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Lieber privat?

Erhard Drengemann
Nach den ersten Gehaltssprüngen stellt sich vielen die entscheidende Versicherungsfrage: Welcher Anbieter erfüllt am besten und am billigsten meine Ansprüche an einen optimalen Krankenschutz? Keine leichte Entscheidung - zumal sie fast für ein Leben bindet.
Lohnsteuer, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Krankenkassenbeitrag - die Abzüge auf der Gehaltsabrechnung nehmen mittlerweile stolze Ausmaße an. Nicht wenige Versicherte geraten angesichts dieses stetig wachsenden Postens auf ihrer monatlichen Abrechnung ins Grübeln. Allein im Jahr 2000 wechselten über 1,2 Millionen Beitragszahler von einer teuren in eine günstigere Kasse. Und viele dürften bei der Gelegenheit auch gleich mit dem Gedanken an einen Systemwechsel spielen - raus aus der GKV und hin zu den privaten Krankenversicherern, kurz PKV. Denn diese werben nicht nur mit günstigeren Beiträgen, sondern auch mit mehr Leistung.

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Tatsächlich können die rund 40 Anbieter für Kranken-Vollversicherungen fast jeden Leistungsumfang bieten, von dem ein GKV-Patient nur träumen kann: von der Unterbringung im Zwei- oder gar Einbett-Zimmer im Krankenhaus mit aufmerksamer Chefarztbehandlung über die bevorzugte Warteliste beim Hausarzt, restriktionsfreie Medikamentenverordnung bis hin zu alternativen Behandlungsmethoden.

Das Füllhorn der PKV bietet für jeden etwas - vorausgesetzt, er ist bereit, dafür auch eine ordentliche Prämie zu bezahlen. Die Mehrheit der Privatversicherten setzt jedoch auf Konfektion und bescheidet sich mit Zweibett-Zimmern und hohen, aber nicht höchsten Erstattungsgrenzen bei Zahnbehandlung und -ersatz.

Richtig sparen kann man in der PKV-Tariflandschaft dann, wenn man sich auf das Leistungsniveau der GKV hinabbegibt. Die so genannten Einsteigertarife, in der Regel bereits geschnürte Leistungspäckchen ohne Extrawürste, bieten sich vor allem dann an, wenn das eigene Budget noch knapp bemessen und die Gesundheit noch stabil ist.

Das Gehalt entscheidet

Doch längst nicht jeder, der gerne möchte, kann auch in die Private wechseln. Alle Arbeitnehmer, die weniger als 78.300 Mark im Jahr oder 6.525 Mark pro Monat verdienen, sind Pflichtversicherte. Sie gehören grundsätzlich in die GKV. Wählen kann man im Prinzip aber auch hier: zwischen den gesetzlichen Krankenkassen wie der AOK, Ersatzkassen wie Barmer oder Techniker und den Betriebskrankenkassen (BKK).

Das Leistungsspektrum dieser gesetzlichen Krankenversicherer ist ähnlich, die Beitragssätze schwanken zurzeit zwischen elf und 15 Prozent des Bruttogehalts. Die niedrigsten Sätze können sich die BKKs wegen ihres nur sehr sporadischen Geschäftsstellennetzes leisten.

Wer mehr als 78.300 Mark im Jahr verdient, ist freiwillig versichert. Er kann wählen, ob er Mitglied der GKV bleiben oder in die PKV wechseln will.

Selbstständige können sich grundsätzlich nur in der PKV absichern. Einzige Ausnahme: Wer vor einer Existenzgründung Mitglied der GKV war, kann auch als Selbstständiger dort bleiben.

Für Beamte gelten Sonderregeln: Sie sind über die so genannte Beihilfe kostenlos krankenversichert. Allerdings erstattet die Beihilfe - je nach Familiensituation - nur bis zu 70 Prozent der Krankheitskosten. Für den übrigen Teil bietet die PKV so genannte Restkostentarife an.

