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Lieber im eigenen Land studieren

Kerstin Schneider
Für die meisten deutschen Studenten scheint der Heimathafen Deutschland immer noch der sicherste zu sein. Die vertraute Sprache sprechen, dazu Familie und Freunde, und dann ist da auch noch der Nebenjob. Ins Ausland zieht zu Studienzwecken nur rund ein Viertel der Studenten und dann auch noch bevorzugt in die Nachbarländer Großbritannien und Frankreich. Und das, obwohl immer mehr Unternehmen Auslandsaufenthalte und Sprachenkenntnisse zur Einstellungsvoraussetzung machen und sie für eine Karriere unerlässlich sind.

Wer ist mobil? Wer nicht? Eine Studie von Hochschul-Informations-System (HIS) hat bei den Studenten im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im Wintersemester 2006/07 genau auf die Reisepläne geschaut. Im Januar 2007 wurden 5.000 Studenten in einer deutschlandweiten repräsentativen Online-Studie befragt.

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Die Ergebnisse: Nur 23 Prozent der deutschen Studenten haben studienbezogene Auslandsaufenthalte absolviert, 77 Prozent dagegen nicht oder noch nicht. Die Zahlen wurden am Donnerstag bei einer Fachkonferenz in Berlin veröffentlicht. Die Befragung ist Teil einer vom Bundesministerium für Forschung und Bildung und vom DAAD initiierten Kampagne "Go out! Studieren weltweit". Sie will mehr Studenten zu einem Studienaufenthalt im Ausland motivieren. Immerhin planen 42 Prozent der Studenten noch einen Aufenthalt in anderen Ländern. 35 Prozent lehnen ein Studium dort ab.

Laut DAAD wurde die Auslandsmobilität zum ersten Mal in so differenzierter Form erfasst. Für die meisten ist das Auslandsstudium am wichtigsten; jeder zweite deutsche Student war an einer Hochschule im Ausland eingeschrieben. Rund zwei Fünftel absolvierten ein Auslandspraktikum, 13 Prozent belegten einen Sprachkurs und zwölf Prozent nahmen an Exkursionen teil. Sechs Prozent arbeiteten an Studienprojekten im Ausland mit, und drei Prozent belegten Summer Schools.

Wenn die Studenten auszogen, dann oft nach nebenan: Zwei Drittel zieht es nach Westeuropa mit Frankreich und Großbritannien an der Spitze, gefolgt von Italien, Schweden, der Schweiz und Irland. 13 Prozent waren in den USA und Kanada und nur zehn Prozent in Osteuropa, vor allem Polen und Russland. Für den DAAD heißt das konkret, dass mehr Werbung für die Osteuropaprogramme gemacht werden muss, etwa für das bestehende "Go east"-Programm. Und dass auch neue Partnerprogramme mit ostasiatischen Unis aufgelegt werden müssen. Deutlich immobiler sind FH-Studenten: Während 30 Prozent der Uni-Studenten zu Studienzwecken ins Ausland gingen, waren es an den Fachhochschulen nur 18 Prozent.

Für viele sind einfach die Hürden zu hoch: Fast zehn Prozent aller Studierenden scheitern schon bei den Vorbereitungen für ein Studium im Ausland. Sie gaben an, dass die Finanzierung nicht gesichert sei, vermissten aber auch Hilfe. "Die Studenten brauchen Unterstützung, um zu wissen, was optimal in welcher Phase des Studiums ist", sagt Claudius Habbich, Referent beim DAAD. "Viele Studenten vermissen Beratungsangebote an den Hochschulen."

Weitere Daten sollen erst in einer zweiten Auswertung erfolgen, wie Ulrich Heublein vom HIS erklärt. Zum einen, was die soziale Herkunft für einen Einfluss hat. Aber auch, ob es typische Nesthocker unter den Studenten gibt. Und ob jene, die schon als Schüler im Ausland waren, generell mobiler sind. Die Studie soll in zwei Jahren wiederholt werden, dann werden auch die Finanzierungsmodelle der Studenten abgefragt, um zu wissen, ob die Studierenden über Stipendien oder eigene Mittel ihren Auslandsaufenthalt finanzieren.

Absolventen mit Weitblick sind bei vielen Unternehmen gefragt. Martin Haasis, Ansprechpartner für Studenten und Absolventen beim Konzern Haniel, macht deutlich: "Wir halten es als globales Unternehmen für wichtig, dass Studenten einen Teil ihres Studiums oder ein Praktikum im Ausland verbracht haben. Wir brauchen Leute, die international aufgestellt sind."

Hehres Ziel der "Go out"-Initiative ist, dass künftig 50 Prozent der Studenten einen Auslandsaufenthalt vorweisen können und 20 Prozent dort auch einen Teil ihres fachlichen Studiums absolvieren. Die Unternehmen wird das freuen.

Mehr Infos zur Initiative "Handelsblatt macht Schule" findet Ihr hier.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.05.2007