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Lehren statt Belehren

Die Betreuungssituation an den Unis ist oft ein Witz. Doch mit mehr Personal ist es nicht getan. Studenten sollen öfter aktiv lernen und weniger belehrt erden. Meint Klaus Landfried.
Kaum haben die neuen Elite-Unis ihre Lorbeerkränze erhalten, alle für ihre Forschungsstärke, da wird zu Recht nach der Qualität der Lehre gefragt. Ein Wettbewerb in diesem Bereich wird an den sich leider oft nach vorne entfernenden Zeithorizont projiziert. Aber wie verbessert man die Lehre? Durch mehr Personal? Oder muss sich auch die Art ändern, wie gelernt und gelehrt wird?

Der Hochschulpakt verspricht den Hochschulen bis 2010 insgesamt 565 Millionen Euro. Damit könnte tatsächlich mehr Personal beschäftigt werden. Das verspricht immerhin eine Verbesserung des gegenwärtig im internationalen Vergleich mehr als ungünstigen Verhältnisses von rund 70 Studenten auf eine Professur. Vorher muss aber die so genannte Kapazitätsverordnung fallen, die vor mehr als 30 Jahren von ministerialen Paragrafenkünstlern "designed" wurde, um die vom Verfassungsgericht per Urteil verlangte "Auslastung bis zur Erschöpfung der Kapazitäten" zu verrechtlichen. Nur deutscher Paragrafen-Perfektionismus konnte das in der Welt sonst beispiellose Monstrum an Bürokratie ausbrüten. Ein Verwaltungsgericht setzte später noch eins drauf: "Niveaupflege", also Qualitätsforderungen, seien unzulässig. Basta. Bis jetzt gilt in NC-Fächern: Jede neue Lehrperson erhöht die Zahl der zuzulassenden Studenten. Es steht zwar zu hoffen, dass künftig durch Zielverträge zwischen Bundesland und Hochschule der Qualität verhindernde Unfug gemildert wird, aber zur Qualität der Lehre gehört noch ein weiterer Schritt: Studenten sollen mehr aktiv lernen, weniger passiv belehrt werden.

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Dieses Ziel einer modernen Didaktik beruht auf positiven Erfahrungen und beherzigt Erkenntnisse der modernen Hirnforschung. Nur mechanisch eingepauktes, erst verabreichtes und dann auswendig gelerntes "Wissen" entfällt den Synapsen des Gehirns viel schneller als ein durch aktiv erkundendes Lernen angeeignetes. Dieses Wissen hält länger, weil positive Emotionen im Spiel sind, ausgelöst zum Beispiel von persönlichem Interesse am Selbstgefundenen, ausgelöst auch von einem interaktiven Lernformat, vom Zusammenwirken in der Lerngruppe. Die Fähigkeit, Probleme zu lösen, steht im Vordergrund, auch die Entwicklung des eigenen Charakters, nicht nur das portionsweise Abprüfen verabreichten "Stoffs".

Die didaktischen Konzepte sind längst entwickelt und erprobt. Dazu gehören: die frühe Arbeit an selbst mitentwickelten Projekten, Rollen- und Planspiele, die Integration von interaktivem E-Learning in neue Lernformate in Labor und Seminar, die regelmäßige gemeinsame Erörterung von Lehr- und Lernkompetenz durch Dozenten und Studenten auf der Grundlage dokumentierter Lehrveranstaltungen.

All das bedarf einer neuen hochschuldidaktischen Anstrengung. Nur wenn sich jüngere wie ältere Wissenschaftler(innen) auf eine didaktische Aus- und Fortbildung einlassen, ist der schönste Lohn der neuen Art, das Lernen zu lehren, zu gewinnen: die Begeisterung motivierter Studenten. Die neue hochschuldidaktische Anstrengung kostet auch Geld. In Großbritannien erhalten die didaktischen Fortbildungszentren an 74 Universitäten für fünf Jahre jährlich rund 700 000 Euro, zusammen also etwa 260 Millionen Euro. Auf diesem so wichtigen Gebiet darf Deutschland hinter Großbritannien nicht zurückstehen. Und die Qualität der Lehre scheint mir noch wichtiger als die Zahl der Lehrenden.

Klaus Landfried war von 1997 bis 2003 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Im Unruhestand betätigt sich der emeritierte Politikprofessor als Wissenschaftsberater und Headhunter. Mit kritischem Blick kommentiert er für Junge Karriere monatlich die Hochschulszene.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.11.2007