Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

London - bloody cool

Frank Matthias Drost, Martin Roos
Foto: BTA Frankfurt / Main
Für viele ist sie the place to be – der absolute Topspot in Europa. International, bunt, jung, reich, kreativ und szenig. Doch in kaum einer anderen Stadt der Welt ist das Leben so teuer wie in London.
Für viele ist sie the place to be – der absolute Topspot in Europa. International, bunt, jung, reich, kreativ und szenig. Doch in kaum einer anderen Stadt der Welt ist das Leben so teuer wie in London.

In der Tube sitzt die ganze Welt - in der Londoner U-Bahn, einem ratternden Panoptikum der Menschheit. Aus Kapstadt und Wellington kommen sie oder aus Tokio und Rio, aus Bombay, Peking oder Omsk. Augen, Nasen, Hautfarben, Haare, Gesichter, die früher nur Abenteurer auf jahrelangen Fahrten zu den Winkeln der Welt zu entdecken vermochten, sitzen täglich in der Tube - auf ihren Wegen durch die sieben Millionen Einwohner zählende Metropole an der Themse.

Die besten Jobs von allen


Englisch verbindet sie alle. Der Rest ist babylonisches Wortgewirr, mehr als 200 Sprachen; da muss es niemanden verwundern, dass es in London leichter ist, 15 Finnen zu finden, die Vietnamesisch sprechen, als in Helsinki.

?London ist verdammt stressig. Jeden Morgen die überfüllten U-Bahnen. Und dann der Dreck. Die Luft ist schlecht?, sagt Wolfgang Starz, einer von 38.000 Deutschen, die in der Stadt leben, 20.000 von ihnen aus beruflichen Gründen. Weg aus London will der 30-Jährige aus Aalen auf keinen Fall. Denn die Vielfalt der englischen Weltstadt fasziniert ihn mehr als die Sauberkeit, die er aus seiner schwäbischen Heimat gewohnt ist.

Die sagen einfach nichts

?Schon die Toleranz scheint in London viel größer zu sein. Hier wird jeder gelassen. Schauen Sie zum Beispiel mich an.? Ein Zwei- Meter-Mann, großes Kreuz, aber auch großer Bauch, dicke Backen und Hände breit wie Waffeleisen. ?In Deutschland wird man mit so einem Aussehen geärgert.? In London nicht. Nicht weil die Engländer so viel höflicher sind, ?die sagen nur einfach nichts?.

Nach seinem wirtschaftsmathematischen Studium in Ulm begann Starz als Aktienoptionshändler bei der Bankgesellschaft Berlin. Ende 1999 wechselte er zu Dresdner Kleinwort Wasserstein mitten in die Londoner City. Im Finanzzentrum haben sich die Banken riesige Gebäude errichtet, wilde Türme wie das Lloyds Building, das von einem Wulst silberner Rohre, in denen sich die Leitungen der Gebäudetechnik befinden, ummantelt ist. Und immer wieder in den Häuserschluchten alte, viel kleinere Bankhäuser mit ehrwürdigen Fassaden oder auch Markthallen, bunt bemalt - Zeitzeugen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Als Risikocontroller verfolgt Starz den größten Teil seines Tages im Trading Floor vor flimmernden Bildschirmen die Kursentwicklung an der Börse. ?Ich wollte international arbeiten und mit dieser Erfahrung meine Karrierechancen verbessern?, sagt er. ?Hier habe ich als Investmentbanker ein erheblich höheres Gehalt als in Deutschland, und Englisch kann ich nun auch viel besser.?

Anders als in Deutschland wird Starz als Alleinlebender in England vom Staat finanziell nicht mehr geschröpft als eine Familie: Egal ob Single oder verheiratet und mit einem oder zwei Kindern: Wer im Jahr zum Beispiel 100.000 Mark verdient, bekommt etwa 74.000 Mark netto heraus.

Europas Börse Nummer Eins

London ist der Finanzplatz mit der größten Börse Europas. Keine Bank und Versicherung, die etwas auf sich hält, kann es sich leisten, die City zu ignorieren. Ein knappes Drittel der 3,7 Millionen Erwerbstätigen Londons arbeitet bei Finanzdienstleistern. Vor zehn Jahren war es nur ein Viertel.

Zwar schlagen sich die einheimischen Banken wie HSBC, Lloyds TSB, Barclays oder Abbey National im Privatkundengeschäft hervorragend, doch im lukrativeren Investmentbanking dominieren ausländische Institute wie Morgan Stanley Dean Witter, Goldman Sachs, Merrill Lynch, UBS Warburg oder JP Morgan. Dass Großbritannien nicht zur Euro-Zone gehört, hat sich bislang nicht als Nachteil für diesen Wirtschaftszweig herausgestellt.

