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Liebe in Zeiten des Umzugs

Jennifer Nötges
Nach dem Abi stehen viele Partner vor der Zerreißprobe: Zusammenleben oder Fernbeziehung? Was Paare tun, damit ihre Liebe nicht auf der Strecke bleibt.
Aga und Andreas sind ein Traumpaar. Sie halten Händchen, beenden die Sätze des anderen und sind überhaupt total verliebt. In ihren Augen schimmert schon das kleine Häuschen mit Garten, in dem sie ihre Kinder großziehen wollen. Aga und Andreas möchten zusammen bleiben, für immer, am liebsten rund um die Uhr

Aga und Andreas
Entscheidung fürs Leben:
Zu dir oder zu mir?
Wäre da nicht das Abitur. Und die bange Frage: Was kommt danach? ZVS und Zivildienst drohen den beiden einen dicken Strich durch ihre Lebensplanung zu machen. Aga möchte Pharmazie studieren, ein zulassungsbeschränktes Fach. Wo, entscheidet die Zentralvergabestelle für Studienplätze (ZVS). Andreas könnte sich für sein Physikstudium dann einfach da einschreiben, wo Aga landet. Theoretisch. Doch erst einmal steht der Zivildienst an. Wo er ihn antreten darf, steht auch für Andreas in den Sternen. Die Behörden lassen sich Zeit. Dass da in Paderborn zwei auf heißen Kohlen sitzen, lässt die Bürokraten kalt. "Das macht mir Angst", gesteht Andreas. "Wenn ich meinen Zivi anfangen muss, noch bevor Aga ihren Studienbescheid hat, habe ich keine Ahnung, was wir machen sollen.

Die besten Jobs von allen


So wie den beiden geht es vielen Abi-Pärchen. Neben dem ganz normalen Abi-Wahnsinn müssen sie sich auch noch mit der Zukunft ihrer Liebe herumschlagen: Fernbeziehung oder gemeinsame Wohnung? Wer zieht zu wem? Wie passen Zivi, Praktika und Ausland in unseren Plan? Haben wir überhaupt einen Plan? Oder lohnt sich die Beziehung vielleicht gar nicht mehr? Für und Wider wollen sorgfältig abgewogen werden, denn die Wahl, die sie treffen, ist eine Entscheidung fürs Leben

Modell 1: Wochenendglück.
Vor zwei Jahren standen Maren und Felix vor eben diesen Fragen. Fest stand: Die beiden Sauerländer wollten auf jeden Fall zusammenbleiben. Fest stand für sie aber auch: "Jeder muss sein eigenes Ding durchziehen, sonst ärgern wir uns noch mit 50 darüber."
Maren und Felix
Lieben auf Distanz: Wenn die Küsse Trauer tragen
Maren entschied sich für ein Biologiestudium, Felix für BWL. Bei der ZVS-Bewerbung gaben sie ähnliche Städtewünsche an. "Vielleicht klappt's", hofften sie.

Es klappte nicht. Für Maren hieß es "Ab nach Bonn", während Felix im hessischen Gießen landete. Ein kleiner Schock. Gerechnet hatten sie mit einer Entfernung wie Köln-Bonn; stattdessen verbringen sie nun endlose Stunden im Zug, richtig nah sind sie sich nur am Wochenende. Liebe auf Distanz. "Das Rumreisen nervt schon sehr", gibt Felix zu. Dass so eine Fernbeziehung sogar ihre Vorzüge haben kann, weiß er allerdings inzwischen auch: "Wir haben alles, was wir uns wünschen. Unter der Woche können wir tun und lassen, was wir wollen, und am Wochenende haben wir dann das Schöne an einer Beziehung." Liebe von der Schokoseite

Alltag kommt bei dem Paar so gut wie gar nicht vor, den anderen zu sehen ist immer etwas Besonderes. Und doch bedeutet so eine Fernbeziehung vor allem eins: Stress. Um die Wochenenden genießen zu können, müssen Maren und Felix alle Uni-Aufgaben werktags erledigt haben. Nichts, gar nichts darf liegen bleiben. Und wenn sie dann zusammen sind, gibt es immer noch Freunde, die bedacht werden wollen. Da rennt einem ganz schön die Zeit davon. In Klausurphasen sehen sich die beiden manchmal wochenlang nicht. Liebe nach Terminkalender

