Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Lee peilt den nächsten Gipfel an

Von Andreas Hoffbauer
BenQ-Chef Lee Kuen-yaos Historie war imposant ? bis er sich mit Siemens-Handys eine blutige Nase holte. In Asien stören die Negativschlagzeilen aus dem fernen Deutschland aber niemanden. Und so peilt Lee schon den nächsten Gipfel an.
BenQ-Chef Lee Kuen-yao mit Produkten seines Unternehmens. Foto: ap
TAIPEH. Er liebt es, ganz, ganz oben zu stehen. Da, wo der Himmel zum Greifen nah ist. Und wo die Luft schon sehr dünn wird, es einfach nicht mehr weitergeht. Höchstens bergab. Mindestens zwei Mal im Jahr kraxelt BenQ-Chef Lee Kuen-yao auf den 3 997 Meter hohen Yu im Süden Taiwans. Der begeisterte Bergsteiger nimmt auf dem steilen Weg immer einige seiner Manager mit: Über den Wolken lässt es sich in anderen Dimensionen denken, hier ist für Visionen mehr Platz als im Hochhaus-Büro. Vielleicht wurde auf solch einer Wanderung der Entschluss gefasst, aus dem weitgehend unbekannten taiwanischen Massenhersteller von Computern, Bildschirmen, MP3-Playern und Handys eine weltweit anerkannte Marke zu machen. Und vielleicht war es bei einer Rast, als der Plan entstand, die Handysparte von Siemens zu übernehmen.?Ich musste diese Chance einfach beim Schopf ergreifen?, soll Lee den Siemens-Deal intern erklärt haben. Wer hoch hinaus wolle, müsse auch unbekannte Pfade gehen. ?Everything is possible?, lautete darum der Slogan, mit dem Lee noch vor gut einem Jahr seinen ganz großen Coup der Branche in Taipeh verkaufte.

