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Lernst du noch oder sparst du schon?

Liane Borghardt
Foto: dpa
Die Kahlschläge an den Unis treiben deutschlandweit Zehntausende Studenten auf die Straße. In neuer Eintracht mit Professoren und Rektoren protestieren sie gegen Finanznot und miese Bedingungen. Die Spar-Politiker zeigen Verständnis. Und zucken die Achseln.
In der Spree schwimmt bei Lufttemperaturen um sieben Grad ein Berliner Student unter dem Motto "Bildung geht Baden".
Werner Weber, Deutschlandchef des Möbelriesen Ikea, hat sich die Eröffnungsfeier der dritten Ikea-Filiale in Berlin anders vorgestellt. 200 Studenten versammeln sich vor der neuen Adresse in Berlin-Schöneberg, dichten den Ikea-Slogan um zu "Lernst du noch oder sparst du schon?" und starten eine Malaktion. Die Protestler "streichen Lehrstühle". Verkaufspreis ein Euro das Stück, Unterstützung notleidender Unis der gute Zweck. Ikea nimmt's sportlich. Spontan wirft das Management Plüsch-Elche in die Menge und hat nichts dagegen, dass die Studenten sich - artig ohne Schuhe - in die Betten der Verkaufsausstellung legen, um dem Berliner Senat "Bildungspolitik im Schlaf" zu bescheinigen. Elchtest bestanden, PR für alle - das Möbelhaus und die Studenten.

Ohne Molotow-Cocktails und Pflastersteine setzt der akademische Nachwuchs landauf landab eine Protestwelle in Gang wie sie die Republik Jahrzehnte nicht gesehen hat. 45.000 gingen in Wiesbaden auf die Straße, 20.000 in Berlin, 18.000 demonstrierten in Hannover, 10.000 in München. Mit Rotstift und Rasenmäher

Überquellende Seminare, Schlangestehen für Sprechstunden - miese Bedingungen sind Studenten gewohnt. Dass sie fortan noch mieser werden sollen, erbost sie länder- und fächerübergreifend.

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Die Regierungschefs setzen die Unis auf Radikal-Diät: In Berlin will der rot-rote Senat den Zuschuss an die drei großen Hochschulen in den nächsten fünf Jahren um 75 Millionen Euro kürzen. Mit fünf Prozent weniger Geld sollen Bayerns Bildungsanstalten im neuen Jahr auskommen. 40 Millionen Euro sparen, lautet die Ansage an niedersächsische Hochschulen für 2004. Hessens Ministerpräsident Roland Koch verlangt 30 Millionen Tribut.

Was diese Forderungen für die einzelnen Hochschulen bedeuten, zeigt ein Blick in die Sparpläne, die sie bis Jahresende vorlegen müssen. Die Freie Uni Berlin beispielsweise muss in den nächsten Jahren 82 von 470 Professorenstellen abbauen und damit 3.000 Studienplätze. Das Präsidium der Technischen Uni Berlin rechnet vor, dass in den nächsten fünf Jahren in 30 Fächern keine Studenten mehr zugelassen werden können. Maschinenbau, Physik, Elektrotechnik, Biotechnologie, nach und nach würden sie wegsterben. Die Humboldt-Uni streicht 530 Stellen, statt den bisher zehn wird es künftig nur noch sechs Fakultäten geben.

Genauso sind die Hochschulen in den anderen Bundesländern gezwungen, bei etlichen Studiengängen den Rotstift anzusetzen. In den Reihen der Dozenten treffen die kurzfristigen Sparvorgaben besonders den so genannten akademischen Mittelbau. Doktoranden, Habilitanden sowie wissenschaftliche Hilfskräfte haben befristete Verträge.

Ausnahmezustand an Deutschlands Hochschulen. Berliner Architektur-Studenten zimmern Bretterbuden, um auf die Verslummung der Unis aufmerksam zu machen, Geisteswissenschaftler verteilen Handzettel - "Die Germanistik bin ich" - aus dem Hörsaal 101 an der FU kracht Musik statt Mathe für Wirtschaftswissenschaftler. Rennen gegen Gummiwände

Ein "neues 68" auszurufen, hält Dieter Rucht, Professor für Soziologie mit Spezialgebiet politischer Protest, jedoch für falsch. Zu unterschiedlich die Bedingungen damals und heute. Ging einst der Ruf nach gleichen Bildungschancen für alle, skandieren die Studenten heute gegen die Folgen: Massenbetrieb und Qualitätsmangel. Wandten sie sich in den 60ern gegen den Muff unter Talaren, demonstrieren sie 2003 Schulter an Schulter mit ihren Professoren, denen Assistenten-Stellen und Fachbereiche wegrasiert werden.

