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Liebe auf den zweiten Blick

Ulrike Heitze
Zur Riester-Rente gibt es mit Rürup jetzt eine zweite Form der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge. Und inzwischen auch einige Dutzend Produkte dazu. karriere zeigt, für wen sich eine Rürup-Police lohnt und wer mit einem Riester-Produkt besser fährt.
Zu einem eigenen Verb hat es Bert Rürup noch nicht gebracht - bislang "riestert" man hierzulande nur. Aber der Wirtschaftsweise, dem die von ihm initiierte neue Basisrente ihren Namen verdankt, glaubt fest an den durchschlagenden Erfolg seines Babys. Seit Januar, mit dem In-Kraft-Treten des Alterseinkünftegesetzes, ist die Rürup-Rente neben der 2002 eingeführten Riester-Rente eine zweite Möglichkeit, privat fürs Alter vorzusorgen und dafür staatliche Finanzspritzen zu kassieren. Und trotz diverser Einschränkungen sind beide Varianten deutlich besser als ihr Ruf.
Jetzt, ein halbes Jahr nach In-Kraft-Treten des Gesetzes, hat die Versicherungswirtschaft gut drei Dutzend Rürup-Produkte auf den Markt gebracht: Ausgangspunkt für die staatliche Förderung ist dabei eine private Rentenversicherung, in die ein Sparer während seiner Erwerbsphase Beiträge einzahlt. Im Alter wird daraus eine lebenslange monatliche Rente finanziert


Verzinsung nicht der Rede wert

Die Rendite dieser Vorsorgeform ergibt sich dabei aus der Verzinsung der Police durch das Versicherungsunternehmen plus der staatlichen Förderung. "Wie erste Analysen zeigen, rechnen die Versicherungsgesellschaften in ihren Offerten sehr vorsichtig", stellt Tom Friess, Geschäftsführer des VZ Vermögenszentrums, fest. "Die Unternehmen schlagen selbst bei den neuen Sterbetafeln zusätzlich fünf bis sieben Jahre Puffer drauf. Das reduziert die zukünftige Rentenleistung - teilweise sogar erheblich." Denn das eingezahlte Geld muss theoretisch länger halten und die in Aussicht gestellten späteren Monatsrenten fallen so niedriger aus - egal, ob der Rentner tatsächlich so lange lebt oder nicht.
Darüber hinaus erhalten Anleger bei einer klassischen Rentenpolice zwar einen garantierten Zins von 2,75 Prozent - aber nur auf ihre Sparleistung, berechnet aus dem eingezahlten Kapital abzüglich aller Kosten. "Da bleibt ein effektiver Garantiezins von höchstens anderthalb Prozent", rechnet Friess vor. Zwar stellen die Versicherer höhere Renditen von vier bis fünf Prozent durch Überschussbeteiligungen in Aussicht. Aber die sind eben nicht garantiert und können über die 20, 30 Jahre Laufzeit heftig schwanken oder sogar ausfallen.


