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Last Call Consultant

Liane Borghardt, Claudia Obmann. Foto: Pixelio.de
Die Aussichten für Berater sind so rosig wie lange nicht mehr: Die Branche wächst, wirbt um talentierten Nachwuchs und stellt fleißig ein. Gute Nachrichten für Hochschulabsolventen, die in Umfragen immer wieder McKinsey, BCG oder Roland Berger als Wunscharbeitgeber nennen. Doch wer weiß schon wirklich, wie der Beraterjob aussieht?
Die Branche

Für Berater geht's deutlich aufwärts, die Wachstumsdelle zwischen den Jahren 2002 und 2004 ist überwunden: Laut Bundesverband Deutscher Unternehmensberater stieg der Branchenumsatz im Jahr 2006 um über elf Prozent und liegt bei 14,7 Milliarden Euro. Dabei machten die 40 größten Häuser zusammen rund 48 Prozent des Gesamtumsatzes. Egal, ob kleine oder große Beratungen - überall legte der Umsatz zu. Auch für das Jahr 2007 geht das Gros der Consulting-Firmen von Wachstum aus.

Die besten Jobs von allen


Die Platzhirsche

Beratung ist nicht gleich Beratung. Managementberatung bedeutet, dass das Unternehmen mehr als 60 Prozent seines Umsatzes mit klassischer Beratung erzielt, nämlich Strategie, Organisation, Führung und Marketing. Die fünf größten Managementberatungen in Deutschland sind (Quelle: Lünendonk-Erhebung 2006; Umsatz und Mitarbeiterzahlen teilweise geschätzt):
1. McKinsey & Company Deutschland: 1.900 Mitarbeiter, 560 Mio. Euro Umsatz
2. Roland Berger Strategy Consultants: 1.350 Mitarbeiter, 330 Mio. Euro Umsatz
3. The Boston Consulting Group: 1.100 Mitarbeiter, 265 Mio. Euro Umsatz
4. Mercer Consulting Group: 540 Mitarbeiter, 209 Mio. Euro Umsatz
5. Booz Allen Hamilton: 475 Mitarbeiter, 205 Mio. Euro Umsatz

Zu den großen IT-Beratungen dagegen zählen Accenture, IBM Global Business Services, Capgemini Consulting oder Bearing Point. Daneben gibt es eine Vielzahl von mittleren und kleinen Beratungen, die üblicherweise auf bestimmte Branchen oder Themen spezialisiert sind.

Der Arbeitsmarkt
Der Branche geht es gut, und das schlägt sich auch in neuen Arbeitsplätzen nieder: Im Jahr 2006 arbeiteten in Deutschland rund 73.000 Unternehmensberater in rund 14.250 Beratungsfirmen. Das bedeutete ein Jobplus gegenüber dem Vorjahr von knapp sieben Prozent. Besonders die großen Beratungsgesellschaften wollen auch in diesem Jahr zusätzliche Berater einstellen. So will McKinsey 250 junge Berater rekrutieren, BCG plant 210 Neueinstellungen, Roland Berger sucht 150 Leute, Booz Allen Hamilton um die 100 Absolventen und Mercer rund 70 Neuzugänge.

Recruiting-Trends
Die Beratungsriesen buhlen vor allem um die besten Absolventen sowie Young Professionals mit bis zu vier Jahren Berufserfahrung. Bei den kleinen und mittleren Beratungshäusern dürfen Bewerber gerne mehr davon mitbringen - sei es aus Beratung oder Industrie. Denn hier lautet die Devise: Prozesse bei den Kunden mitgestalten. Dafür sind erfahrene Macher gefragt. Je weniger spezialisiert ein Beratungsunternehmen, desto offener ist es für sämtliche Fachrichtungen. Gezielt bemühen sich die großen Häuser zurzeit um Ingenieure und Naturwissenschaftler. Wer keinen betriebswirtschaftlichen Hintergrund mitbringt, wird hier nachträglich fit gemacht. Eine Zielgruppe, die zurzeit alle heftig umwerben: Frauen. Flexibles, mobiles Arbeiten oder Kinderbetreuung sind wichtige Schlagwörter. Bachelors willkommen: Guten Kandidaten bezahlen die großen Beratungen nach zwei Jahren im Job oft das MBA-Studium, zweijährige Pausen für die Promotion sind ebenso drin. Wer das harte Auswahlverfahren der Beratungen - Assessment-Center, Fallstudien-Interviews - abkürzen möchte, sollte Workshops sowie Praktika nutzen, um einen Fuß in die Tür zu setzen. Insider-Infos auf www.squeaker.net.