Erst denken, dann kündigen

Der Schritt in das Lager der privaten Krankenversicherer ist in der Regel für das gesamte Leben bindend. Für eine solche Entscheidung sollte man sich also schon ein bisschen Zeit nehmen, denn Vor- und Nachteile gibt es auf beiden Seiten:

Für die GKV sprechen die beitragsfreie Mitversicherung für Ehepartner und Kinder, die aus politischen Gründen nicht beliebig steigerungsfähigen Beiträge und - eingeschränkt - die günstige Krankenversicherung für Rentner.

Nicht zu unterschätzen ist der Vorteil, dass die Kasse bei der Beantragung der Mitgliedschaft keine Fragen nach dem Gesundheitszustand stellt. Denn bei den Privaten führt jegliche Vorerkrankung entweder zum Ausschluss von Leistungen, zu deftigen Zuschlägen im Beitrag - egal, ob der Bänderriss, die Nasenverkrümmung oder die Migräneanfälle den Patienten noch belasten oder nicht - oder gar zur Ablehnung des Aufnahemeantrags.

Nachteile des staatlich organisierten Krankensystems sind vor allem das eingeschränkte Leistungsniveau und die Willkür staatlichen Zugriffs. Der Umbau des gesamten Systems ist ja schon seit längerem in der Diskussion - Ergebnis noch offen.

Für die PKV sprechen die individuelle Leistungszusammenstellung sowie die finanzielle Unabhängigkeit von Arbeitsmarkt und Politik. Nachteilig sind die Unwägbarkeiten hinsichtlich der Lebensdauer des Systems - vor allem unter europäischen Harmonisierungsgesichtspunkten - sowie die Notwendigkeit, für jedes Familienmitglied eine gesonderte Police abschließen und damit auch entsprechende Beiträge zahlen zu müssen.

Das Problem der im Alter stark steigenden Beiträge scheinen die privaten Versicherer mittlerweile im Griff zu haben. Was bleibt, ist das Risiko von Zuschlägen und Ausschlüssen bestimmter Krankheiten bei Vertragsannahme.

Ein pauschales Pro oder Contra für das eine oder andere System kann es also nicht geben. Es kommt auf die individuellen Gegebenheiten und - vor allem - auf die persönliche Lebensplanung an.

Kinder in Planung?

So ist ein gut verdienender Single, der absehbar auch immer ohne Familie bleiben will, in der PKV sicher gut aufgehoben. Ein Arbeitnehmer mit Frau und zwei (geplanten) Kindern sollte dagegen ruhig Mitglied der GKV bleiben, das ist für ihn das Günstigste.

Will er die magere GKV-Leistung aufpeppen, bieten die privaten Krankenversicherer viele Möglichkeiten, über Zusatzversicherungen das Niveau guter privater Krankenvollversicherungen zu erreichen. So kann er die Vorteile beider Systeme - Beitragsfreiheit für die Familie und ein breites Leistungsspektrum - nutzen.

Ob sich ein solches Modell rechnet, muss jeder Versicherte für sich austüfteln. Ohne ein gutes Stück Spekulation und Risikobereitschaft - wer weiß schon, ob ihm in zehn Jahren nicht der Traumpartner für die Familiengründung über den Weg läuft oder die gesetzliche Krankenversicherung auf ein kaum akzeptables Minimum heruntergefahren wird - kann man diese Entscheidung nicht fällen.

Junge Karriere hat die wichtigsten Lebensumstände nach Alter, Einkommen und Stand der Familienplanung in einem Entscheidungsraster zusammengestellt. Am Ende finden Sie einen Vorschlag für das eine oder andere System. In manchen Fällen ist noch Feintuning zum Beispiel bei der Ausgestaltung der Zusatzversicherungen angesagt. Das ist dann die Aufgabe eines qualifizierten Versicherungsmaklers.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.10.2001