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Lettland

Die baltische Wirtschaft wächst rasant, doch westliches Niveau hat sie noch lange nicht erreicht. In Estland, Lettland und Litauen steckt jede Menge Potenzial. Ideales Terrain für Leute mit Pioniergeist.
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Theis Klauberg, 36, Wirtschaftsjurist, lebt seit fünf Jahren in der lettischen Hauptstadt Riga und berät dort mit einer eigenen Kanzlei ausländische Investoren

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Im Juni war Riga ein Wochenende lang wie ausgestorben. Lettland feierte Sonnenwende, eines der wichtigsten Feste im Baltikum, und traditionell fahren die Hauptstädter dazu aufs Land, wo viele ein Häuschen besitzen. Auch ich habe auf einer Insel vor Estland gefeiert. Ansonsten pulsiert in Riga selbst in den Sommerferien das Leben. Auf einer Fläche, die etwa Städten wie Bonn oder Bielefeld entspricht, drängen sich gut 740.000 Menschen - zur Hälfte Russen, daneben vor allem Letten und Skandinavier. Die deutsche Gemeinde dürfte die größte im Baltikum sein, ist aber so klein, dass sich die meisten Deutschen untereinander kennen. Im Gegensatz zu vielen Letten empfinde ich das bunte Völkergemisch als große Chance für das Land. Was mich vor sechs Jahren ins Baltikum lockte war aber vor allem das rasante Wirtschaftswachstum. In Deutschland fasst man als Wirtschaftsjurist nur schwer Fuß und arbeitet anfangs nur den Partnern zu. Im Baltikum dagegen sind erfahrene Leute auf diesem Gebiet aufgrund der kommunistischen Vergangenheit Mangelware. Das Handelsrecht ist erst vier Jahre alt. Der Einstieg fiel mir nicht so schwer, ich kannte die Region schon aus dem Studium. Nach einem Job bei einer finnischen Kanzlei in Tallinn und Riga habe ich mich vor drei Jahren mit einem Partner aus Lettland selbstständig gemacht und auf die Beratung ausländischer Investoren konzentriert, vor allem aus Deutschland und Skandinavien. Zu unseren Kunden gehören Konzerne wie Ruhrgas und Arcelor. Wir beschäftigen mittlerweile neun Mitarbeiter in Riga, Vilnius und Tallinn und haben regelmäßig Praktikanten aus Deutschland. Mit ähnlichen Kanzleien in Osteuropa haben wir inzwischen das Netzwerk bnt gebildet.

Die besten Jobs von allen


Die meisten Deutschen hier arbeiten für ausländische Unternehmen oder machen sich selbstständig. Die Löhne sind mit etwa 500 Euro pro Monat immer noch extrem niedrig, während die Lebenshaltungskosten auf Berliner Niveau liegen - abgesehen vom Essen, das ist bezahlbar. Mittags gehen viele Angestellte in eine der Ednicas, die öffentlichen Kantinen in der Jugendstil-geprägten Altstadt. Unser Büro liegt an der ehemaligen Romanovstraße, einer Straße im Zentrum, an der viele Kanzleien ihren Sitz haben, gleich gegenüber dem hochmodernen Handelsregister. Auch das typische Holzhaus, in dem ich lebe, ist nicht weit vom Zentrum entfernt, im so genannten Ruhigen Viertel, direkt neben dem alten deutsch-baltischen Friedhof. Morgens gehe ich zu Fuß ins Büro und hole mir unterwegs einen Kaffee. Überhaupt ist hier alles überschaubar. Man lernt schnell die wichtigsten Entscheidungsträger kennen. Die Ostsee liegt quasi vor der Tür, viele interessante Städte wie Helsinki oder Sankt Petersburg sind mit dem Auto erreichbar. Etwa einmal im Monat fahre ich zu meinem Wochenendhaus an einem See in der Nähe. Und wie viele Letten singe ich mittlerweile in einem Chor. Früher hätte ich wahrscheinlich höchstens bei einer Feier wie dem Sonnenwendfest gesungen. Job-Links:

Dieser Artikel ist erschienen am 18.07.2006