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Leben mit der Bombe

Von Georg Weishaupt
Nina Höke und Alexander Sies würden ? ihrem Aussehen nach beurteilt ? in ein ?Schöner Wohnen?-Musterhaus passen. Aber stromlinienförmig sind weder die beiden Galeristen noch ihre Kunst, die sie am Rande des Düsseldorfer Antiquitäten- und Kunstviertels Karlstadt zeigen.
HB DÜSSELDORF. Ein Gag? ?Nein, sie wird in genau 98 Jahren explodieren?, sagt Nina Höke mit ernstem Gesicht. Sie vertraut dem Künstler Kris Martin, der zehn solcher Kugeln mit dem Titel ?100 years? von Sprengstoffexperten bauen ließ, und hofft, dass vorher nichts passiert. ?Aber manchmal habe ich schon ein mulmiges Gefühl, weil auch unsere Kinder damit spielen?, sagt Alexander Sies.Dabei wirken die beiden nicht wie Bombenbesitzer. Die schlanke, große Frau mit dem langen, geknoteten Haar und der leisen Stimme würde eher in ein ?Schöner Wohnen?-Musterhaus passen. Ebenso ihr 36-jähriger Mann, Alexander Sies, fast zwei Meter groß, modern-salopp gekleidet, mit leicht gegeltem Haar.

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Aber stromlinienförmig sind weder die beiden Galeristen noch ihre Kunst, die sie am Rande des Düsseldorfer Antiquitäten- und Kunstviertels Karlstadt zeigen. ?Wir betreuen Künstler unserer Generation, die uns berühren, die oft radikal sind?, sagt die 37-jährige Höke morgens, bei Kaffee und Croissant in den hohen Altbauräumen der Galerie.Zu den Stammkünstlern von Sies + Höke gehören nicht nur der 33-jährige Belgier Martin, sondern auch der international gefragte Bildhauer Florian Slotawa, der Möbel aus Hotelzimmern und Wohnungen zu wilden Skulpturen zusammenfügt, und Fotostar Uta Barth.Bekannte deutsche Sammler wie Wilhelm Schürmann aus Herzogenrath bei Aachen, der früh den Künstler Martin Kippenberger entdeckte, schätzen den Mut von Sies und Höke: ?Sie haben ein völlig eigenständiges Programm mit zum Teil sehr sperrigen Künstlern, die sie international groß herausbringen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mut bewiesen sie auch bei SlotawaMut bewiesen sie auch bei Slotawa. ?Wir mussten unsere Galerie komplett leer räumen?, erinnert sich Höke. Slotawa brachte im Jahr 2000 seine ganze Wohnungseinrichtung mit und fertigte daraus eine Rauminstallation. Zu Hause blieben ihm nur kahle Räume mit Apfelsinenkisten.Ein Jahr später kaufte der Düsseldorfer Kunstsammler Axel Haubrock den Gesamtbesitz des Künstlers, mit dem Erlös richtete sich Slotawa neu ein. Seine Arbeiten sind begehrt. Ein Foto von der Hotelzimmer-Installation, früher für 300 Euro zu haben, kostet heute mindestens 3 000 Euro.Höke entdeckte Slotawa im Magazin der ?Süddeutschen Zeitung?. ?Sie hat das bessere Gespür für gute Künstler?, sagt Schnellsprecher Sies ? seine Frau errötet leicht. Sie arbeitet mehr mit den Künstlern (?mit Slotawa telefoniere ich häufig stundenlang?). Ihr Mann legt seinen Schwerpunkt auf Tagesgeschäft und Messen. Entsprechend steht ihr Schreibtisch im großen Wohnzimmer, abgeschirmt von der Galerie, die sich eine Etage tiefer in einem Anbau befindet, und erreichbar für die beiden kleinen Töchter. Ihr Mann hat seinen Arbeitsplatz in der Galerie.Beide sind mit moderner Kunst aufgewachsen. Hökes Onkel ist der in den sechziger Jahren bekannte Konzeptkünstler Bernhard Höke. ?Ein richtiger Hippie mit langen Haaren.? Der lebt eine Zeit lang mit bei