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Lichtblick für die Damentasche

Von Regina Krieger, Handelsblatt
Giovanna Furlanetto macht aus dem Familienunternehmen Furla einen international agierenden Luxusgüterkonzern.
BOLOGNA. Selbst in Italien ist eine solch stilvolle Firmenzentrale selten. Andere Hersteller von Luxusgütern residieren in Mailand, in futuristisch ausgebauten, unpersönlich- coolen ehemaligen Lagerhallen. Giovanna Furlanetto dagegen hat ihr Büro im ersten Stock der ?Villa Bellaria? in San Lazzaro di Savena vor den Toren von Bologna. Aus dem Fenster der kunstfertig restaurierten Villa aus dem späten 18. Jahrhundert geht der Blick der Furla-Chefin auf eine gepflegte Parklandschaft.

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?Ich liebe alles Schöne?, räsoniert die alterslos wirkende schmale Frau mit den langen schwarzen Haaren, ?eine schöne Landschaft, ein modernes Kunstwerk, ein Theaterstück, Musik, und ich habe die Fähigkeit, daraus Inspirationen für meine Arbeit zu ziehen.?Im Showroom im Erdgeschoss der Villa ist das Ergebnis ausgestellt: traumhafte italienische Handtaschen in Pastellfarben, Gürtel, Uhren, Schmuck und Schuhe ? die Furla-Kollektion für den Sommer 2004. Produziert wird in der Toskana, der traditionellen Region der Lederverarbeitung.Giovanna Furlanetto ist nicht nur der kreative Geist der Marke Furla. Sie hat in wenigen Jahren aus dem biederen Familienunternehmen eine internationale Marke gemacht, die in 64 Ländern präsent ist. Furla-Taschen sind vom Geheimtipp unter Italien-Fans zur Shopping-Ware in New York, Hongkong und Tokio geworden. ?Vor allem, weil sie trotz guter Verarbeitung erschwinglich sind. Wir nennen das Luxus, den man sich leisten kann?, erklärt die Chefin selbstbewusst und spielt mit ihrer langen Perlenkette, dem einzigen Accessoire ihres schlichten dunkelblauen Outfits.Sie ist Präsidentin und Vorstandsvorsitzende von Furla und damit eine Rarität in Italien, wo die Chefetagen noch mehr als in Deutschland mit Männern in Doppelreihern bestückt sind. Allerdings ist sie nicht ganz freiwillig an die Spitze aufgestiegen. Zwei Brüder, die mit ihr zusammen das Unternehmen führten, sind früh gestorben. Heute arbeiten ihr Sohn und drei Kinder der Brüder mit. Und warum der Markenname Furla? ?Daran ist mein Vater schuld, der hat unseren Familiennamen abgekürzt. Alle sagen, man kann ihn sich leicht merken, er klingt gut, stark und hat uns Glück gebracht.?Doch über Umsätze und Visionen spricht sie lieber als über Privates: 2002 hat Furla einen konsolidierten Umsatz von 85 Millionen Euro erreicht, für 2003 rechnet Furla Spa mit einem Wachstum von zehn Prozent.?In Italien ist Furla bekannt wie Gucci, Ferragamo und Prada und besitzt ein enormes Wachstumspotenzial?, meint Carlo Pambianco, Mailänder Analyst der Luxusgüterbranche. ?Das ist allein der Verdienst der Signora Furlanetto.?Er findet, dass das Unternehmen noch stärker expandieren könnte, schließlich sei ausreichend Stammkapital vorhanden. Doch Giovanna Furlanetto will in nächster Zeit weder an die Börse noch die Kollektion wie die ?Großen? in der Luxus-Branche um Möbel, Bettwäsche und Geschirr erweitern.Sie will das Profil der Marke schärfen: Zurzeit werden die Flagship Stores architektonisch überholt, schon fertig sind die Geschäfte in Wien und New York. Seit Mitte der 80er ist Furla im Ausland aktiv, erst in den USA und Frankreich, jetzt auf der ganzen Welt. Verkauft wird nicht nur in eigenen Geschäften, sondern weltweit auch in großen Kaufhäusern und mit Franchise-Partnern. In Deutschland ist Furla erst seit anderthalb Jahren vertreten. ?Dort haben wir ausgerechnet aufgemacht, als der Markt nicht günstig war?, gibt die Chefin zu. Aber trotzdem: ?Wir suchen geeignete Städte für eigene Geschäfte.?Sachlich und streng wirkt sie, erzählt sie vom Geschäft. Erst als sie von ihrer Traumkäuferin spricht, der ?donna Furla?, leuchten ihre Augen auf: ?Das ist eine internationale Frau, jung, die arbeitet, reist, sehr informiert ist, feminin und selbstbewusst, nicht aggressiv, ausgeglichen.? Für diese ?donna Furla? entwirft sie zwei Motto-Kollektionen im Jahr, der Frühling 2004 ist dem Jackie-Kennedy-Stil gewidmet: ?pure Linien, Design, Geschmack?.Die Audienz ist beendet. Vor der Tür warten Händler, um die neue Kollektion zu begutachten. Denn trotz der internationalen Ausrichtung kaufen zumindest die italienischen Vertragspartner nach wie vor direkt in der Villa Bellaria ein.Vorher will Giovanna Furlanetto aber unbedingt noch ihre neueste Erfindung vorführen, nimmt ihre eigene Furla-Tasche und zieht den Gast in die dunkelste Ecke des Büros ? um ihre beleuchtbare Handtasche vorzuführen: ?Das Prinzip ist wie bei der Autotür. Macht man die Tasche auf, geht 20 Sekunden lang ein Licht an, und man kann nach Schlüssel oder Lippenstift suchen.?Die Erfindung hat sich Giovanna Furlanetto patentieren lassen. Das Industrieministerium in Rom hat das Projekt finanziell unterstützt, ?weil zum ersten Mal Lichtquellen in der Mode eingesetzt wurden?, wie es in der offiziellen Erklärung heißt. Ein Lichtblick in der Handtasche, nichts würde besser zu Giovanna Furlanetto passen ? der Lichtblick in der verkrusteten Luxusgüterindustrie.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.01.2004