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Leistung statt Elite

Gesine Schwan
Die Debatte flackerte kurz und heftig auf, führte zu einem hitzigen Schlagabtausch zwischen Bund und Ländern und verschwand bald darauf wieder in der Versenkung: Im Winter stritt Deutschland über die Frage, ob das Land Eliten braucht und wie diese herangezogen werden können. Die Bundesbildungsministerin wollte einzelne Leuchttürme schaffen, also ausgewählte Universitäten zu deutschen Harvards oder MITs hochrüsten.
Die Debatte flackerte kurz und heftig auf, führte zu einem hitzigen Schlagabtausch zwischen Bund und Ländern und verschwand bald darauf wieder in der Versenkung: Im Winter stritt Deutschland über die Frage, ob das Land Eliten braucht und wie diese herangezogen werden können. Die Bundesbildungsministerin wollte einzelne Leuchttürme schaffen, also ausgewählte Universitäten zu deutschen Harvards oder MITs hochrüsten. Die Länder und Hochschulvertreter forderten dagegen die Förderung einzelner Fachbereiche, Institute oder Sonderforschungsbereiche.

Was der Debatte über weite Strecken fehlte, war eine Verständigung darüber, was unter Elite überhaupt zu verstehen ist, was das Land von seinen Eliten erwarten sollte und wie sich das Bekenntnis zu Eliten mit der Belastung eines mehrfachen Eliten-Versagens in der deutschen Geschichte verbinden lässt

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Gegen eine Neuauflage von Eliten-Konzepten spricht manches. So ist die "alte" Bundesrepublik mit ihrem weitgehenden Verzicht auf die systematische Heranziehung und explizite Ausweisung von Eliten nicht schlecht gefahren. Neben den unvermeidbaren Tendenzen zur Privilegierung und sozialen Absonderung, zur Entstehung einer abgeschotteten "snob culture", besteht vor allem die Gefahr, die Gesellschaft zu desintegrieren und eine Kultur des "Ihr da oben, wir hier unten" zu erzeugen. Ganz zu schweigen von den Versuchungen des Elite-Seins, denen bestimmte Gesellschaftsschichten erliegen könnten: der Eitelkeit, sich zu einer nicht näher definierten Elite zählen zu wollen, die sich im schlechtesten Fall nur noch durch geistige Trägheit und blasierte Überheblichkeit auszeichnet.

Hinzu kommt, dass sich die deutschen Eliten im 20. Jahrhundert nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben - um das Mindeste zu sagen. Weder eine ausgefeilte intellektuelle Bildung noch hohe künstlerische oder sportliche Begabungen oder das Privileg, traditionell zu den Verantwortungsträgern zu gehören, bringen notwendig das hervor, was Aristoteles "Klugheit" genannt hat: eine Tugend, die Mäßigung, Urteilsfähigkeit, intellektuellen Mut und moralischen Verantwortungssinn verbindet. Vorsicht ist also geboten

Und doch ist klar, dass unsere Gesellschaft und vor allem unser Bildungssystem mehr Differenzierung und stärker herausgehobene Leistungen braucht, wenn wir im Wettbewerb bestehen wollen. Aber man sollte zwischen Spitzenleistung und Elite unterscheiden. Der Begriff der Spitzenleistung scheint mir mit dem Gleichheitsgedanken der Demokratie besser verträglich, weil er darauf abzielt, alle vorhandenen Talente zu entwickeln, die eigenen Fähigkeiten auszureizen und so auch in der Gesellschaft Höchstleistungen zu erzeugen. Spitzenleistung ist aber eben nicht im Sinne eines Wegdrängens anderer gedacht

Ein weiterer Unterschied zwischen Elite und Spitzenleistung besteht darin, dass sich Elite an allgemeinen, einmal verbindlich gesetzten Maßstäben orientiert, während Spitzenleistung den jeweiligen Kontext berücksichtigt. Bei uns dominiert ein Bildungsansatz, der nicht das Potenzial der einzelnen Menschen und Gruppen im Blick hat, sondern Normen und Margen. Leistung aber ist nichts, was man abstrakt an irgendeinem bildungsbürgerlichen Ideal messen kann. Auch in einer Schule für Lernbehinderte können Schüler durchaus Spitzenleistungen vollbringen - nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten. Wir müssen akzeptieren, dass Vielfalt das Entscheidende ist und letztlich auch dazu beiträgt, dass die unterschiedlichen und stark ausdifferenzierten Anforderungen erfüllt werden, die in unserer Gesellschaft erbracht werden müssen.

Darüber hinaus impliziert der Elite-Diskurs, dass man Geld in das System hineinpumpt und die erwarteten Resultate am Ende herauskommen. Die Annahme, dass Geld automatisch Leistung freisetzt, ist irrig. Es fehlt die Einsicht, dass Bildung und daraus resultierende Spitzenleistungen weder Konsumgüter noch ökonomische Kennziffern sind, sondern eigenverantwortliche Anstrengungen. Die Chancen für herausragende Leistungen erhöhen sich dort, wo einerseits soziale Benachteiligungen ausgeglichen werden und andererseits - vom Kindergarten bis zur Universität - das Prinzip der fordernden Ermutigung durch persönliche Zuwendung gilt. In Deutschland setzt man dagegen nach wie vor zu sehr auf Druck, Demütigung und den Ehrgeiz des Einzelnen, im Wettbewerb die anderen zu übertrumpfen. Amerikaner wie Skandinavier dagegen legen den Akzent auf "empowerment". Psychologisch - und demokratisch! - bauen sie darauf, dass Menschen ihr Bestes geben, wenn sie sich stark fühlen und mit den ihnen gesteckten Zielen übereinstimmen. Dieser mentale und politisch-kulturelle Unterschied kann gar nicht überschätzt werden, und die höhere Innovationsfähigkeit in diesen Ländern hat sicherlich mit diesem veränderten Bildungsverständnis zu tun

Daher mein Plädoyer: Anstelle des belasteten und verbrauchten Elite-Begriffs sollte es um die Frage der Förderung von Spitzenleistungen gehen. Befreit vom ideologischen Ballast können wir dann mit klarem Blick die Aufgaben der Zukunft angehen. Und diese heißen: Stärkung von Exzellenz, Kreativität und Leistung.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.05.2004