ihren Eltern und bringt Farbe in den Haushalt des Geschäftsführers einer Bäckereigenossenschaft.Sies wird schon als Kind ?durch Galerien und Museen in München geschleift?. Später in Berlin zieht der Sohn eines Professors für Biochemie und einer Ärztin, die schon mal zeitgenössische Werke kauft, mit Freunden in Sachen Kunst los. Mit 18 Jahren lernt er über eine Zeitungsannonce den Berliner Sammler Reinhard Schlegel kennen. Der will nach dem Tod von Joseph Beuys seine Sammlung vervollständigen. Sies hilft ihm: ?Ich hatte schnell Vertrauen in seine Fähigkeiten?, sagt Schlegel, dessen Beuys-Sammlung heute die größte Editionen-Sammlung des Künstlers weltweit ist.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Trotz des Erfolgs verschweigen die beiden nicht die Risiken des GeschäftsAlso reist Sies durch die Weltgeschichte, besucht Messen, verhandelt mit Kunsthändlern und lernt, auf Qualität zu achten. ?Als mir jemand einen Honigeimer von Beuys verkaufen wollte, in dem der Honig fehlte, habe ich es abgelehnt. Schließlich kam nur das unversehrte Original in Frage.? Schon damals beschließt er, irgendwann eine Galerie zu eröffnen.Aber er studiert zunächst Volkswirtschaft in Berlin, wo er seine Frau kennen lernt, die sich bei Betriebswirtschaft eingeschrieben hat. 1998 startet er in Düsseldorf eine kleine Galerie. ?Ich hatte vom Galeriebetrieb null Ahnung. Ich kannte zwar Künstler, aber keine Sammler?, gesteht er. Doch der Start gelingt, ?ohne auch nur eine Mark von den Eltern?. Später, als seine Frau mit einsteigt, zieht er um. Die heutige Galerie ist zweigeteilt: Vorn ein Projektraum für kleinere Ausstellungen, im Anbau Platz für Größeres.?Wir profitieren auch vom Hype für zeitgenössische Kunst?, relativiert Sies. ?Jeder, der heute gesellschaftlich sichtbar sein will, muss Kunst kaufen?, merkt er kritisch an. ?In den vergangenen fünf Jahren ist unser Umsatz stark gestiegen.? Zahlen nennt er nicht. Drei Mitarbeiter leistet sich das Paar, 60 Prozent der Kunden kommen aus dem Ausland.Trotz des Erfolgs verschweigen die beiden nicht die Risiken des Geschäfts. 2003 gelingt es ihnen, nach langem Vorlauf endlich die in Los Angeles lebende Fotokünstlerin Uta Barth nach Düsseldorf zu holen ? die Ausstellung wird ein Desaster. ?Wir haben nichts verkauft?, sagt Höke, ?das war eine Belastung für eine junge, nicht so kapitalstarke Galerie.? Aber sie lassen sich nicht entmutigen und zeigen Barths verschwommene Farbfotos von Raumdetails weiter auf Messen. Erst 2005 bei der nächsten Ausstellung geht ihre Rechnung auf. Schon nach wenigen Tagen sind alle Werke verkauft. Dieses Durchhaltevermögen gehört zur Philosophie, sagt Höke: ?Wenn wir 100 Prozent hinter einem Künstler stehen, bleiben wir ihm über Jahre treu, auch wenn wir wenig verkaufen.?
Sies + HökeLeitung: Alexander Sies und Nina HökeStammkünstler: Uta Barth, Federico Herrero, Marcel Dzama, Kris Martin, Mari Eastman, Damien Roach, DJ Simpson, Florian Slotawa, Neal Tait, Michael van Ofen, Claus FöttingerAusstellungen:
Kris Martin, Florian Slotawa: 4. Berlin Biennale
Markus Sixay und Andrea Hanak: bis 25. März in der Galerie
Messen:
The Armory Show/New York: 9. bis 13.3.
Liste 06/Basel: 13. bis 18.6.
Art Forum Berlin: 30.9. bis 4.10.
Art Basel Miami: 7. bis 10. 12.
Adresse
Sies + Höke Galerie
Poststr. 2
40213 Düsseldorf
www.sieshoeke.com
Dieser Artikel ist erschienen am 07.02.2006