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Lemerre erhält Galgenfrist

Trotz der WM-Blamage des Titelverteidigers trat der französische Nationalcoach entgegen allen Erwartungen am Freitag nach einer Krisensitzung des französischen Verbandes nicht zurück. Doch den Kopf aus der Schlinge gezogen hat er noch lange nicht.
Roger Lemerre will weiter machen. Foto: dpa
dpa PARIS/SEOUL. Da das Büro des Verbandsrates nicht befugt ist, den Coach zu entlassen, könnte dies nun auf der Sitzung des gesamten Verbandsrates in drei Wochen in Lyon passieren - es sei denn, Lemerre überlegt es sich doch noch anders. ?Wir wollen ihm Zeit geben, seine eigene Entscheidung zu fällen?, verkündete Simonet. Das klang fast so, als ob er doch noch auf den Rücktritt hofft, um dem Verband eine Entlassung zu ersparen.Vier Tage vor seinem 61. Geburtstag blieb Lemerre aber ebenso stur wie in taktischen Fragen bei der WM. Dort hatte der entthronte Weltmeister in drei Spielen nur einen Punkt geholt und kein einziges Tor geschossen - das schlechteste Abschneiden eines Titelverteidigers bei einer WM überhaupt. ?Köpfe rollen zu lassen ist nicht unsere Gewohnheit, und Änderungen bringen nicht immer sofort Erfolg. Jeder soll sich zunächst einmal selbst im Spiegel anschauen, danach können die notwendigen Maßnahmen eingeleitet werden?, sagte Simonet.

Die besten Jobs von allen

Schon unmittelbar nach der WM hatte Kapitän Marcel Desailly jedoch darauf verwiesen, dass ein neuer Trainer auch für eine neue Entwicklung sorgen könne. Die überalterte Mannschaft benötigt dringend eine Blutauffrischung, um bei der Verteidigung ihres Europameistertitels eine bessere Figur abzugeben. Nach der EM- Endrunde 2004 in Portugal will auch Regisseur Zinedine Zidane aufhören, zwei Jahre früher als noch vor der missratenen WM geplant.Lemerre hatte das Traineramt nach dem Triumph 1998 von Aimé Jacquet übernommen, der jetzt Technischer Direktor des Verbandes ist, zur Sitzung am Freitag aber nicht erschien - vielleicht, weil sich dort sein ehemaliger Assistent verantworten musste.Die möglichen Nachfolger für Lemerre wurden schon vor der Zusammenkunft gehandelt. Als Favorit gilt Jean Tigana, der zwar noch einen Vertrag beim englischen Premier-League-Club FC Fulham besitzt, aber die Unterstützung von Michel Platini genießen soll. Gehandelt wurden aber auch so prominente Trainer wie Arsène Wenger von Arsenal London und Gérard Houllier, der das Amt schon einmal inne hatte. Auch eine erneute verbandsinterne Lösung wäre möglich - falls es nicht eine ganz große Überraschung gibt und Lemerre doch bleibt.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.06.2002