Limousinen statt Ratten

Starz wohnt in der Nähe von Canary Wharf, dem neuen, hippen Bürodistrikt in den Docklands an der Themse, dem aufgeputzten alten Hafen. Starz? Stadtteil heißt Isle of Dogs, in dem vor gut zehn Jahren nicht nur die Straßenköter, sondern auch die Ratten auf der Straße Fangen spielten und heute Limousinen über das Kopfsteinpflaster rollen.

Dass er fast 3.000 Mark für seine 50-Quadratmeter-Wohnung zahlt, kann nicht verwundern in einer Stadt, in der schon ein Käsebrot mit Speck an einer Sandwichbude bis zu neun Mark kostet. Wer eine Zweizimmerwohnung in der Londoner Innenstadt kaufen will, muss über 520.000 Mark hinblättern. Die königliche Metropole gehört zu den Top Ten der teuersten Städte der Welt - Ranglistenplatz acht. Die relativ hohen Einkommen, insbesondere im Finanzzentrum, haben die Häuserpreise in den vergangenen zwei Jahren um über ein Drittel steigen lassen, seit 1990 um sogar 60 Prozent.

Das hat fatale Folgen. Zehntausende von Geringverdienern - Polizisten, Busschaffner und Krankenschwestern - können sich das Leben in der britischen Hauptstadt nicht mehr leisten. Viele von ihnen wohnen inzwischen bei Verwandten, in Wohngemeinschaften oder wieder bei ihren Eltern auf beengtem Raum.

Das Selbstbewusstsein der City-Promoter wird dadurch kein bißchen getrübt. ?Die Leute kommen nach London, weil das der Platz ist, wo sie sein möchten?, sagt Judith Salomon, Chief Executive der Wirtschaftsförderung ?London First?. Gleichzeitig gesteht sie jedoch, dass sich viele Leute gerade wegen der hohen Preise für Kleidung, Lebensmittel und Wohnraum gegen London entscheiden.

Dem Big Business ist das egal. Neben der Bedeutung als Finanzzentrum hat sich London auch als attraktiver Standort für Industrieunternehmen gemausert. Maßgeblich durch Fusionen und Übernahmen sind in London und Umgebung Weltmarktführer entstanden. Dazu gehören beispielsweise die Mobilfunkgesellschaft Vodafone, der Werbegigant WPP mit seinen Agenturen J. Walter Thompson und Ogilvy & Mather sowie die Pharmagiganten Glaxo Smithkline sowie AstraZeneca.

Klonen erlaubt

Nicht unbescheiden nimmt die Stadt für sich auch in Anspruch, die biotechnologische Hochburg Europas zu sein. Mit 10,5 Prozent aller Direktinvestitionen ausländischer Konzerne - in Gebäude sowie Forschungs- und Entwicklungsprojekte - nehmen die Londoner ebenfalls einen Spitzenplatz ein. Über die Hälfte aller klinischen Versuche in Europa finden in Großbritannien und schwerpunktmäßig in der Hauptstadt statt. Das hat eine Studie des Wirtschaftsprüfers Ernst & Young, der European Investment Monitor 2000 ergeben.

Mit der Entscheidung des britischen Parlaments, das Klonen embryonaler Stammzellen zu erlauben, dürfte diese Branche weiterhin an Bedeutung gewinnen.

?Die meisten Wissenschaftler in Europa wollen in London Vorträge halten und sich hier einem Fachpublikum präsentieren. Für ihr berufliches Weiterkommen ist das unerlässlich?, sagt Britta Eickholt. Seit März 2000 arbeitet die 31-Jährige im King?s College an der London Bridge in der Entwicklungsneurobiologie. Sie betreut zwei Doktoranden.

1995 kam Eickholt mit Hilfe eines Stipendiums vom ?Medical Research Council? - das englische Gegenstück zur Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) - für ihre Doktorarbeit nach London. Pro Jahr bekam sie 30.000 Mark. Direkt nach dem Abschluss, Anfang 1998, erhielt sie eine Stelle als ?Postdoctoral Fellow? in den Laboren des Londoner Guy?s Hospital.

?Als Studentin bin ich in drei Jahren viermal umgezogen?, sagt die Düsseldorferin. Meistens musste sie gehen, weil sie kein Geld mehr hatte: ?Die können hier ja den Mietpreis beliebig und wann sie wollen erhöhen.? Vor zwei Jahren hat sie sich mit ihrem Mann, einem Engländer, für 240.000 Mark schließlich eine 70-Quadratmeter-Wohnung im Stadtteil ?Borough? gekauft. Die Wohnung ist heute fast das Doppelte wert.