In solchen Zeiten plagt die Sehnsucht und nagt die Eifersucht. Den anderen nicht sehen, nicht anfassen zu können, zerrt an den Nerven. Telefon und SMS sind auf Dauer kein Ersatz. Der Partner ist weit weg - wer weiß, was er gerade tut. "Am Anfang war es ganz schlimm mit der Eifersucht", gesteht Felix. "Als ich noch nicht einschätzen konnte, wer nur ein Kumpel ist und wen sie vielleicht doch interessanter finden könnte." Doch die Routine heilt auch Fracksausen. Die beiden besuchen sich so oft, dass es einfach keine schwarzen Löcher mehr in ihrem Leben gibt

Maren könnte inzwischen nach Gießen wechseln. Trotzdem möchten die beiden lieber, dass alles so bleibt, wie es ist. Maren will ihre Freunde in Bonn nicht aufgeben, und die Uni findet sie "super". Außerdem, sagt sie, "hält die Distanz unsere Beziehung frisch". Auch Felix ist nicht scharf auf Vorehe-Alltag: "Ich habe keine Lust, mit 20 zu leben wie ein altes Ehepaar und mich darüber zu unterhalten, wer einkaufen soll und wer den Abwasch macht.

Rechnung mit vielen Unbekannten.
Aga und Andreas könnten sich eine Wochenendbeziehung nach dem Modell Maren/Felix kaum vorstellen. Viel zu sehr kleben die beiden aneinander. Auch nach anderthalb Jahren Beziehung fällt es ihnen schwer, länger als ein paar Stunden getrennt zu sein, von Tagen und Nächten ganz zu schweigen. "Ich weiß auch nicht, ob wir die Kraft hätten, uns die Wochenenden so freizuschaufeln wie Felix und Maren", überlegt Andreas.

Um ihre Chancen auf eine gemeinsame Zukunft auszuloten, haben sich die Abiturienten erst mal ganz praktisch weitergeholfen. Aga kopierte eine große Deutschlandkarte und markierte alle Orte, an denen sie Pharmazie studieren könnte. Danach pickte Andreas die Unis raus, die zusätzlich Physik anbieten. Jetzt kommt es darauf an, wo die ZVS Aga hinsteckt. Zwar erwartet sie ein gutes Abitur, aber doch keines, mit dem sie sich den Studienort frei aussuchen kann. Bevor sie allerdings faule Kompromisse macht, steckt sie lieber zurück - der Liebe wegen: "Wenn ich an eine Uni komme, wo wir überhaupt nicht hinwollen, mache ich erst mal ein Jahr lang etwas anderes und versuche danach, woanders unterzukommen." Dort, wo Andreas ist

Vor der trüben Aussicht, sich zwischen Zusammenleben und Studienwahl entscheiden zu müssen, drücken sich die beiden bislang. Wirklich planen können sie sowieso nicht bevor Zivildienst oder ZVS Bescheid geben. Also bleibt ihnen vorerst nichts, als sich die Zukunft weiter auszumalen. Am liebsten in rosigen Farben. "Wir haben das mit dem Zusammenleben auch schon ausprobiert", erzählt Aga stolz. "Gut, es waren nur ein paar Wochen im Urlaub, aber da haben wir super harmoniert." Allerdings hatten sie auch bisher nie kritische Situationen zu überstehen, gibt Andreas zu. "Im Alltag entstehen dann bestimmt noch einmal ganz neue Streitpunkte." Die Nagelprobe steht den beiden noch bevor

Modell 2: Leben unter einem Dach.
Wo es überall krachen kann in einer Beziehung, da kennen sich Melanie und Patrick bereits bestens aus. Seit vier Jahren sind die Studenten der Medienwirtschaft zusammen, letztes Jahr zogen sie gemeinsam nach Siegen. Dort wohnt das Paar gemeinsam und studiert auch noch dasselbe Fach. Sie verbringen praktisch jede Minute miteinander. Und plötzlich kabbeln sie sich darüber, in welchem Regal der Tee am besten steht

"Man muss schon sehr viele Kompromisse eingehen, wenn man zusammenleben möchte", gibt Melanie zu bedenken. Wenn es nicht der Tee ist, dann ist es die Zahnpastatube, die der andere nie zuschraubt, oder der Müll, der seit Tagen vor sich hin modert. "Aber du hast deine Bezugsperson jederzeit direkt bei dir und hast immer jemanden zum Reden. Das ist dann wieder sehr schön.