Inhouse-Consulting
Während sich Newcomer bei McKinsey & Co. nach dem Prinzip "up or out" auf ihrem Weg nach oben breites fachliches Wissen in eher kurzen Projekten aneignen, wird der Nachwuchs der internen Beratungsabteilungen von Unternehmen gezielt zu Spezialisten und für Führungsaufgaben ausgebildet. Nach zwei bis vier Jahren ist für Inhouse-Consultants ein Wechsel in den Mutterkonzern programmiert. Die Auftraggeber der Inhouse-Berater sind meist Kollegen. Die Vorteile für das Unternehmen: Die internen Problemlöser sind schneller startklar und kostengünstiger, Firmeninterna geraten nicht in fremde Hände. Andererseits betätigen sich die Experten von DaimlerChrysler oder der Deutschen Post aber auch als spezialisierte Strategen oder Prozessberater für externe Kunden. Auch Siemens, Bertelsmann, die Deutsche Telekom und die Deutsche Bank beschäftigen hauseigene Berater.

Gehälter
Ständig unterwegs, wenig Zeit fürs Private, 60 bis 90 Wochenstunden anspruchsvolle Arbeit: Unternehmensberatungen wissen, dass sie den Einsatz ihrer Mitarbeiter über Industrieniveau entlohnen müssen. So steigen bereits Hochschulabsolventen mit einem Jahresbrutto von 40.000 bis 58.000 Euro ein, dazu kommen oft Dienstwagen und Leistungsboni. Die Höhe der Vergütung richtet sich unter anderem nach der Größe der Beratung oder der Qualifikation des Einsteigers. Weitere Faustregeln: Strategieberatungen zahlen meist mehr als IT-Berater, Inhouse-Consultants liegen im Vergleich zu ihren externen Beraterkollegen am unteren Ende der Skala. Bei den meisten Gesellschaften steht alle zwei Jahre ein Karrieresprung an, und damit steigt auch das Gehalt. Je höher die Position, desto höher wird der variable, erfolgsabhängige Vergütungsanteil.

Termine für Bewerber
Accenture: Entdecke-Accenture-Tag am 31. Mai in Kronberg; http://accenture.tmp.de/entdeckeaccenture
A.T. Kearney: Strategy-Lounge-Vortragsabend am 24. Mai in Düsseldorf; www.atkearney.de/content/karriere
Bain & Company: For-Women-Only-Workshop am 29. und 30. Juni in München; www.bain.de/karriere
Roland Berger Strategy Consultants: Step-Forward-Workshop für Frauen vom 1. bis 2. Juni; www.stepforward.rolandberger.com Start.ing2007 - Workshop für Ingenieure vom 29. Juni bis 1. Juli; www.starting.rolandberger.com
McKinsey: Impulse-Workshop vom 29. Juni bis 1. Juli in Potsdam; www.karriere.mckinsey.de/impulse
The Boston Consulting Group: Workshop für Ingenieure am 14. und 15. Juni in Berlin. www.bcg.de/ing-workshop

Ein Dutzend Beratungshäuser, von Booz Allen Hamilton über Capgemini Consulting bis IBM Global Business Service, veranstalten am 31. Mai in Pfäffikon in der Schweiz gemeinsam einen Bewerbertag; www.hobsons.ch/de/recruiting_events/career_summit

19 Beratungen, darunter etliche Inhouse-Divisionen wie VW Consulting, Deutsche Post World Net Business Consulting und Siemens Management Consulting, werben um Absolventen und junge Berufstätige auf ihrem gemeinsamen Bewerbertag am 14. Mai in Frankfurt; www.career-venture.de

Eine Datenbank mit den Unternehmensprofilen sowie den Jobangeboten von rund 520 Beratungen bietet der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) auf www.bdu.de.

In eigener Sache

Sie weiß heute, welche Autos morgen aus Wolfsburg kommen. Patrizia Krönung, 26, arbeitet bei VW Consulting und findet nebenbei Zeit fürs Triathlon-Training.

"Wow, dachte ich, als ich an meinem ersten Arbeitstag außer einem Laptop auch gleich meinen eigenen Dienstwagen bekam", erinnert sich die 26-jährige Beraterin an ihren Jobeinstieg vor zwei Jahren. Da hatte sie gerade ihr International-Business-Studium in Maastricht samt Auslandssemester in Mailand hinter sich. Eine Vorlesung eines McKinsey-Dozenten hatte ihr Interesse fürs Management Consulting geweckt; ein Praktikum bei BMW bestätigte Krönungs Faible für die Autobranche. Bei den Consulting Days in Köln, wo sich wichtige Beratungsfirmen Nachwuchskräften präsentieren, knüpfte sie Kontakt zu VW. Nach nur einer Woche, in der sie noch durchs eintägige Assessment-Center musste, hatte sie ihren Einstellungsvertrag in der Tasche. So erfolgreich sind jedoch nur ein Prozent der jährlich 1.000 Bewerber in Wolfsburg. Kein Wunder, dass die Stellen heiß begehrt sind, denn der Fahrzeughersteller züchtet in seinem Inhouse Consulting hochversierte Nachwuchsmanager heran: nach zwei bis vier Jahren Beratung und intensivem Managementtraining ist der Wechsel auf Positionen im Konzern vorgesehen. "Bis dahin gehtŽs aber gut zur Sache", erzählt die souverän wirkende Wirtschaftswissenschaftlerin. "Man will sich im Unternehmen etablieren und hat in den Projekten alle Hände voll zu tun." Bereits einer ihrer ersten Einsätze drehte sich um ein strategisches Fahrzeugprojekt.