Englisch ist schräg

Eickholt will unter allen Umständen in London bleiben. Auch wenn oder gerade weil vieles so britisch ist, das Bier so schön abgestanden aussieht, die Männer auch mit vierzig noch in ihren Konfirmationsanzügen herumlaufen, man sich für alles entschuldigt, sich am Wochenende die Volksdroge Fußball reindröhnt oder die ?Sun? liest, das größte Revolverblatt im Sonnensystem - ausgestattet mit dem schlechtesten Geschmack und der größten Leserschaft.

?Hier gibt es ein so riesiges Angebot an Unterhaltung, Kultur und Clubs - einfach klasse! Da geht schon die meiste Zeit drauf, um die Veranstaltungskalender zu lesen?, sagt die Biologin.

Kulturfreaks kommen auf ihre Kosten. Die Stadt hat über 300 Galerien und Museen. Ein gewaltiger neuer Kulturtempel ist das umgebaute Elektrizitätsversorgungswerk, in dem sich das in London zurzeit wohl eindrucksvollste Museum für moderne Kunst, die Tate Modern, befindet.

Vor allem die Musikszene begeistert die Deutschen. Im Großraum London gibt es mehr als 400.000 Musiker. Die Atmosphäre der Stadt wirkt inspirierend, und Kreativität lässt sich in London sehr leicht ausleben. Britta Eickholt selbst spielt Viola in einer achtköpfigen Band, tritt mit jüdischer, mazedonischer und galizischer Musik in Bars, Clubs und Pubs auf. Engagements in den großen Westend- Theatern und Musicalhäusern sind allerdings noch weit, ?unerreichbar weit?.

150 große Konzerthallen hat die Stadt, Platz für 60.000 Zuschauer; und wer sich rechtzeitig um Tickets kümmert, kann zurzeit bei einem Konzert des London Philharmonic Orchestra den Interpretationen eines deutschen Meisters lauschen: Ex-Gewandhauskapellmeister Kurt Masur. Enttäuscht wird jedoch, wer nach einem Musicalbesuch den Abend mit einem traditionellen Lager in einem Pub besiegeln will. Um 23 Uhr ist Schluss, dann geht der Londoner nach Hause.

Skandal um den Dome

Ganz geschlossen hat nun der Millennium Dome, der riesige Pavillon mit Freizeitpark und Themenarchitektur, überdacht mit einer 50 Meter hohen Zeltkonstruktion, die einen Umfang von 1.000 Metern hat. Den Dome besuchten im vergangenen Jahr mehr als 6,5 Millionen Menschen und machten es mit Abstand zur größten Touristenattraktion Großbritanniens. Doch es kam nur knapp die Hälfte der prognostizierten Besucher, die dennoch stundenlang Schlange stehen mussten. Ein neuer Investor für den Dome ist noch nicht gefunden. Es wird sogar diskutiert, ob man ihn nicht am besten wieder abreißt.

Die Londoner scheint das wenig zu stören. Viele sind sogar ?very amused?. Klar, der Engländer liebt das Gefühl, über sich selbst lachen zu können. Angeblich tut er das aber nur, um den anderen die Freude zu nehmen, über ihn zu lachen. Das zumindest sagen die Engländer.

FRISCHLINKS

www.jungekarriere.com/london/arbeitgeber: Unternehmen, die in London Jobs anbieten

www.jungekarriere.com/auslandsstudium: Studieren in Großbritannien

www.german.advicecentre.btinternet.co.uk: Ratgeber für Einwanderer und Englandneulinge

www.whichuni.hobsons.com: Suchmaschine: Was kann ich wo studieren?

www.london.edu: London Business School (LBS), RegentŽs Park London, NW1 4SA, England

www.business.city.ac.uk: City University Business School (CUBS), Frobisher Crescent Barbican Centre, London, EC2Y 8HB, England

www.jungekarriere.com/mba: Infos zu den MBA- Programmen der London Business School

www.daad.de: ?Studienführer Großbritannien, Irland? des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), DAAD-Büro London T info@daad.org.uk

www.thesis.co.uk: Allgemeine Studienhinweise

www.britcoun.org: Tipps des British Council über Land und Hochschulsystem

www.britcoun.de: Homepage British Council / Deutsch

www.german-embassy.org.uk/directory_of_german-british_co.html: German Information Centre, Adressen von Organisationen aus dem Bereich der deutsch-britischen Zusammenarbeit

www.germanbritishchamber.co.uk: Deutsch-Britische Handelskammer, Suche nach Business-Informationen

www.londoncareers.net: Jobs und Karriere in London

www.ipl.co.uk/recruit.html: Recruitment-Informationen

www.firstdivisionjobs.com: Ferienjobs in England

Jobvermittlung in England:
www.jobs.ac.uk
www.jobsunlimited.co.uk
www.jobsearch.co.uk
www.jobserve.com
www.jobs-it.net
www.netjobs.co.uk

Dieser Artikel ist erschienen am 21.02.2001