Und noch etwas ist ganz anders: Wenn der akademische Nachwuchs in Berlin die PDS-Parteizentrale besetzt oder in München Stoiber einen Bildungsräuber schimpft, stößt er statt auf Wasserwerfer auf wohlwollendes Verständnis. "Schließlich postulieren die Politiker selbst, dass der rohstoffarme Industriestaat Deutschland in sein Kapital Bildung investieren muss", sagt Dieter Rucht. Sogar Bayerns Finanzminister Kurt Faltlhauser gesteht ein, dass er "als Student mitmarschieren" würde. Doch leider, leider müsse überall gespart werden. "Die Studenten rennen gegen Gummiwände, es fehlt die Reibungsfläche", diagnostiziert Streikexperte Rucht und fürchtet Ermüdungserscheinungen

Nach den stürmischen Winterwochen hat sich bislang nur die bayerische Landesregierung von zehn auf fünf Prozent Etatkürzung runterhandeln lassen. Diese sofort umzusetzen statt Zielvereinbarungen bis 2010 zu treffen, hält Wolfgang A. Herrmann allerdings für Schwachsinn. "Mit Strukturmaßnahmen hat das nichts zu tun", schimpft der Chef der bayerischen Rektorenkonferenz und Rektor der TU. Der Pragmatiker ist bekannt dafür, dass er prinzipiell nichts gegen Kooperationen mit Nachbar-Unis hat. Ebenso nichts gegen Studiengebühren oder "Bildungsbeiträge", wie er sie nennt, um zu betonen, dass das Geld nicht ins Staatssäckel fließen darf. Bröckelnde Gebührenfront

Die Gebührendebatte spaltet die Streikenden. "Ich habe keine Lust, mir linksradikale Parolen gegen Studiengebühren anzuhören statt gegen die schlechten Studienbedingungen zu demonstrieren", kritisiert Florian Wildersbach, Geschichts-Student an der Uni Marbach. Um keinen Streikwilligen zu vergrätzen, haben sich beispielsweise die Asten der Münchener TU und LMU darauf geeinigt, ausschließlich gegen die Sparpläne der bayerischen Regierung anzugehen.

"In Nachbarländern wie England sind Studiengebühren Normalität, daher liegt der Gedanke für deutsche Politiker auf der Hand", erklärt Soziologe Rucht. Auch Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit hat sich für einen materiellen Beitrag der Studenten ausgesprochen, nur sei "Berlin noch nicht so weit". Ein Grund mehr für die Studenten vor der neuen Ikea-Filiale in Schöneberg um Bildungsasyl in Schweden zu bitten. Dort sind Gebühren verboten. "Da hilft nur Druck"

Michael Hewener, 25, ist Vorsitzender des Asta an der Freien Universität Berlin und studiert Politikwissenschaften im siebten Semester

Wie haben Sie die letzten Streikwochen erlebt?
Michael Hewener: Ich selbst war zwar nicht bei der Bürobesetzung beim Finanzsenator und der PDS-Parteizentrale. Geschlafen habe ich trotzdem kaum, im Schnitt nur vier Stunden. Ich war hauptsächlich im Asta und habe die Aktionen mitorganisiert. Flugblätter gemacht, kopiert usw.

Der Berliner Senat will die Studienplätze auf 70.000 drücken, Sie fordern die Finanzierung von 135.000. Außerdem das Verbot von Studiengebühren. Ist das realistisch?
Politik ist ja nichts Festgeschriebenes. Das Studiengebührenverbot halten wir bei der jetzigen Regierung für absolut realistisch - schließlich hat sie es in ihrem rot-roten Koalitionsvertrag stehen. Die Forderung nach Ausfinanzierung der 135.000 Studienplätze ist natürlich eine Maximalforderung.

Auf der Asta-Webseite steht sinngemäß: Es ist nicht einzusehen, Gebühren an die Regierung zu zahlen, wenn man mit dem Geld Urlaub machen kann. Braucht es solche Polemik wirklich?

Ich denke schon. Politik ist ein Kampf von Interessen. Das Ziel ist, ein gutes Leben zu haben. Das kann man nicht nur durch Argumentieren erreichen, sondern durch gesellschaftlichen Druck.

Gut leben möchten alle. Aber wenn zurzeit jeder bluten muss - warum nicht auch die Studenten?
Weil die Leute, die hier studieren, nicht dafür verantwortlich sind, dass der Berliner Haushalt seit 20 Jahren unterfinanziert ist. Es gibt politisch Verantwortliche, die den Karren in den Dreck gefahren haben. Jetzt sollen ihn alle zusammen wieder raus ziehen. Vor allem die, die nicht so viel haben.

Mit Streiks schaden Studenten sich naturgemäß selbst und nicht der Öffentlichkeit. Wie lange lassen sich die Protestaktionen durchhalten?
Wir arbeiten sehr viel mit Dozenten zusammen, so dass trotz Streik Scheine gemacht werden können. Es fallen ja auch nicht alle Veranstaltungen aus. Viele Seminare finden auf öffentlichen Plätzen statt. Am Alexanderplatz, vorm Roten Rathaus, in der Ring-S-Bahn. Auch wenn wir uns mit Dozenten über einzelne Punkte wie Studiengebühren streiten - eine so starke Solidarität innerhalb der Uni ist neu. Letztlich ist das der einzige Weg, um erfolgreich zu sein.

Gibt es Anzeichen für erste Erfolge?
Nein, noch nicht. Ist aber auch nicht zu erwarten. Die Taktik der Politiker ist klar, sie wollen die Proteste aussitzen. Es ist unsere Aufgabe, ihnen das nicht zu genehmigen. Wenn wir erfolgreich sein wollen, brauchen wir einen langen Atem.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2004