Gästen im exklusiven Londoner Party-Circuit gehört, ist Roger Jenkins ausgesprochen diskret, genau so wie es sich für einen seriösen Financier gehört. Bei so viel Verschwiegenheit bekommt die Erscheinung des Über-Bankers von Barclays in den vielen Erzählungen und Berichten, die über ihn in der Londoner Finanzszene die Runde machen, fast schon etwas mystisches.Jenkins offizieller Titel lautet Head of Principal Investing and Private Equity, damit wäre er der Chef des Beteiligungsgeschäfts von Barclays. Doch tatsächlich hat er sich seinen Namen vor allem als ausgesprochen ausgefuchster Fachmann für komplizierte Finanzierungen gemacht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gewinnen wollte Jenkins schon früherDie City hat dem hageren Mann, mit dem markanten kahlen Schädel den wenig schmeichelhaften Spitznamen ?Dodger? verpasst. Das kann man wahlweise mit ?Herumtreiber? oder mit ?Schwindler? übersetzen, tatsächlich lässt sich Jenkins Alias aber auf den ?Tax-Dodger?, den Steuerhinterzieher zurückführen. Jenkins Team entwickelt für Barclays und die Kunden der Bank komplexe Finanzierungsstrukturen, die sicherstellen sollen, dass bei Übernahmen und anderen Transaktionen möglichst wenig Geld an den Fiskus fließt. Jede größere Bank unterhält solche Structured-Finance-Teams, aber nicht nur Jenkins Gehalt, auch sein Spitzname, zeigt, dass die Barclays-Mannschaft zu den erfolgreichsten Spielern auf diesem Feld zählt, mit völlig legalen Methoden übrigens.Der heute 51-jährige Jenkins gilt in der Londoner City als ausgesprochen ehrgeizig und detailversessen. Gewinnen wollte er schon früher. 1973 trat der Schotte bei den internationalen britischen Meisterschaften für sein kleines Heimatland im 400-Meter-Lauf an und holte immerhin die Bronzemedaille. Gold ging an seinen Bruder David, das damalige Wunderkind der britischen Leichtathletik. David Jenkins gewann einen Europameistertitel über 400 Meter und holte 1972 in München die Silbermedaille über diese Distanz, bevor er des Dopings überführt wurde und wegen des Handels mit Steroiden und anderen verbotenen Substanzen sogar für zehn Monate ins Gefängnis musste. Heute ist David Jenkins ein erfolgreicher Geschäftsmann, der ironischerweise mit Sportlernahrung sein Geld verdient. Jenkins, der Banker, ist heute noch stolz darauf, dass die Rekorde, die er und sein Bruder als Schüler aufgestellt haben, nach wie vor halten.Bei Jenkins anderem Rekord, seinem enormen Gehalt, hebt sich selbst in der in Sachen Bonuszahlungen an vieles gewöhnten Londoner City die ein oder andere Augenbraue. Nach den fetten Jahren der Vergangenheit stehen die Banker in der Finanzmetropole ohnehin unter Rechtfertigungsdruck. 2006 überwiesen die Geldhäuser in der City ihren Angestellten 8,8 Mrd. Pfund, das ist mehr als die Wirtschaftsleistung von Island. Gegenüber dem ohnehin schon guten Vorjahr verdienten die Banker noch einmal gut 18 Prozent mehr. Das weckt Neid und Missgunst und ruft sogar die Politik auf den Plan. Die stellvertretende Vorsitzende der Labourpartei, Harriet Harrma, nannte die Zahlungen im vergangenen Jahr ?übertrieben und lächerlich?.Aber glaubt man den hartnäckigen Spekulationen in der Finanzszene, dann hat Barclays durchaus Grund, seinem bestbezahlten Angestellten dankbar zu sein. In den schwierigen Zeiten nach dem Platzen der großen Aktienblase 2001 soll vor allem Jenkins Mannschaft dafür gesorgt haben, dass das Investment-Banking von Barclays schwarze Zahlen schrieb. 2002 soll Jenkins Team mehr als 100 Prozent der Gewinne von Barclays Capital eingefahren haben. Was natürlich heißen würde, dass der Rest der Investmentbanker in diesem Jahr Verluste angehäuft hätte. Auch diese Zahlen sind unbestätigt, aber sie machen den Mythos des Barclays-Banker noch eine Spur interessanter.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Hohe Bonuszahlungen. Geldschwemme: Nicht nur die britische Großbank Barclays hat im vergangenen Jahr ihre besten Investmentbanker mit Geld überschüttet. Im Schnitt haben die Institute in der britischen Finanzmetropole 2006 jedem ihrer Angestellten einen Bonus von 100 000 Pfund ausgezahlt. Aber natürlich täuscht diese Betrachtungsweise, denn über Spitzengehälter durften sich nur Banker freuen, die auch Spitzenleistungen gebracht haben. Die Experten des Londoner Centre for Economics and Business Research (CEBR) schätzen, dass 2006 rund 4 200 Banker jeweils einen Bonus von einer Million Pfund oder mehr kassiert haben.Trendwende: Die Analysten des CEBR gehen bislang davon aus, dass in diesem Jahr der Bonus-rekord von 2007 sogar noch gebrochen werden kann. Allerdings stammt diese Schätzung aus der Zeit vor dem großen Einbruch an den Kreditmärkten, der die Branche zutiefst verunsichert hat. Tatsächlich fürchten viele Investmentbanker inzwischen, dass die Bonustöpfe in diesem Jahr deutlich weniger gut gefüllt sein werden als noch vor zwölf Monaten. Sollte der große Boom der vergangenen Jahre tatsächlich zu Ende gehen, könnten auch Jobs in Gefahr geraten. 2006 stieg die Zahl der Beschäftigten in der Londoner City auf den neuen Rekordstand von 338 500.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.08.2007