Auch für Melanie und Patrick war das Allerwichtigste, den perfekten Studienplatz zu finden. Beworben haben sie sich deshalb erst mal unabhängig voneinander. "Dass wir beide in Siegen gelandet sind, war wirklich reines Glück", erzählt Patrick. Heute, nach dem ersten gemeinsamen Studienjahr, sind sie sich noch immer sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben - allen Streitereien um die Teedosen zum Trotz

Melanie und Patrick leben ihre eigene Philosophie. Sie wissen, wo die Gemeinsamkeiten enden und die Freiheit des anderen beginnt. Jeder braucht sein eigenes Leben, seine eigenen Freunde und eigenen Ziele. Darauf legen sie genauso viel Wert wie Maren und Felix. "Wir sehen uns eher als WG", sagt Melanie. "Jeder hat sein Zimmer, damit wir uns auch mal zurückziehen können. Mit Anfang 20 sind wir doch viel zu jung, um das alles ganz fest zu sehen. Damit können wir in zehn Jahren immer noch anfangen.

Im Moment suchen sie sogar nach einer echten WG, in die sie einziehen möchten. Das typische Studentenleben nämlich, mit vielen Freunden unter einem Dach, wollen sie sich nicht durch die Lappen gehen lassen. Natürlich reagieren die meisten Wohngemeinschaften erst mal skeptisch darauf, ein Pärchen bei sich aufzunehmen. Nichts, so wissen erfahrene WGler, ist tödlicher als Beziehungsstress in der Bude. Aber Melanie und Patrick sind sich sicher: "Wenn man das Ganze so locker sieht wie wir, dann gibt es da gar keine Probleme.

Wissen was man will.
In dieser Lockerheit liegt wahrscheinlich der Schlüssel für die meisten glücklichen Paare. Ob Fernbeziehung, gemeinsame Wohnung oder irgendetwas dazwischen: Um flexible Lösungen kommt ein Paar nicht herum, wenn sich das Leben so drastisch ändert, wie es das nach dem Abitur unweigerlich tut

"Du musst wissen, was für ein Typ du bist", rät Felix, "Kannst du fünf Tage pro Woche enthaltsam leben? Wie groß ist deine Eifersucht?" Wer seinen Partner schon nach einer halben Stunde schmerzlich vermisst, für den wird eine Fernbeziehung hart werden. Umgekehrt passen Feuer und Wasser schlecht unter ein Dach. "Wenn einer Ordnungsfanatiker ist und einer schlampig, wird es stressig zusammen", weiß die WG-erfahrene Melanie

Klare Regeln und eine große Portion Toleranz müssen her. Tägliche Streitereien um Putzpläne und Einkaufslisten sind so überflüssig wie nervtötend. Wer die häuslichen Macken des anderen nicht erträgt, sollte das mit dem gemeinsamen Wohnen noch einmal ernsthaft überdenken. Zu schade wäre es, wenn die Beziehung an der sprichwörtlichen Zahnpastatube zerbräche

Jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse. Der eine braucht mehr Freiraum, der andere vielleicht mehr Nähe. Da muss jedes Paar seinen eigenen Mittelweg finden. Wobei auch eine gemeinsame Wohnung, wie Melanie und Patrick zeigen, noch Freiheiten lassen kann. "Wer im Studium zusammenlebt, der hängt ja auch nicht 365 Tage im Jahr aufeinander", erklärt Patrick. "Knapp die Hälfte des Jahres sind Semesterferien: Da macht man Praktika oder arbeitet oder verreist auch mal getrennt.

Möglichkeiten, die Beziehung auch nach der Schulzeit aufrechtzuerhalten, gibt es jedenfalls reichlich. Dass andere es auch geschafft haben, macht die Entscheidung für Abi-Pärchen vielleicht etwas leichter. Selbst wenn der Traum vom gemeinsamen Heim nicht sofort in Erfüllung geht: Studententicket, Billigflieger und ein starker Wille lassen auch größere Distanzen schmelzen.
Aga und Andreas träumen weiterhin vom Leben zu zweit, aber sie wollen alles ein bisschen lockerer angehen. In einem jedenfalls sind sich die beiden einig: "Wenn wir das hinkriegen, dann schaffen wir wirklich alles!"

Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2006