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Lieber flach als platt

Stefanie Bilen
Vor drei Jahren stand das Traditionsunternehmen Loewe vor dem Aus. Bildröhrenfernseher waren out - alle Welt wollte Flachbildschirme. Kurz vor der Funkausstellung wird der letzte große deutsche Elektronikhersteller wieder für Innovationen und Design gefeiert.
Zig Mal hat er diesen Satz schon gehört, und jedes Mal runzelt sich seine Stirn. "Wir haben den Trend nicht verschlafen", sagt Roland Bohl. "Irgendwann hat das mal ein Journalist behauptet, und seitdem schreiben es alle." Aber er räumt ein: "Wir haben die Marktentwicklung falsch eingeschätzt. Das hat niemand vorhersehen können."
Bohl, Entwicklungsleiter beim Fernsehhersteller Loewe, spricht über das Jahr 2003, als es bergab geht mit dem Traditionsunternehmen aus dem fränkischen Kronach. Die Kunden wollen keine riesigen Bildröhren mehr - Loewes Paradedisziplin. Sie verlangen Flachbildschirme. Der Umsatz des Unternehmens bricht um ein Viertel ein, Loewe macht einen operativen Verlust von 33,3 Millionen Euro.
Heute, drei Jahre später, scheint die Sendestörung überwunden. Zur Funkausstellung Anfang September in Berlin sendet das 1923 von Siegmund und David Ludwig Loewe gegründete fränkische Unternehmen wieder deutliche Lebenssignale aus. Schon im März hatte das Management unter der Überschrift "Loewe auf dem Weg zu alter Stärke" für 2005 wieder Gewinn gemeldet. Im ersten Halbjahr 2006 hat der Hersteller sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern sogar von minus 2,8 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum auf plus 8,1 Millionen Euro hochgetrieben. Die in Kronach angesiedelte Fertigung ist mittlerweile komplett auf Flachbildgeräte umgestellt, das letzte Röhrenmodell im Mai vom Band gelaufen.

Zum karriere-Urteil

Stierischer TurnAround

Das wäre 2003 noch unvorstellbar gewesen. Damals hat der Premiumhersteller, der einen Designpreis nach dem anderen abräumt, mit 400.000 verkauften Fernsehern gerade das beste Jahr aller Zeiten hinter sich und will an den Erfolg anknüpfen. Doch plötzlich bleibt die Loewe AG, deren Produkte schon immer bis zu 20 Prozent teurer waren als die der Konkurrenz, auf ihren exklusiven Röhrenfernsehern sitzen. "Auf einmal galten alle flachen Geräte als edel", erinnert sich Bohl. "Egal, welche Technik dahinter?steckte. Sogar wenn irgendeine billige chinesische Marke draufklebte." Die wenigen Flachbildschirme, die das Unternehmen schon 1998 als Plasma- und 2000 als LCD-Gerät lanciert hatte, laufen nicht. Zu teuer, heißt es.
Doch fürs Hadern und Zetern bleibt dem Unternehmen keine Zeit. Das Loewe-Management krempelt die Ärmel hoch und entwickelt ein Sanierungskonzept mit dem Namen Taurus. Taurus wie Stier. Der heute 39-jährige Roland Bohl sitzt mit im Krisenteam. Zu dieser Zeit ist er Abteilungsleiter der TV-Entwicklung - und "voll betroffen" von den Veränderungen: "Wir hatten es mit einem Technologie-Umbruch zu tun. Das hat die Entwicklung stärker getroffen als andere Bereiche."
Seit 1989 ist der Ingenieur der Nachrichtentechnik im Unternehmen, gleich nach seinem Ingenieurstudium an der Fachhochschule Coburg steigt der in Kronach geborene Franke ein. Drei Bewerbungen hatte er nach seinem Abschluss abgeschickt: zu Bosch, zu Siemens - und zu Loewe. "Wir Franken sind bodenständig", betont er lächelnd. Sein Chef, Technik-Vorstand Gerhard Schaas und ebenfalls ein Franke, arbeitet bereits seit 1973 im Unternehmen. Im 18.000-Einwohner-Städtchen Kronach ist Loewe mit rund 1.000 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber.
Wenn Bohl erzählt, reihen sich Wörter wie "Dechnologie", "Blasmabildschirm" und "Dörnaround" schnell und flüssig aneinander - oder eben "Daurus". "Wir haben uns die Finger wund gerechnet: Welche Konzepte können wir mit welchem Aufwand und welchen Investitionen umsetzen?" Die Schlussfolgerungen von Taurus: Das Marketing muss stärker in den Mittelpunkt gerückt, die Entwicklung muss vorangetrieben, die Produkte müssen technologisch besser werden.
Parallel dazu kann der Vorstandsvorsitzende und damalige Mehrheitsaktionär Rainer Hecker den japanischen Wettbewerber Sharp vom Einstieg überzeugen. Nach zwei Kapitalerhöhungen hält der Elektronikkonzern heute 28,8 Prozent und lässt einen Teil seiner Fernsehgeräte von Loewe fertigen. Dennoch verordnet Taurus strenge Diät: 2004 müssen alle Angestellten dem Betrieb ein Monatsgehalt stunden, die Arbeiter ein halbes. In den Jahren 2005 und 2006 verzichtet die Belegschaft auf zehn Prozent ihres Gehalts.

