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Leben und Arbeiten in London

Von Christoph Mohr
Florian Simm und Gerhard Grueter leben beide in der Hauptstadt des Geldes und der Kunst ? in London. Kunsthändler Simm schätzt den Kontakt mit Künstlern und Sammlern. Und Toleranz, Lockerheit und Humor der Briten. Investment-Banker Grueter profitiert vom kosmopolitischen Flair der Stadt.
Chancen für LeistungswilligeEs ist eine MBA-Karriere wie aus dem Bilderbuch: Als es ihm bei Mercedes-Benz in Stuttgart etwas eng wurde, entschied sich der Wirtschaftsinformatiker Gerhard Grueter für ein Business-School-Studium in den USA. Und der Cornell-MBA katapultierte ihn dann wunschgemäß ins Investment-Banking zu Merrill Lynch. ?Die Wahl London traf ich 2001 mitten in der Dotcom-Krise. Während in New York noch entlassen wurde, wurden in London bereits wieder Leute gesucht.?

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Eine Entscheidung, die Grueter, der mittlerweile von Merrill Lynch zu einer Investmentfonds-Firma gewechselt ist, nie bereut hat: ?Ich habe London als erstaunlich offen kennengelernt. Woher man kommt, zählt in der Finanzbranche nicht viel. Auf was es wirklich ankommt, ist Leistung. Und es ist nicht ungewöhnlich, dass bereits unter 30-Jährige Verantwortung für Millionengeschäfte bekommen.?Aber Grueter, heute 33, ist Realist: ?Die Karrieren in der Londoner Finanzindustrie können schnell nach oben gehen, aber auch genauso schnell nach unten. Und man darf nicht vergessen, dass diese Industrie zyklisch ist. Weil die Entlassungen sich dann bei vielen Banken und Finanzdienstleistern häufen, stehen gleich Hunderte City-Banker auf der Straße.?
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Von London sieht Grueter mitunter wenig: ?Als Investmentbanker war ich oft auf Reisen, da sieht man Freunde über der Woche kaum, und oft wird auch eine Nachtschicht eingelegt, um Projekte zum Abschluss zu bringen.? Und doch profitiert der Deutsche vom kosmopolitischen Flair der Weltstadt: ?Ich empfand es immer als großen Luxus, mit Leuten aus verschiedenen Kulturen und Ländern zusammenzuarbeiten.?London aber ist teuer. ?Ein Abendessen zu zweit liegt fast immer über 100 Euro. Die Mieten sind unvorstellbar hoch?, berichtet Grueter. ?Da hilft es, einen Job im Finanzbereich zu haben ...? Und was macht er mit dem vielen Geld? ?Ein Auto hat keinen Sinn, weil man mit Taxi und Roller sowieso immer schneller ist. Und eine große Wohnung könnte ich gar nicht nutzen. Denn da bin ich eigentlich nur zum Schlafen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nabel der KunstweltNabel der KunstweltEr ist gleichsam nach London hineingewachsen. ?Seit ich mit zwölf zum ersten Mal hier war, bin ich jedes Jahr ein bis zwei Mal wiedergekommen.? Heute sind die Museen der Stadt die Welt von Florian Simm und ist Kunst sein Geschäft.Aber The Paragon Press, sein Arbeitgeber, ist kein reiner Kunsthändler und kein normaler Verlag. ?Wir erarbeiten in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern Grafik-Projekte. Und diese Originalarbeiten verlegen und vertreiben wir dann.? Seinen Job bei Verleger Charles Booth-Clibborn bekam Simm über sein Kunstgeschichtsstudium am Courtauld Institute. ?Er gab dort einen Kurs, ich habe mich blind beworben und dann auf Teilzeit-Basis angefangen.? Vier Jahre ist das her.Heute schätzt Simm die Vielseitigkeit seiner Arbeit. ?Auf der einen Seite ist da die Arbeit mit den Künstlern, zum Beispiel auch Deutschen wie Kai Althoff oder Georg Baselitz. Auf der anderen Seite ist da der Kontakt mit den Kunden.? Auch wenn für ihn London der Nabel der Kunstwelt ist, reist er viel, zu Künstlern oder zu Kunstmessen.In London ist die Fortbewegung eher schwierig. ?Die U-Bahn zehrt an den Nerven. Vor allem wenn wegen Überfüllung mal wieder die gesamte Station geschlossen wird.? Auch deshalb hat er sich kürzlich eine neue Wohnung gesucht: ?Jetzt sind es mit dem Fahrrad nur fünf Minuten bis zu meinem Arbeitsplatz.? Aber auch das hat seinen Preis: ?Hier muss man sich halt entscheiden, ob man allein weit draußen oder zentral in einer WG leben will.?Trotzdem kann sich Simm, der britische Toleranz, Lockerheit und Humor schätzen gelernt hat, kaum vorstellen, London zu verlassen. ?Ich vermisse Deutschland nicht wirklich.? Nur ?einen Handwerker zu finden, dem man vertrauen kann, ist schwierig. Und krank werden sollte man angesichts des Zustands des britischen Gesundheitssystems auch nicht.?Trotz seines Berufs ist der 33-Jährige nicht Teil des Kunst-Zirkus geworden: ?Zu Vernissagen und Ausstellungseröffnungen gehe ich eigentlich nie. Die schaue ich mir lieber in Ruhe an.? Christoph Mohr
Dieser Artikel ist erschienen am 07.12.2007