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Steuer-Sparmodell Rürup

Weil die Produkte selbst so geringe Zinsen abwerfen, rentieren sich Rürup-Verträge nur über den Steuervorteil. Sparer können die Beiträge zur neuen Basisrente teilweise von der Steuer absetzen und müssen erst im Alter - mit dann hoffentlich niedrigerem Steuersatz - die monatliche Rente versteuern. In 2005 bleiben bereits 60 Prozent aller Aufwendungen steuerfrei, maximal 12.000 Euro. Bis 2025 steigt dieser Betrag sukzessive auf 100 Prozent (maximal 20.000 Euro).
Die Crux dabei: Zu dem 12.000-Euro-Topf zählen neben den Prämien für die Rürup-Produkte auch die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge für die gesetzliche Rente sowie Einzahlungen in berufsständische Versorgungswerke. So wird gerade bei gut verdienenden Arbeitnehmern schon ein guter Teil der 12.000 Euro allein durch die Überweisungen in die gesetzliche Rentenkasse aufgebraucht. Geringverdienern bleibt dagegen mehr Spielraum (siehe Tabelle rechts) - was Rürup für sie durchaus interessant macht.
Am meisten aber profitieren Selbstständige: Mangels Beiträgen zur gesetzlichen Rente könnten sie den Freibetrag voll mit Rürup-Prämien füllen. Zurzeit hat dieser Vorteil allerdings noch einen kleinen Haken namens "Günstigerprüfung", die noch bis 2019 vom Finanzamt durchgeführt wird: Bislang durften Selbstständige sämtliche Beiträge zur Altersvorsorge, privaten Krankenversicherung et cetera bis zu 5.069 Euro pro Jahr absetzen. Nach neuem Recht gibt es für die Altersvorsorge den 12.000-Euro-Topf sowie ein Sonderausgaben-Budget von 2.400 Euro für Krankenkasse und beispielsweise alte Lebens- und Rentenpolicen (bei Arbeitnehmern und Beamten: 1.500 Euro).
Fährt ein Sparer mit der alten Regel besser, wird diese angewandt, und der 12.000-Euro-Topf entfällt. Die Rürup-Beiträge würden dann aus versteuertem Einkommen zu zahlen sein. Da aber auch die aus dem Vertrag gezahlte Rente im Alter besteuert wird, käme es zu einer Doppelbesteuerung. Ob und wie der Gesetzgeber diese Kuh vom Eis zu holen gedenkt, ist noch nicht geklärt. Vor diesem Hintergrund profitieren also zurzeit diejenigen Selbstständigen vom Rürup-Steuervorteil, die bislang erst wenig vorgesorgt haben und die bei der Günstigerprüfung deshalb ohnehin nach neuem Recht besteuert würden.
Da die Rürup-Kommission die Basis-Rente quasi als Kopie der gesetzlichen Rente entworfen hat, erweist sie sich an vielen Stellen als ähnlich sperrig. So darf der Vertrag erst ab 60 ausgezahlt werden, und zwar nur in Form einer monatlichen Rente. Eine Kapitalauszahlung ist genauso wenig vorgesehen wie Beleihen oder Übertragen.
Die ursprünglich strikte Nichtvererbbarkeit - stirbt der Sparer früh, ist das Geld futsch - wurde leicht nachgebessert. An Ehepartner und kindergeldberechtigte Kinder kann das dann noch übrige Sparguthaben als monatliche Rente ausgezahlt werden. Zusätzlich lässt sich Berufsunfähigkeits- und Hinterbliebenenschutz (teuer) dazukaufen. Positiv sind der Insolvenz- und Hartz IV-Schutz zu bewerten.


Schönheits-OP für Riester

Parallel zur Einführung der Basis-Rente peppte man auch den bisherigen Ladenhüter Riester-Rente auf. Von den 33 Millionen förderfähigen Sparern konnte sich laut dem Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA) nämlich bislang nur jeder fünfte für einen Riester-Vertrag erwärmen. Hauptargument der "Verweigerer": zu kompliziert.
Der Gesetzgeber zog seine Konsequenz aus der Verkaufsschlappe und besserte nach. Herausgekommen ist eine durchaus vorzeigbare Sparform, mit der man zwar nur kleine Beträge fürs Alter ansparen kann, von der aber breite Bevölkerungsschichten profitieren. Ihre Rendite erwirtschaften Riester-Verträge gleich über drei Faktoren: über die Produktverzinsung durch die Anbieter, über staatliche Zulagen, die in den jeweiligen Vertrag fließen, und über die Absetzbarkeit der Beiträge.
In Sachen Produktrendite reicht die Palette je nach Sparform von null bis acht Prozent: Wer über einen Banksparplan riestert - besonders geeignet für ältere oder unentschlossene Sparer -, erhält zurzeit vier bis fünf Prozent. Riester-Versicherungsprodukte kommen da selbst inklusive Überschussbeteiligungen zurzeit eher selten heran. Immerhin bieten sie Sparern eine, wenn auch maue, Garantieverzinsung von meist 2,75 Prozent, während man bei den anderen Produkten nur die Rückzahlung von Kapital und Zulagen zugesichert bekommt.
Rentabler und risikoreicher, aber gerade für junge Leute mit langlaufenden Verträgen gut geeignet sind Riester-Fondsspar?pläne. Je nach Aktienanteil und Professionalität der Gesellschaft sind dabei deutlich über fünf Prozent zu erwirtschaften.