Die besten Jobs von allen


Produktoffensive zur WM

Der Sanierungsplan gerät zum Eiertanz: Es muss gespart werden - und zugleich investiert. Zehn der rund 100 Entwickler verlieren ihren Job, insgesamt trennt Loewe sich von 300 seiner damals 1.250 Mitarbeiter. "Einen Teil der Kollegen entlassen zu müssen und den Rest bei der Stange zu halten, das war das Schwierigste überhaupt", sagt Ingenieur Bohl. Denn insbesondere die Entwickler können jetzt nicht die Hände in den Schoß legen. In einer gewaltigen Produktoffensive bringen die Loewe-Tüftler innerhalb kurzer Zeit 20 neue Produkte heraus - alles Flachbildschirme.
Genau zur rechten Zeit: Die Fußball-WM hat für einen kräftigen Schub im Markt gesorgt, zudem investieren jetzt viele Haushalte in ein flaches Gerät, die in den Jahren des Technologiewandels aus Unsicherheit abgewartet hatten. Auch die geplante Mehrwertsteuer?erhöhung im kommenden Jahr sorgt dafür, dass die Deutschen länger geplante Käufe vorziehen. 2005 ist der Markt um 16 Prozent gewachsen, für das laufende Jahr wird eine ähnliche Steigerung erwartet.
Um ein möglichst großes Stück vom Kuchen abzubekommen, arbeiten Bohl und seine Leute auf Hochtouren: Sämtliche Geräte empfangen analoge und digitale Signale ohne zusätzliche Receiver. Auch für das hochauflösende Fernsehen HDTV, das sich in den nächsten Jahren durchsetzen soll, sind die Geräte gerüstet. Zudem können sie, was bislang kaum ein Konkurrent kann: zum Beispiel Werbeunterbrechungen ausblenden und Sendungen stoppen, um sie später an der gleichen Stelle fortzusetzen, dank integriertem Festplattenrecorder. Erst im Mai zeichnete eine Jury Loewe als "The most innovative Brand of the year 2006" im Videosegment aus. In Sachen Design haben die Franken ohnehin wieder die Nase vorn. So wurde die Modellreihe Individual, bei der die Kunden Farben, Oberflächen, Materialien und Aufstellvarianten bestimmen können, bei der Cebit mit dem Design-Oscar iF gold award ausgezeichnet. Zur bevorstehenden IFA in Berlin wird Loewe nach dem Individual auch ein passendes Soundsystem präsentieren. Branchenkenner sind sich einig, dass Loewe den technologischen Vorsprung braucht, um seine hohen Preise zu rechtfertigen: Ein Modell der meistverkauften Linie Xelos kostet zwischen 800 und 4.100 Euro, ein mit Swarovski-Strasssteinen besetzter Flachbildschirm ("hochkarätige Fernsehunterhaltung") mit 80-Zentimeter-Bilddiagonale in limitierter Auflage von 1.000 Stück ist für 5.000 Euro zu haben. Zum Vergleich: Der Durchschnittspreis eines TV-Geräts liegt in Europa bei 544 Euro.

Deutsch-Japanische Freundschaft

Für Loewes Überlebensfähigkeit spricht sicherlich, dass es seit jeher ein zuverlässiger Partner ist, sei es für den Einzelhandel oder seine Designagentur Phoenix. Seit fast 20 Jahren arbeitet das Unternehmen mit der Stuttgarter Kreativfirma zusammen. Das klingt wie ein Jahrhundert in der schnelllebigen Werbewelt. Vielleicht ist es auch diese Eigenschaft, die die Asiaten an den Oberfranken schätzen. Der Sharp-Konzern hat sich nämlich nicht nur Anteile an Loewe gesichert, er finanziert bis Ende 2007 auch 30 Entwickler-Arbeitsplätze in Kronach. In einem so genannten Joint-Development-Center arbeiten die Loewe-Leute zusammen mit drei Japanern an der Chassis-Entwicklung, was mit der Motorenentwicklung eines Autoherstellers zu vergleichen ist. Bereichsleiter Bohl erfüllt diese Zusammenarbeit mit besonderem Stolz. "Hätten wir Sharp nicht von unserer Technologiekompetenz überzeugen können, wären damals weitere Arbeitsplätze gestrichen worden", sagt er im Rückblick. Aber offensichtlich haben die Japaner "dechnologisch Inderessandes" vorgefunden.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.10.2006