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Liberté!

Von Holger Alich
Thales-Chef Denis Ranque kämpft um die Unabhängigkeit des französischen Rüstungskonzerns ? und will nichts von EADS wissen. Der Name des deutsch-französischen Luftfahrt- und Rüstungskonzerns scheint ein Reizwort für den 54-jährigen Thales-Chef zu sein.
PARIS. Denis Ranque ist bester Stimmung. Der Chef des französischen Elektronik- und Rüstungskonzerns Thales preist die industrielle Logik der verstärkten Partnerschaft mit Alcatel. Der Konzern gibt Thales sein Satellitengeschäft und stockt dafür seinen Thales-Anteil auf.Doch die Journalisten bedrängen den schlaksigen Ranque an diesem Mittwoch immer wieder damit, warum er nicht auf die Offerte von EADS eingegangen sei, auch bei dem Satelliten-Deal mitzumachen. Da ist es mit der guten Stimmung vorbei. ?Es gibt kein EADS-Angebot?, sagt Ranque genervt. ?Es gibt in Europa auch noch andere Partner als EADS?, schiebt er trotzig hinterher.

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Der Name des deutsch-französischen Luftfahrt- und Rüstungskonzerns scheint ein Reizwort für den 54-jährigen Thales-Chef zu sein. Kein Wunder: Mit dem Rückhalt des französischen Staats hat es Ranque geschafft, EADS ein zweites Mal aus dem Gesellschafterkreis von Thales herauszuhalten ? und so die Unabhängigkeit zu bewahren.Aber für den Absolventen der Elite-Schmiede Ecole des Mines, der auch EADS-Co-Chef Noël Forgeard entsprungen ist, sind ?Wirtschaftspatriotismus? und die damit verbundenen politischen Winkelzüge ein Gräuel. ?Ranque ist kein Strippenzieher?, sagt ein enger Mitarbeiter.Doch um die Unabhängigkeit von Thales zu verteidigen, nutzt Ranque sehr wohl politische Kontakte ? auch im Ausland. Als im Herbst 2004 sich Änderungen an der Spitze von EADS abzeichnen und Noël Forgeard mit Macht an die Spitze drängt, schwebt dem EADS-Manager gleich noch ein Coup vor: Er will Thales schlucken.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Langjährigen Kontakte in französische PolitikIn dieser Notlage kommt dem hoch gewachsenen Ranque zugute, dass er die Internationalisierung von Thales bereits weit vorangetrieben hat. So übernahm er im Jahr 2000 den britischen Elektronik-Spezialisten Racal. Die britische Regierung stieg zum zweitgrößten Thales-Kunden auf ? und zum Verbündeten. Denn sie drohte angesichts einer möglichen Thales-Übernahme, dem Unternehmen wichtige Aufträge zu entziehen ? und sorgte so mit dafür, dass EADS abblitzte.?Ich will keine Fusion mit EADS. Das schafft keine Synergien, und man darf Regierungen keine Monopole aufzwingen?, sagte Ranque bereits im März 2003 in einem Interview.Bei dem Kampf um die Unabhängigkeit kommen ihm seine langjährigen Kontakte in die französische Politik und Wirtschaft zugute. Denn nach der Ausbildung ? er war der drittbeste seines Jahrgangs ? rückte er in das Corps des Mines auf, Frankreichs mächtige Ingenieur-Vereinigung, der mancher Konzernchef angehört. Zum Karrierestart übernimmt er zunächst einen Job in der Verwaltung seiner Geburtsstadt Marseille. Anschließend wechselt er in das Industrieministerium nach Paris und kümmert sich dort um die Kohle- und Gaswirtschaft.Im Jahr 1983 empfiehlt ihn Saint-Gobain-Chef Jean-Louis Beffa ? ebenfalls Mitglied im Corps des Mines ? dem französischen Thomson-Konzern. Dort steigt er ? mit Rückendeckung einflussreicher Personen wie Alcatel-Chef Serge Tchuruk und der Politik ? zum Chef der Rüstungssparte von Thomson auf, die seit der Privatisierung Thales heißt.Ranque will den Konzern, der bis heute von einer Schmiergeldaffäre um die Lieferung von Fregatten nach Thailand in Verbindung gebracht wird, aus den Schlagzeilen bringen und sucht Distanz zur Politik: So leistet Thales weltweit zum Beispiel keine Spenden an Parteien.Auch ungewöhnlich für einen französischen Unternehmenschef: ?Er duzt sich mit Leuten der unteren Hierarchie-Stufen?, heißt es in der Zentrale. Dort schätzen seine Leute sein ausgeglichenes Wesen. ?Ich habe ihn noch nie die Fassung verlieren sehen?, berichtet einer seiner Mitarbeiter. Nur wenn der Name EADS fällt, scheint bei Ranque die Halsader anzuschwellen. Denn sein Kampf um die Unabhängigkeit von Thales ist noch nicht vorbei. Bei EADS fragt man schon offen, was Alcatel nach der Fusion mit dem US-Telekomausrüster Lucent mit seinem Thales-Anteil anfangen will. Das wäre dann der dritte Versuch von EADS, zum Zuge zu kommen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Denis Ranque Vita von Denis Ranque1952: Er wird am 7. Januar in Marseille geboren und macht später seinen Abschluss an der Ecole Polytechnique in Paris. Er arbeitet zunächst für das französische Industrieministerium.1983: Ranque startet seine Karriere im französischen Thomson-Konzern. 1989 wird er Chef der Sparte Röhrenelektronik und steigt weiter auf. 1996 wird er Chef von Thomson Marconi Sonar.1998: Er wird Chairman und Chief Executive Officer der Thomson-CSF-Gruppe. Der Konzern wird im Jahr 2000 in Thales umbenannt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen in Frankreich.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.04.2006