Deadline für Männer

Sparer, die sich für den Kauf eines Riester-Produktes entscheiden, sollten noch in diesem Jahr zur Tat schreiten - zumindest, wenn sie männlich sind. Denn ab kommendem Jahr dürfen für Neuverträge nur noch Tarife mit gleichen Preisen und Leistungen für Männlein und Weiblein angeboten werden.
Bislang fielen die Frauen-Renten immer etwa 15 Prozent niedriger aus, weil Frauen statistisch länger leben und die Rente länger reichen muss. Die Unisex-Tarife führen nach Schätzungen der DIA bei Männern zu Preissteigerungen von zehn bis 20 Prozent. Das drückt die Rentabilität deutlich.
Das schlagende Verkaufsargument für Riester-Verträge sind aber ohnehin nicht die Produktrenditen, sondern die staatliche Förderung: Wer dieses Jahr zwei Prozent seines Vorjahres-Bruttoeinkommens in einen Riester-Vertrag einzahlt (2006/2007: drei Prozent, ab 2008: vier Prozent), bekommt 76 Euro Grundzulage plus 92 Euro pro Kind geschenkt. 2006 und 2007 gibt es pro Jahr 114 Euro Grundzulage und 138 Euro pro Sprössling (ab 2008: 154/185 Euro). Und da die Zuschüsse zudem mit der notwendigen Eigenleistung verrechnet werden, muss ein Sparer deutlich weniger als die zwei Prozent vom Einkommen aus eigenen Mitteln investieren.
Das entscheidende Bonbon für Gutverdiener ist die steuerliche Absetzbarkeit der Beiträge - bis zu 1.050 Euro allein in diesem Jahr (2006/2007: 1.575, ab 2008: 2.100 Euro). Das erspart einem Anleger bei einem Einkommen von 52.500 Euro fast 400 Euro Steuern - die beispielsweise in einem anderen Sparvertrag weitere Zinsen erwirtschaften könnten.


Klippen abgebaut

Seit ihrer Renovierung im Januar haben die Riester-Produkte deutlich an Flexibilität gewonnen. So darf man jetzt einmalig zu Beginn der Rente, frühestens mit 60 Jahren, 30 Prozent Kapital entnehmen, bevor es den Rest nur noch in monatlichen Raten bis zum Lebensende gibt. Und immerhin sind Riester-Produkte Hartz-IV-sicher, vererbbar und können zumindest vorübergehend für den Immobilienerwerb eingesetzt werden. Auch die Abwicklung wurde vereinfacht: So muss der grauselige Antrag auf Förderung nur noch einmalig gestellt werden.
Nachteil bleibt, dass Riester-Renten nicht ins Ausland ausgezahlt werden können, ohne dass die Förderung zurückgezahlt werden muss. Auch die nachgelagerte Besteuerung der Riester- wie der Rürup-Rente, bei der der Fiskus erst im Alter anrückt, kann sich bei Rentnern mit dann sehr hohen Einkommen, zum Beispiel durch Mieteinnahmen, negativ auswirken.
"Bei der staatlich geförderten Rente sollte sich jeder Anleger vor Vertragsschluss seine tatsächliche Steuerersparnis genau darlegen lassen und dabei auch die grundsätzliche Besteuerung in der Rentenphase nicht unberücksichtigt lassen", empfiehlt Dorothee Kleine, Geldanlage-Referentin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Denn die Spielregeln haben sich mit dem Alterseinkünftegesetz für jedermann geändert. Und warum sollte man staatliche Hilfe gleich rundheraus ausschlagen? Selten genug ist sie ja geworden.

Dieser Artikel ist erschienen am 20.06.2005