Die besten Jobs von allen

Schmerzlich, aber unvermeidbar, nennt er nun den Rückzug von BenQ aus Deutschland. So richtig sicher war sich der Mann aus Taiwan seiner Sache mit den Deutschen irgendwie nie. ?Ich habe sehr gemischte Gefühle?, hatte er schon kurz nach dem Siemens-Geschäft angedeutet, dass die Probleme erst noch kommen würden.Doch der Sohn eines Reisbauern hat stets rational entschieden in seinem Leben. Nach dem Elite-Abschluss als Ingenieur an der National Taiwan University soll er zum Beispiel etliche Angebote für eine Karriere bei multinationalen Konzernen abgelehnt haben. Der 23-Jährige steigt lieber bei einer damals kleinen, aber gerade aufsteigenden Firma ein: dem taiwanischen Elektronikkonzern Acer. Dort klettert Lee im Laufe der Jahre nach oben.Als er 1989 nicht den CEO-Posten bekommt, geht er in die Schweiz, um in Lausanne am International Institut for Management Development (IMD) seinen MBA zu machen. Doch bald ist er zurück ? und wird Präsident der Tochterfirma Acer Periphals. Diese erlebt in den 90er-Jahren unter seiner Führung ein enormes Wachstum: Lee formt die Acer-Einheit zum weltweit größten Lieferanten von PC-Bildschirmen. 2000 nutzt er die Acer-Reorganisation zum Sprung in die Unabhängigkeit. Kurze darauf wird sein neues Unternehmen, an dem Acer 20 Prozent hält, in BenQ umbenannt.Während Acer heute in einer eher schmucklosen Zentrale sitzt, hat sich Lee für BenQ inzwischen ein 60 Millionen Dollar teures Hochhaus in Taiwans Hauptstadt errichtet. Für Besucher gibt es ein Starbucks-Café, für die Mitarbeiter Wände aus Bambus und Grünpflanzen, für den Chef eine Kommandozentrale im 14. Stock.Hier bastelt er an seinem Plan der Weltmarke. Am Designerschreibtisch mit Weitblick breitet er die Arme weit aus und strahlt: ?Wir werden immer bekannter.? Auch im modernen Geschäftsviertel von Taipeh ist es der Blick von ganz oben, der ihn zu beflügeln scheint.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein Vorbild für viele junge TaiwanesenMagazine lassen den vor einigen Jahren weitgehend unbekannten Manager heute von den Titelseiten lächeln ? auch wenn sein Gesicht oft so künstlich verkrampft wirkt wie sein Name. Denn unten, am Empfang oder im lila-weißen Ausstellungsraum mit neuen Produkten, sprechen die jungen Mitarbeiterinnen stets nur von ?K.Y.? ? so wird der Boss in ganz Taiwan am liebsten genannt.Die coole Abkürzung soll helfen, BenQ ein internationales und junges Image zu verpassen, obwohl der 54-jährige Chef nicht gerade zu den Turnschuhmanagern zählt. Lee ist stets korrekt gekleidet, er mag es gar nicht, wenn Mitarbeiter in Jeans und T-Shirt kommen.In Taiwan ist er dennoch gerade für viele junge Menschen ein Vorbild. Er hat BenQ zu einer Firma gemacht, die es schaffen könnte, Taiwan vom Image des billigen Standorts für Massenproduktion zu befreien. ?Wir müssen weg aus der Ecke der Billigproduzenten?, steht für Lee fest. BenQ braucht ein gutes Markenimage: ?Nur so können wir überleben.? So denken viele auf der bergigen Insel im südchinesischen Meer. Denn die Massenfertiger in Taiwan verdienen immer weniger. Auch BenQ produziert bereits die Handys in der Nähe von Schanghai ? billiger geht?s nicht.Doch eigene Marken aufbauen, das funktioniert nicht von heute auf morgen. Lee wagt darum eine Doppelstrategie: Mit Massenfertigung für Dritte ? etwa Tchibo-Handys ? soll das Geld reinkommen, das den Traum von der Marke BenQ finanzieren soll.Mann muss nur daran glauben, schreit es im Konferenzraum der Zentrale. Für Besucher gibt es hier eine Präsentation, bei der Carlos Ghosn, Tiger Woods, Yao Ming und Eminem zu sehen sind. Dazu Popmusik und coole Worte: ?Japans Firmenheld ? ein Europäer. Der beste Golfer der Welt ? ein Schwarzer. Der größte Basketballspieler ? ein Chinese. Der beste Rapper ? ein Weißer.? Dann das BenQ-Logo: ?Alles ist möglich.?Auch radikale Entscheidungen ? das weiß man jetzt in Deutschland. Vielleicht hat sich Lee mit den Siemens-Handys doch etwas verstiegen. Andererseits hat er viel bekommen: einen guten Markennamen, Siemens-Technologie und weltweite Aufmerksamkeit. ?Soviel PR hätten wir gar nicht bezahlen können?, räumt ein hoher BenQ-Manager ein.In Asien stören die Negativschlagzeilen aus dem fernen Deutschland zudem niemanden. Und so peilt BenQ-Chef Lee schon den nächsten Gipfel an: Der Aktienkurs stieg nach der Bekanntgabe des Rückzugs aus Deutschland erst mal kräftig an.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Vita von Lee Kuen YaoLEE KUEN-YAO1952
wird er als Sohn eines Reisbauern geboren.
1976
beginnt der Hobby-Historiker nach dem Elektroingenieurstudium an der National Taiwan University in Taipeh seine berufliche Laufbahn bei Acer.
1989
schiebt er ein MBA-Studium in Lausanne ein. Anschließend übernimmt er Acer Peripherals.
2000
arbeitet Lee an der Ablösung des Unternehmens aus dem Acer-Konzern. Offiziell vollzogen wird der Schritt Ende 2001. Lee nennt sein neues Reich BenQ.
2005
übernimmt BenQ die Handysparte des Siemens-Konzerns. Zu diesem Zeitpunkt hat er innerhalb von vier Jahren den Umsatz auf 3,86 Milliarden Euro verdreifacht und beschäftigt rund 15 000 Mitarbeiter.
2006
stellt Lee die Zahlungen an Siemens-BenQ nach nur einem Jahr ein. Folge: Insolvenz.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.10.2006