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Leben und arbeiten in Bangalore

Christoph Mohr
Die Sechs-Millionen-Metropole verbindet High Tech mit traditionellem Indien. Deutsche Expats leben in westlichem Komfort: Sandra Milius verantwortet die Personalentwicklung der Deutschen Bank in Indien.
Leben in zwei Welten
Sandra Milius verantwortet die Personalentwicklung der Deutschen Bank in Indien. Und hat im Umgang mit den Indern den Respekt vor der Hierarchie und das Schauspielern gelernt

Man spricht nicht gerne darüber: Über 5000 Mitarbeiter beschäftigt die Deutsche Bank mittlerweile in Indien, die in Bangalore und Mumbai (Bombay) Zahlungsverkehr und Buchungsabwicklung erledigen. Das ist eine Größe, für die man sogar eine eigene Personalentwicklung braucht. Dafür ist seit einem Jahr Sandra Milius mit einigen Kollegen verantwortlich.

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"Ich wollte etwas Neues, ein bisschen etwas bewegen", erklärt die 34-Jährige ihren Wechsel von Frankfurt nach Bangalore. Ein Leben in zwei Welten: Hier die Bank, "in der es recht neutral zugeht und einiges an Deutschland erinnert" und das Wohnen im bewachten Expat-Viertel, dort das traditionsverbundene Indien mit seiner Vielfalt und Armut. "Das ist schon krass, wenn sie zur Arbeit gefahren werden, und Kinder mit Behinderung, die in Zeltstädten leben, klopfen an die Scheibe", sagt Milius.

Aber die junge Deutsche hat schnell mit Indien umzugehen gelernt. "Hier gibt ein Mann einer Frau zur Begrüßung nicht die Hand und alles ist sehr viel hierarchischer." Persönliche Kontakte sind auch aus anderen Gründen schwierig: "Für unverheiratete indische Frauen, die noch bei ihren Eltern leben, ist es nicht üblich, allein etwas zu unternehmen." Dabei könnte Milius tageweise als perfekte Inderin durchgehen: "Ich trage oft einen Salwar Kameez, die klassische südindische Kleidung "wie ein Nachthemd mit darunter getragener weiter Hose", "manchmal sogar Sari, fünfeinhalb Meter Stoff, gefaltet und drapiert, dazu ein aufgeklebtes Bindi auf der Stirn".

"Das Schwierigste war aber, das Schauspielern zu lernen", lächelt Milius. "Wenn Sie mit Handwerkern zu tun haben, wenn es um den Telefonanschluss geht, immer müssen Sie ein bisschen Bollywood-Drama spielen. Man regt sich auf, man wird laut, macht dem Anderen ein schlechtes Gewissen, muss dann aber auch wieder verzeihen. Das ist schon amüsant."

Milius schätzt Bangalore als tolerante Metropole im Aufbruch: "Hier koexistieren viele Religionen, sogar Rindfleich bekommt man ganz einfach. Und irgendwie hat jeder Mensch ein Handy am Ohr." Kulturelle Karriere
Wolfgang Straub suchte die Veränderung und ließ sich von SAP nach Bangalore schicken. Dort lebt er "gesandwiched" zwischen indischen Mitarbeitern und indischem Chef

Er wollte es so. Als sich Wolfgang Straub im Oktober 2004 nach acht Jahren bei SAP auf die Stelle des Development Managers bei SAP Labs India bewarb, suchte er die Veränderung. "Durch die Entsendung nach Bangalore hatte ich die einmalige Chance, in eine andere Funktion mit Personalverantwortung hineinzuschlüpfen und andere Talente auszuleben, beziehungsweise erst zu entdecken, und das in einem völlig anderen Kulturkreis."

Heute ist der 44-Jährige Chef eines zwanzigköpfigen Entwicklungsteams, doch Personalverantwortung ",gesandwiched' zwischen indischen Mitarbeitern und indischem Vorgesetzten" ist kein Zuckerschlecken: "Viel stärker als in Deutschland hat für die Inder ein rasch messbarer Karrierefortschritt, oft angeheizt durch den sozialen Druck von Eltern, Familie und Gleichaltrigen, sehr hohe Priorität. Solche Erwartungen sind nicht immer leicht zu erfüllen."

Auch sonst geht es bei der Mitarbeiterentwicklung durchaus indisch zu: "Zu meinem Erstaunen findet ein Workshop unseres Management Development Programs im Ashram von Sri Sri Ravi Shankar statt, dem Begründer und spirituellen Oberhaupt der Art of Living Foundation, komplett mit Yoga, Atemübungen, Ayurveda und gemeinsamer Andacht mit Singen."

Umgekehrt ist das Ganze auch nicht ohne materiellen Reiz: "Finanziell steht die Familie in Indien besser da als in Deutschland. Wir beschäftigen eine Haushaltshilfe und einen Fahrer, der uns durch das Verkehrstohuwabohu von Bangalore und an alle erdenklichen Reiseziele in Südindien bringt, wohin er sich beharrlich in einer der fünf lokalen indischen Sprachen, die er beherrscht, durchfragt." Straubs Frau gibt im Übrigen kostenlos Englischunterricht in einer nahen Dorfschule, belegt aber auch einen Kurs in "pranic healing" bei einem Inder.

Manchmal ist Indien auch weit weg: "Wir wohnen in einem schönen Haus inmitten eines Bereichs mit ein paar Hundert Wohneinheiten, der durch eine mannshohe Betonmauer abgeschottet ist und mit seinen palmengesäumten Alleen und akribisch gepflegten Vorgärten eher wie eine kalifornische Vorstadt anmutet." Christoph Mohr
Dieser Artikel ist erschienen am 14.01.2008