Dazu arbeitete Krönung mit verschiedensten Konzernmanagern zusammen - aus der technischen Entwicklung, der Beschaffung und dem Vertrieb. Diese bereichsübergreifenden Kontakte auf höchster Ebene erleichtern ihr die Bewältigung ihrer Aufgaben. Aktuell identifiziert Patrizia Krönung strategische Pkw-Projekte für Zukunftsmärkte. China, USA und Russland hat sie dafür bereist. "Ich bin aber kein Hotel-Hopper." Zentrum ihrer Arbeit ist Wolfsburg. Das ermöglicht der sportlichen Beraterin eine stimmige Work-Life-Balance: "Sogar um regelmäßig für den nächsten Triathlon zu trainieren, bleibt mir Zeit."?

Mythos McKinsey

A wie Anzug oder arrogant - das fiel Anke Domscheit, 39, einst zu McKinsey ein. Doch die Spezies Berater-Schnösel hat sie dort nicht gefunden.

"Ach Gott, McKinsey!", dachte Anke Domscheit, als der Headhunter ihr verriet, für welche Beratung er sie abwerben wollte. "Vor meinem geistigen Auge tauchten Scharen von schwarzen Anzügen und gehobenen Nasen auf", erzählt die 39-Jährige. Ein Bewerbungsgespräch zur Übung schadet nicht, dachte Domscheit, damals beim Konkurrenten Accenture. Mit dem Chef "Public Sector" von McKinsey redete sie sich feurig, was man im öffentlichen Dienst verbessern könnte. "Bis heute habe ich nicht den Typus getroffen, den ich mir damals vorgestellt habe", sagt Domscheit, die selber "nicht so" aussieht. Eher wie eine Schauspielerin. Kunst studierte sie einst im Erzgebirge und nach der Wende internationale BWL im englischen Newcastle.

Eine Umfrage unter britischen Studenten nach Wunscharbeitgebern brachte sie auf die Beraterbranche. Was man da macht, wusste Domscheit nicht genau. "Strategisch denken, kommunizieren, im Team arbeiten - alles, was Frauen liegt", sagt die Berlinerin heute. Von über 1.000 McKinsey-Beratern in Deutschland sind jedoch nur 17 Prozent weiblich. "Den meisten ist nicht bekannt, dass es hier zum Beispiel eigene Kinderkrippen gibt." In Düsseldorf berät Anke Domscheit Behörden und pendelt auch unter der Woche nach Berlin, um ihren siebenjährigen Sohn zu sehen. Die Fliegerei macht ihr nicht viel aus. "Vielleicht hatte ich zu lange die Mauer", sagt sie trocken. Gegen eine geregelte 40-Stunden-Woche tauscht sie ihren McKinsey-Job nicht. Was ihr am meisten fehlen würde? "Die Menschen hier."

Klein und praktisch

Volker Schipmann, 37, punktete bei der 35-Mann-Beratung TellSell Consulting mit Berufserfahrung.

Einwandfrei, die 400 Seiten Strategiepapier, die eine große Unternehmensberatung ihrem ehemaligen Kunden hinterlassen hatte. Volker Schipmann, der die Realisierung des Projekts bei dem Konzern in der Schweiz übernahm, war beeindruckt. "Aber das Problem war, dass der Kunde das Dokument nie durchgelesen hatte", sagt der 37-Jährige mit dem jungenhaften Lächeln. Strategien, die gelebt werden können, Software, die wirklich benutzt wird, Internetportale, die funktionieren - bei der Frankfurter TellSell Consulting soll nicht nur das Konzept, sondern vor allem die Umsetzung stimmen. So sucht Volker Schipmann schon mal selbst Bürostühle aus, um ein neues Call-Center zu gestalten. "Was hat meine Arbeit dem Auftraggeber gebracht, wenn ich wieder weg bin?" Diese Frage stellte sich Volker Schipmann schon vor acht Jahren. Da pendelte er als selbstständiger IT-Berater in seinem VW Polo zwischen Dresden, Luxemburg und Köln. "Meine Berufserfahrung hat mein Vorstellungsgespräch bei TellSell erheblich verkürzt", sagt der Wirtschaftsingenieur. Gerade hat er mit zwei Beraterkollegen ein Buch geschrieben: "IT für Unternehmensgründer". Auch sonst bleibt Schipmann seiner Linie treu: Seinen Rollkoffer lässt er stets gepackt im Hotelzimmer stehen. Damit er am Wochenende schnell bei seiner Freundin ist. Strategisch wie praktisch optimal.

Dieser Artikel ist erschienen am 11.06.2007